Im Gefängnis der Gestapo

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Fotos und Videos mit freundlicher Unterstützung von http://www.mallygrafie.de/

Ich drücke mit beiden Händen gegen die hölzerne Tür. Schwer löst sich das eiserne Scharnier. Meine Turnschuhe hinterlassen quietschende Geräusche auf dem hellen Linoleumfußboden. Ich atme tief durch und schließe die Kamera so fest in die Hand, das die Fingerknöchel hervortreten. Ein schmaler Gang führt ein paar Stufen hinab in den Keller. Dort befindet sich das Gefängnis der Gestapo. Mir ist kalt. Ich reibe meine Oberarme mit beiden Händen. Meine Jacke habe ich an der Garderobe abgegeben, wie die Gefangenen früher auch. Ein eisiger Windhauch kriecht in meine Glieder und hinterlässt ein klammes Gefühl auf meinem Pullover. Eng ist der Gang zu den Zellen. Abwehrend strecke ich die Hand in das Gefängnis. Winzig sind die Kabinen. Die Insassen konnten nur im Fischgratmuster zwischen den Füßen eines anderen Häftlings etwas schlafen. Im Sitzen und zu unwürdigen Bedingungen mit dem Kopf auf der Schulter ihres Vordermannes. Zur Erpressung von Geständnissen wurde die Gefangenen verprügelt und tagelang verhört. Vom Dezember 1935 bis März 1945 befand sich hier der Hauptsitz der Kölner Gestapo. Zehn Gefängniszellen befinden sich hier. In den oberen Etagen waren die Büros der Gestapomitarbeiter. Nach dem Krieg wurde das Haus durch den öffentlichen Dienst als Rentenstelle sofort wieder genutzt. Teilweise beantragten hier also Menschen ihre Rente, die früher in einer der Zellen im Keller gesessen hatten. Die Mitarbeiter begegneten diesen mit Beruhigungspillen, damit die Senioren während ihres Aufenthalts in den ihnen bekannten Räumen die Fassung wahren konnten. Die Erinnerungen an die Gestapo-Verhöre hatte diese wohl etwas aufgebracht. Unvorstellbar! Die Regierung zwingt den Mensch wieder in den Kerker zurückzukehren, der ihm soviel Leid bereitet hat. Weil man die Geschichte nicht wahrhaben will und verdrängt. 1979 wurde die Mahnstätte daher erst zum NS-Dokumentationszentrum.

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Unmittelbar nachdem die Gestapo das Haus angemietet hatte, ließ diese im Keller die Gefängniszellen bauen. Die Häftlinge wurden solange dort untergebracht, wie diese verhört wurden. Sie mussten teilweise Monate hier verbringen. Ich fahre über die eingeritzten Inschriften in den Zellwänden. Manche traurig und resigniert, andere hoffnungsvoll und Mut machend. Alle Sprüche bestehen aus dünnen Linien, teilweise mit Fingernägeln eingeritzt. Direkt nach dem Krieg wurden die Arrestkammern nicht beseitigt, sondern als Abstellräume und Aktenkeller benutzt. Eigentlich waren die winzigen Parteien nur dafür geplant um 1 bis 10 Personen unterzubringen. Dennoch gab es während des Krieges eine Überbelegung von 8 bis 20 Personen pro Zelle. Die politische Opposition saß hier ebenso ein, wie der Kritiker am NS-Staat. Die Richter entschieden willkürlich über die Erhebung von Beweisen, eine Berufungsmöglichkeit gab es nicht. Während des 2. Weltkriegs spitze sich die Situation immer mehr zu und die Gerichte fällten immer drastischere Urteile. Bei den kleinsten Bagatelldelikten verhängten diese bereits die Todesstrafe. Die Gestapo (Geheime Staatspolizei) hatte das Recht Personen jederzeit in Konzentrations- oder Arbeitslager einweisen. Die in beiden Einrichtungen eingesetzten Methoden von permanentem Drill, auszehrender Arbeit, sowie Hunger und Krankheit, waren ähnlich. Allerdings war der Haftaufenthalt im Arbeitslager begrenzt und endete nicht mit dem Tod. Neben der Erpressung von Geständnissen in ‚verschärften Vernehmungen‘ wurden die Häftlinge auch körperlich gezielt verstümmelt. Aufgrund des 1933 erlassenen ‚Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses‘ konnten die Gefangenen gegen ihren Willen zwangssterilisiert werden. Um eine möglichst gesunde Erbmasse zu erhalten wurden die unfreiwilligen Sterilisationen vor dem Erbgesundheitsgericht beantragt und bewilligt. In Köln wurden dadurch etwa 2.000 Menschen unfruchtbar gemacht.

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Ab 1939 wurde im Zuge der ‚Arisierung‘ (Entjudung) zusätzlich immer rigoroser auf das Eigentum von Juden zugegriffen. Diese Bevölkerungsgruppe wurde schrittweise aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben verdrängt. Immobilien von jüdischen Einrichtungen oder Emigranten wurden vom Deutschen Reich beschlagnahmt. Jüdische Unternehmer wurden enteignet und ihr Betrieb wurde einem nichtjüdischen Besitzer übertragen. Zusätzlich mussten alles Wertvolle und Verwertbare wie Fahrräder, Radioapparate, Bargeld, Wertpapiere, Schmuck und Pelze abgeben werden. Die Menschen, die einer Deportation zugeteilt wurden, mussten ihr letztes Hab und Gut zurücklassen. Dieses wurde dann von den Behörden öffentlich für wenig Geld versteigert. Zehntausende von Kölnern bereicherten sich auf diese Weise an dem Vermögen ihrer jüdischen Nachbarn. Der Mieterschutz für Juden wurde aufgehoben. Im Mai 1941 ordnete die Gestapo im zuge dessen die zwangsweise Zusammenlegung aller jüdischen Kölner und Kölnerinnen in einigen linksrheinischen Stadtvierteln an. Dort mussten diese in sogenannten ‚Judenhäusern‘ leben. Die jüdischen Familien wohnten auf engstem Raum bis diese einer Deportation zugeteilt und in ein Konzentrationslager gebracht werden konnten. Etwa ein Jahr vor Ende des Krieges wurde die Gestapo-Arbeit zunehmend brutaler. Hinrichtungen an ‚fremdvölkischen‘ Personen konnten ohne Zustimmung aus der Zentrale in Berlin erfolgen. Die regionalen Stapostellen konnten nun eigenmächtig und willkürlich über den Tod von ausländischen Häftlingen entscheiden. Hinrichtungen wurden im Hof des Gestapohauses durchgeführt. Meistens wurden die Deliquenten erhängt, seltener kam es zu Erschießungen. Ein transportabler Galgen an dem maximal 7 Menschen gleichzeitig hängen konnten wurde im Innenhof aufgebaut. Die Leichen transportierte man auf Wagen der städtischen Müllabfuhr zum Friedhof. Diese verfügte dort über ein eigenes ‚Gestapofeld‘, indem die Toten anonym begraben wurden.

Die kahlen, gelblichen Mauern mit den vielen Inschriften jagen mir einen unangenehmen Schauer über den Rücken. Die zahlreichen Menschen, die hier verprügelt, gefoltert und hingerichtet wurden, haben eine hoffnungslose Atmosphäre zurückgelassen. Menschen wurden in Zellen gepfercht wie Hühner auf der Stange und ernährt von Wassersuppe und einer Scheibe Brot. Der Nachhall der Resignation und Mutlosigkeit durchdringt die alten Mauern wie der Hauch einer Umklammerung durch eine kalte Hand. Die zahlreichen Sprüche an den Wänden erzählen von den vielen Tränen, die hier geflossen sind. Sie sprechen von den zahlreichen geliebten Menschen, die zurückgelassen worden sind. Oder vom letzten humorvollen Aufbäumen, welches in dieser Umgebung eigentlich undenkbar und ausgeschlossen scheint. Ein lustiger Spruch verhallt in einer grausamen Tristesse und schafft es dennoch die Düsternis kurz zu durchbrechen. Ich umschlinge mit beiden Händen meine Arme, um die eisige Umgebung zu erwärmen. Die Kälte der steinernen Wände kriecht bis in mein Inneres. Eine Kühle, die man nicht abschütteln kann. Ich will heraus aus diesem Gefängnis. Und ich kann es zum Glück auch. Ich öffne einfach die Tür und gehe. Planlos spaziere ich durch die Altstadtgassen Kölns. Langsam gibt meine Jacke wieder Wärme ab und der Frost des Dokumentationszentrums verschwindet. Im zierlichen Cafe ‚Süß und Salzig‘ bestelle ich einen Kaffee. Der schmale Raum versprüht diesmal eine wohlige Behaglichkeit. Ich entspanne meine Glieder. Die erbarmungslose, dunkle Stimmung der Gefängniskammern bleibt zurück. Kaum habe ich Platz genommen, lerne ich Lilly kennen. Der kleine Malteser legt seinen Kopf auf meinen Oberschenkel und blickt mich mit großen, schwarzen Hundeaugen an. ‚Lilly.‘ die Besitzerin von Cafe und Hund schüttelt ungläubig den Kopf. ‚Ist schon gut.‘ ich hebe abwehrend die Hand. ‚Hallo Lilly, ich bins die Hundeflüsterin.‘ spreche ich leise in das kleine weißen Gesicht, das erwartungsvoll zu mir aufsieht. Ich bin froh, dass Lilly da ist, sie gibt mir ein angenehmes Gefühl von Wärme.

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2 Gedanken zu “Im Gefängnis der Gestapo

    1. Danke. 🙂 Das stimmt. Fast 2000 Inschriften von Gefangenen findet man an den Wänden der zehn Zellen. Ein trister Ort und trauriger Zeitzeuge einer unangenehmen Geschichte. Aber ich möchte auch über solche Dinge schreiben und welche Gefühle ich beim Besuch hatte. Ich finde, das ist authentisch. Liebe Grüße nach Nürnberg

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