Seemann Ahoi!

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Gleichmäßig und monoton durchschneidet das schwarze Paddel das dunkelgrüne Wasser. Die Spree rund um Lübben ist nicht tief, aber das Wasser undurchsichtig. Den sandigen Boden kann ich durch die moosgrünen seichten Wellen, die an den Bug des zierlichen Kajaks schwappen, nur erahnen. Die wunderbare Landschaft des Spreewalds breitet sich zu beiden Seiten des Ufers aus. Lange Zeit war diese Gegend völlig unbekannt. Erst durch die Eröffnung der Eisenbahnstrecke zwischen Görlitz und Berlin 1860 wurde überhaupt jemand auf diese Region aufmerksam. Ab diesem Zeitpunkt wurden Tagesfahrten ab Berlin zu den Städten Lübbenau und Lübben im Spreewald organisiert. Für die Besucher waren dies exotisch anmutende, aber gut erreichbare Urlaubsziele. Die idyllische Isolation, die mich umfängt, gibt den Gästen seit damals Recht. In entspannter Ruhe versenke ich still das Paddel um vorwärts zu kommen. Leider habe ich keine Erfahrung im Rudern.

Immer näher kommt die Uferseite mit den vielen Schilfhalmen. Auf einer hölzernen Brücke sitzt einsam ein Angler. Still ruht die Angel im Wasser der Spree. Misstrauisch beäugt er mich. Das Paddel gegen das Wasser anzudrücken ist anstrengend. Mein Boot bewegt sich auch nicht in die von mir gewünschte Richtung. Sturr fährt es weiter auf den Angler und seine ausgeworfene Angelschnur zu. Ungläubig sieht der Mann mich an. Meinem anrückenden Kajak traut er nicht. Ich versuche mit gleichmäßigen Bewegungen das Boot zur Umkehr zu zwingen. Immer näher kommt das Ufer und die zierliche Holzbrücke. Nervös holt der Angler schließlich die Angelschnurr ein und mustert mich mit düsterem Blick. Enttäuscht gebe ich auf. Ich reiche das Ruder hinter mich und mein Freund bringt uns aus der Gefahrenzone. Immer weiter entfernt sich der Angler von unserem Boot. Der Mann macht ein erleichtertes Gesicht.

Ich schiele angestrengt auf das Wasser. Ob es hier Schlangen gibt? Im Spreewald haben diese Tiere einen guten Ruf, da sie Ungeziefer unter den Häusern der Bauern fernhalten. Die Bauernhöfe sind nicht direkt auf den Grund gebaut, sondern auf Holzbohlen. In der feuchten Umgebung darunter finden die Schlangen eine ideale Behausung. Laut einer traditionellen Erzählung bekam in dieser Gegend der König der Schlangen seine Krone geklaut. Das leise Rauschen der Blätter in den Uferbäumen versetzt mich in die Welt der sorbischen Sagen. Eine leichte Windbrise kräuselt die Wellen. Meine ungeschickten Versuche zu Rudern hatten meine Jeans völlig durchnässt. Jetzt hängt der Stoff nass auf meinen Beinen und eine klamme Feuchtigkeit setzt sich in der Kleidung fest. Unser Boot schippert völlig allein über einen Nebenarm der Spree. Es raschelt im Schilf. Mein Kopf fliegt erwartungsvoll zur Seite. Ein kleiner Nutria ist auf der Suche nach Nahrung. Das Kajak triftet Richtung Ufer und ich biege die Schilfhalme beiseite. Mit vollen Backen kaut der Nutria sein Mittagessen. Die Menschen stören ihn nicht.

Laut fange ich an zu singen. Ein Seemannslied natürlich. ‚Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord…‘. Glaubt man einer alten Überlieferung, so entstand das weit verzweigte Netz aus Flußarmen im Spreewald durch den Teufel höchstpersönlich. Als dieser seine Höllenochsen vor den Pflug spannte und mit Peitschenknallen antrieb, sträubten sich die Tiere und rannten dem Teufel davon. Die Stiere jagten quer über die Felder und hinterließen tiefe Furchen, die sich mit Wasser füllten und den Spreewald entstehen ließen. Ein leichter Nebelhauch zieht über das Wasser der Spree. Die Nachmittagssonne steht tief und es wird merklich kälter. Zumindest sieht mich hier die Mittagsfrau nicht. Wehe dem Bauern, der in der heißen Mittagszeit weiter auf dem Feld arbeitet! Diesem erscheint die Mittagsfrau. Sie schwingt ihre Sense und fordert den Unglücklichen auf, eine Stunde lang Geschichten über Flachs zu erzählen. Ist der Bauer tüchtig und kennt sich aus, so gelingt ihm dies und er wird verschont. Wer jedoch weniger bewandert ist, der stirbt durch den „Hitzeschlag“ der Mittagsfrau.

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Uns könnte allerdings der Wassermann holen. Einer weiteren Sage nach lebt dieser in den Tiefen der Spree mit seiner Familie. Man erkennt ihn am tropfenden Saum seines Mantels. Die schönen Töchter tanzen oft auf Volksfesten und locken danach Ahnungslose in ihr Wasserreich. Eltern verwenden diese Erzählung oft, um ihre Kinder vor dem Wasser zu warnen. Zu den kleinsten Bewohnern der großen Spreewälder Sagenwelt zählen die Lutki. Sie leben unter der Erde, da ihre Ohren Kirchengeläut nicht vertragen. Manchmal jedoch erscheinen sie bei den Menschen, um sich etwas zu borgen. Diese Wesen haben eine besondere Aussprache. Sie verneinen Sätze, obwohl sie das Gegenteil meinen. Wer ihnen das Gewünschte leiht, erhält bei Rückgabe ein kleines Geschenk. Die Lutki sind ähnlich der bekannten Heinzelmännchen und säubern wie diese über Nacht gern die Häuser der Anwohner. Drachen gibt es in dieser Region sogar auch. Normalerweise leben diese auf dem Dachboden eines Hauses. Füttert man sie mit Keksen, bringen sie der Familie Glück oder Geld.

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In Lübbenau ist heute Abend tatsächlich mal etwas los. Im Kulturzentrum Gleis 3 findet ein Bandcontest statt. Wild tanzt ein Mittdreißiger auf der Tanzfläche. ‚Ich rocke seit dem Urknall‘ steht auf der Rückseite seines Sweatshirts. Insgesamt spielen 3 Bands. Damreyja ist mein Favorit. Die drei jungen Musiker haben für ihr Alter überaus geistreiche Texte. Sie wollen Musik machen, die ihr Publikum bewegt und haben sich bei den Liedern definitiv was gedacht. Alle drei sind aus Cottbus, nicht weit vom Spreewald entfernt. Ständig rufen ein paar betrunkene Tänzer dazwischen. In Lübbenau ist sonst nix los. Erst in zwei Wochen hat das Gleis 3 wieder geöffnet. Die Anwohner müssen diesen Abend also auskosten. Mich überzeugt die Musik von Damreyja auf ganzer Linie. Es gibt keinen Besucher im Saal, der nicht wenigstens im angenehmen Takt mitwippt. Diese Band werde ich mir definitiv noch viel öfter anhören. Viel Erfolg an die Drei!

 


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