Sylt an einem Tag

Langsam und ruckelnd setzen sich die Räder des Zuges mit einem metallischen Knirschen in Bewegung. Entspannt lehne ich mich in den Fahrersitz meines kleinen Autos zurück. Die ruppigen Bewegungen der vielen Wagons nehme ich kaum wahr. Mein Blick fällt auf die Stoßstange des Autos vor mir. Es ist ein seltsames Gefühl so reglos im Auto zu sitzen und gefahren zu werden. Aber es macht auch unheimlich viel Spaß. Mein zierlicher VW up! befindet sich auf dem Sylt Shuttle, dem Autozug der Deutschen Bahn. Meine Ferienwohnung in Niebüll befindet sich ganz in der Nähe des Abfahrtsbahnhofs. Gemächlich rollt der Zug über die metallene Brücke direkt dem Eiland zu. 35 Minuten dauert die Überfahrt. Durch das Autofenster zieht die Tristesse des sandigen Bodens des Wattenmeers an mir vorbei. Seit dem Herbst 2016 rollen Autos und Insassen mit der Bahn in Richtung Sylt. Der blaue Autozug hält in der Inselhauptstadt Westerland. Spätestens seit dem Ärztesong ‚Westerland‘ ist die Stadt den meisten Menschen ein Begriff. In der Nähe der Uferpromenade parke ich mein Auto.

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Selbst jetzt im Dezember ist Sylt hier richtig lebendig. Die meisten Besucher spazieren entlang des feinen Sandstrands. Einige sitzen sogar in den wenigen Strandkörben, die eremitengleich auf dem sandigen Grund stehen. Die letzten Zeugen eines milden Sommers in der winterlichen Inselödnis. Bei jedem Schritt knirscht der grauweiße Sand unter meinen Füßen. Ein leichter Wind weht kühl über die Nordsee und die kalte Luft hüllt mich in einen eisigen Mantel. Westerland ist mir aufgrund der Besuchermassen viel zu touristisch. Viel lieber wäre mir eine gewünschte Isolation. Eine Einsamkeit ohne viele Mitreisende. Ich spaziere durch die Fußgängerzone. Hier finden sich die typischen Läden der gängigsten Marken. Eng gedrängt neben Cafes und Restaurants entdecke ich dort wenig originelles. Ich ziehe die Autotür zu und starte meinen Wagen. Entlang der Küste hoffe ich Stille und die ersehnte Ruhe zu finden.

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Mitten im überschaubaren Inselortschaft Wennigstedt liegt ein Dorfteich. Um ihn gruppieren sich die typischen reetgedeckten Häuser und die kleine Kapelle. Still und unbeweglich ruht das Wasser des zierlichen Sees. Kein Mensch zeigt sich mir auf der Straße. Erleichtert atme ich aus. Das gewünschte Alleinsein stellt sich ein. Eine Erholung für den ganzen Menschen und auch die Seele. Ich spaziere am dunklen Wasser des Tümpels entlang. Nördlich der Kirche von Wenningstedt liegt ein Großsteingrab aus der Jungsteinzeit, das ‚Denhoog‘. Normalerweise ist der unterirdische Gang des Hügelgrabs begehbar. Jetzt im Winter ist der 3,20m hohe Hügel leider geschlossen. Der ganze Ort befindet sich bereits im Winterschlaf. Ich öffne schwerfällig die Holztür des friesischen Gotteshauses. Über dem Altar hängt ein Schiffsmodell aus dunklem Holz. Seefahrt und Fischfang bildeten von Anbeginn bis in das 19. Jahrhundert die hauptsächliche Erwerbstätigkeit auf Sylt. Nicht wenige Männer fuhren auf Walfangschiffen ins Nordmeer oder gingen auf Booten Hamburger Reedereien auf Heringsfang. Da das Meer als unberechenbar galt und oft von grausamer Naturgewalt war, bat man seit jeher mit den hölzernen Miniaturschiffen um das Wohl der Fischer. Oft ist daher auch der Altarraum in Nordfriesland mit Szenen aus dem Alltag der Fischer bemalt.

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Auf dem Weg nach Kampen fahre ich an der wunderschönen Heide entlang. Jetzt im Dezember blüht diese natürlich nicht mehr. Der Ausblick ist dennoch atemberaubend. Das zarte grüne Band, das sich beständig gegen den milden Winter wehrt, gibt den Blick auf die seichten Wellen der Nordsee frei. Tief hat sich das Meer zurück gezogen. Auf den weiten sandigen Ausläufern der Küste spazieren staksig ein paar Möwen. Ihre kleinen Zehenabdrücke sind die einzigen Spuren im einsamen Sand. Die intensive Farbe des ‚Roten Kliffs‘ begleitet meine Fahrt. Die roten Klippen strahlt im Licht der Wintersonne. 52m hoch ist die Steilküste, die den Seefahrern über Jahrhunderte hinaus als Orientierung galt. Kampens reetgedeckte Häuser aus roten Backsteinen verströmen eine Atmosphäre vergangener Zeit. Reetdächer speichern im Winter die Wärme im Haus und sorgen für luftige Kühle in heißen Sommern. Da Sylt zu großen Teilen heute unter Naturschutz steht muss das Material zur Ausbesserung der Dächer von anderen Orten importiert werden.

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Wieder habe ich das ganze Dorf für mich allein. Ich schlendere entlang der Nobelmeile Strönwai. Auf der Luxusmeile reihen sich Designerläden aneinander. Für mich ein Widerspruch zu den traditionellen friesischen Backsteinbauten. Aber Sylt ist eben auch die ‚Insel der Reichen und Schönen‘. Da ich mir hier niemals etwas leisten kann, lasse ich mich an den Schaufenstern vorbei treiben. Auf kleinen Holzstegen laufen ich bergan. Eine Vielzahl von morschen Treppenstufen führt auf die Spitze der höchsten Düne. Die ‚Uwe Düne‘ ist mit 52,5 Metern die höchste Erhebung auf Sylt. 110 Stufen muss man erklimmen um zum Gipfel zu gelangen. Die Aussicht aus dieser Höhe ist atemberaubend schön und fesselt mich sofort. In der Ferne glitzern die Strahlen der Nachmittagssonne auf den sandigen Küstenufern der Nordsee. Diese hinterlassen kleine aufblitzende Lichtpunkte, die in einem kunstvollen Muster über den Grund des Bodens tanzen. In ständiger und immer neuer Veränderung wie ein lebendiges Kaleidoskop.

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List auf Sylt ist der nördlichste Ort Deutschlands. Verloren liegt er an der Nordspitze der Insel. Im Grunde ähneln sich die Ortschaften des Eilands sehr. Eine Ansammlung von reetgedeckten Häusern aus rotem Backstein. Darunter ein paar Cafes und Restaurants. Der kleine Ort List ist von einem 40Km langen Sandstrand umgeben. Der nördlichste Ausläufer der Inselspitze wird ‚Ellenbogen‘ genannt. Seine Form gibt diesem Inselteil seinen Namen. Hier umgibt einen die völlige Einöde. Das Gebiet ist komplett unbebaut. Keine Restaurants oder Menschenmassen stören die Einsamkeit. Die einzigen Bewohner sind Schafe, Seehunde und Vögel. Ich verliere mein Gefühl für die Zeit. Platz für Hektik ist hier nicht. Die Minuten verrinnen angenehm langsam. Ich fühle mich als hätte ich alle Zeit der Welt. Der Ellenbogen ist von Wanderdünen bevölkert. Die größte diese Sanddünen ‚wandert‘ durch das kontinuierliche Wehen des Ostwindes etwa 7m pro Jahr. Die kleineren Dünen sind wesentlich schneller. Entschleunigt und ohne Eile fahre ich zurück ins Stadtgebiet und trinke im Hafen von List gemütlich einen Kaffee. Rund um die Ankerplätze stehen bunte Holzhäuser im skandinavischen Stil. Ich spaziere entlang der Mole. Gierig sauge ich die jodhaltige Meeresluft ein. Eiskalt strömt diese durch meine Luftröhre in die Lunge.

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Der schönste Ort auf Sylt ist mit Abstand Keitum. Reetgedeckte Kapitänshäuser mit liebevoll gepflegten Vorgärten reichen sich an idyllische Plätze und uralte Baumalleen. Die meisten Häuser stammen noch aus dem 18. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt war der Walfang noch die Haupterwerbsquelle der Insel und brachte dem vorher armen Sylt ungekannten Wohlstand. Daher besteht der Eingang zum Garten vor dem Sylter Heimatmuseum auch aus dem Kieferknochen eines Wals. Ganz in der Nähe im Altfriesischen Haus kann man nachvollziehen wie das Leben auf der Insel im 18. und 19. Jahrhundert war. Das Gebäude wurde 1739 gebaut und die Einrichtungsgegenstände stammen alle aus dieser Zeit. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts galt Keitum als Hauptort der Insel Sylt. Hier lebte auch der einzige Inselarzt und befand sich die einzige Apotheke. Langsam legt sich grauer Nebel über die verwinkelten schmalen Gässchen. Wie ein dicker Teppich überzieht er die Reetdächer bis hin zum Küstenstreifen. Fast schon mystisch ist die Atmosphäre. Geheimnisvoll dämmern die letzten Strahlen der Abendsonne durch das gewebte Nebelmuster. Völlig entspannt steige ich in mein Auto. Die angenehme Isolation auf dieser Insel hat mich in absolute Erholung versetzt. Die endlose Weite und allumfassende Ruhe fasziniert mich. Sylt ist das schönste Winterdomizil.


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