Schiffe versenken

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Bunte Blätter fallen auf meine Schulter und purzeln sich gleichmäßig überschlagend auf das Trottoir. Es riecht nach nassem Laub und Feuchtigkeit. Ein erdiger Geruch zieht in meine Nase. Es ist kalt und ein leichter Wind weht. Meine Kleidung ist klamm und zieht eine kühle Frische in meine Glieder. Der Himmel ist grau und wolkenverhangen. Hin und wieder schickt die Herbstsonne zierliche wärmende Strahlen zur Erde. Es riecht nach heißen Maronen und frostigem Raureif. In den Geschäften gibt es bereits die ersten Lebkuchen, obwohl Weihnachten noch über einen Monat entfernt liegt. Die welken, trockenen Blätter rascheln und zersplittern unter meinen Schritten. Behutsam setze ich meinen Fuß passgenau auf den nächsten Stein des Kopfsteinpflasters in der Innenstadt Freiburgs. Ich darf auf keinen Fall die Ränder der Pflastersteine übertreten. Als Kind konnte ich stundenlang von Stein zu Stein die gesamte Straße entlang hüpfen. Immer darauf bedacht nie über die Umrisse des Gehwegsteins zu treten. Sonst hat man verloren, obwohl man gegen niemanden spielt. Die Freiburger Fußgängerzone in der Altstadt bietet sich für diese Kindheitserinnerung in so hohem Masse an, dass ich auch als Erwachsene nicht widerstehen kann.

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Zwischen dem unebenen Kopfsteinpflaster fließen normalerweise in zierlichen Rinnsalen die Bächle. Die kleinen Wasserläufe werden von der Dreisam gespeist, derzeit sind diese allerdings völlig trocken. Sie leiteten im Mittelalter in alle Stadtteile Wasser zur Versorgung von Vieh oder zum Brauen von Bier. Als Trinkwassersystem wurden die Bächle hingegen nie genutzt. Damit die Flüsschen tagsüber ein positives Bild der Stadt boten, durften in ihnen bereits seit dem 14. Jahrhundert „Ärgernis erregende Stoffe“ nicht vor Einbruch der Dunkelheit entsorgt werden. Vorsichtig muss ich beim Hopsen sein. Wenn ich ins Bächle trete, muss ich laut dem Volksmund einen Freiburger heiraten. Da mir nichts ferner liegt als die Ehe, lasse ich besondere Achtsamkeit walten. Ich wische ein blutrotes Blatt von meiner Jacke und beobachte wie dieses langsam zu Boden segelt. Trostlos runzelig sind die Blattränder und von einer rostigen Farbe. Das Leben vergeht und ensteht im Frühling wieder neu. Völlig ausgestorben ist die Innenstadt Freiburgs. Leer sind die Straßencafes und Restaurants. Auf einem Fenstersims stehen selbstgemachte Kastanienmännchen. Unschlüssig drehe ich die gefalteten kleinen Papierboote in meiner Hand. Alle Bächle sind leider ausgetrocknet.

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Auf der Suche nach fließendem Wasser, um die Schiffchen auszusetzen, schlendere ich durch die Altstadt. Freiburg ist die wärmste Stadt Deutschlands mit den meisten Sonnenstunden. Ende Oktober ist es dennoch ziemlich kühl. Trist ragt der Münsterturm in den wolkenverhangenen Himmel. Dahinter erhebt sich das immergrüne dunkle Tannenband des Schwarzwalds. Wie ein undurchdringliches, finsteres Relief umzieht der Wald die Stadt und den Talkessel, in dem diese liegt. Knallrot zeichnet sich die Fassade des reich verzierten Historischen Kaufhauses gegen das frische Moosgrün der Bäume ab. Das Gebäude ist das erste Kaufhaus Freiburgs und stammt aus dem 14. Jhd. Die Einfassungen der Bächle werden merklich breiter je näher ich dem Rand der Innenstadt komme. Karg ragt ein steinerner Krokodilkopf aus dem felsigen Bodenbelag. Auch hier fließt kein Tropfen Wasser. Hinter dem Schwabentor erhasche ich endlich einen Blick auf den grünen Strom der Dreisam. Der Legende nach kam im 19. Jhd. ein Schwabe mit zwei Fässern voll Geld nach Freiburg, um die Stadt zu kaufen. Die Einwohner verspotteten ihn und lachten ihn aus. Wesentlich heiterer war das Gelächter als sich herausstellte, dass die Fässer nur Sand und Kieselsteine enthielten. Die Frau des Schwaben hatte heimlich das Geld gegen die Steine ausgetauscht.

Träge zieht der klare Fluss vor mir dahin. Das grünliche durchsichtige Wasser lässt den steinigen Untergrund erahnen. Die kleinen Flusskiesel am Boden glitzern in der Sonne und schwimmen in den seichten Wellen. Kleine Wassertropfen spritzen auf meine Schuhe und Finger als ich das erste Boot auf die Wellen setze. Sofort gleitet es mit der Strömung voran. Unglücklicherweise sind meine Talente Papierschiffe zu bauen recht begrenzt. Bereits nach kurzer Strecke legen sich die Bötchen gefährlich auf die Seite. Bis schließlich die Fahrt über einen kleinen aus dem Wasser ragenden dunkler Kiesel den Kahn zu Fall bringt und umwirft. Das billige Papier aus dem Prospekt der Bahn saugt sich sogleich mit der Flüssigkeit voll und der stolze Dampfer endet als Papierleiche auf dem Grund des niedrigen Flusses. Kein Boot bezwingt die Freiburger Stromschnellen. So versinken an diesem Tag acht Frachter mit der gesamten Mannschaft. Als Augenzeuge beobachte ich eines der größten Schiffsunglücke in Baden-Württemberg. Trübe und verblasst liegen die papiernen Bauteile auf dem Flussgrund und schweben langsam über den sandigen Untergrund. Retten konnte sich leider niemand. Grund des bedauerlichen Unglücks waren starke bauliche Mängel und Materialfehler, die eigentlich schon vor der Jungfernfahrt hätten auffallen müssen.

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5 Gedanken zu “Schiffe versenken

      1. Vielen Dank. 🙂 Bisher nicht. Aber da ich Freiburg regelmäßig besuche kann das durchaus einmal passieren. Vom Heiraten halte ich allerdings nicht so viel. ‚Bis das der Tod Euch scheidet‘ klingt ganz schön lang. 😉 Und Du? Bereits die Liebe in Freiburg gefunden?

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