Bäderstadt Wiesbaden

Zaghaft schiebe ich mit der flachen Hand den Rücken vor mir zur Seite. Die Menschenmenge lässt mich schwindeln. Ständig rempelt mich jemand an. Ich widerstehe dem Gefühl meinen Ellenbogen gewinnbringend einzusetzen. Quälend langsam komme ich voran. Millimeter um Millimeter schiebe ich meine Füße voran. Direkt vor mir bleiben Leute einfach stehen. Planlos recken diese ihre Gesichter über die unübersichtlichen Besucherzahlen des Stadtfests von Wiesbaden. Der gesamte Marktplatz ist bevölkert von Händlern und Gastronomie. Auf mehreren Bühnen spielen Musikgruppen. Die Innenstadt der hessischen Hauptstadt platzt aus allen Nähten. Schon fühle ich, wie die herannahende Horde von Festbesuchern mich immer weiter in das Gedrängel schiebt. Überblick gewinnen ist unmöglich. Unbarmherzig werde ich von fremden Menschen weiter geschoben oder zur Seite gedrängt. Ich sehe nur ein Meer aus Köpfen, die auf vorbei eilenden Jacken sitzen. Ich versuche aus den Menschenansammlungen an den Rand des Herbstmarkts zu entfliehen. Von hier kann ich wenigstens ein paar Blicke auf die angebotenen Waren erhaschen.

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Die Kulisse der vielen Stände mit dem Rathaus und dem Hessischen Landtag im Hintergrund ist schön anzusehen. Scharf hebt sich der rote Backsteinbau der Stadtverwaltung gegen den azurblauen Himmel ab. Das hübsche Areal ist mir dennoch zu eng. Ich entkomme in die ruhigeren Gassen der Altstadt. Die Anzahl der Menschengruppen lichtet sich. Mein Spaziergang führt vorbei an reich verzierten Hausfassaden. Von Sockel bis Dach sind diese mit barocken und klassizistischen Elementen dekoriert. Kleine Säulen und kunstvolle, bildhafte Darstellungen zieren die hoch aufragenden Paläste. Entdeckt wurde Wiesbaden von den Römern. Diese errichteten vor etwa 2000 Jahren ihr erstes Kastell in Mainz. Ihre Pferde ließen sie auf den Wiesen der anderen Rheinseite grasen. Dabei entdecken die Rösser und ihre Besitzer die warmen Thermalquellen in den Rheinauen. So kam Wiesbaden zu seinem Namen: ‚In den Wiesen baden.‘

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Aus den insgesamt 26 heißen Quellen sprudeln auch heute noch täglich fast zwei Millionen Liter Thermalwasser. Ende des 19. Jhds wurde die Badestadt daher von adligen, europäischen Kurgästen überrannt. Wiesbaden wurde zum Treffpunkt der High Society. Damit diese während ihres Aufenthalts auch feiern konnte wurde 1907 das Kurhaus eröffnet. Über 60 Grand Hotels verteilen sich seitdem über die gesamte Stadt. Viele Patrizier fühlten sich so wohl, dass diese sich selbst Paläste in Wiesbaden errichteten. Die meisten prachtvollen Villen sind bis jetzt in privater Hand geblieben. Der Flair der Innenstadt und Umgebung hat sich viele Fans erhalten. Auch heute nutzen etliche Gäste hauptsächlich bei rheumatischen und orthopädischen Erkrankungen die warmen Bäder. Zudem wird das Wasser inhaliert um Lungenkrankheiten zu mildern. Zur Vorbeugung von Osteoporose wird es auch getrunken. Die Themen rund um Gesundheit und Wasser begleiten den Besucher der hessischen Stadt bei jedem Schritt.

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In Wiesbaden befindet sich auch das einzige Diagnostische Krankenhaus in Deutschland, die DKD Helios Klinik. Diese wurde 1970 nach dem Vorbild der Mayo Klinik in Rochester, USA gegründet. Das besondere an diesem Versorgungsmodell ist die fachübergreifende Zusammenarbeit von über 60 Spezialisten. Es wird also nicht nur ein einzelner medizinischer Themenbereich in der Anamnese berücksichtigt, sondern der Patient wird von allen verfügbaren ärztlichen Abteilungen untersucht. Dadurch hat sich das Hospital auf die Untersuchung von komplizierten Krankheitsbildern spezialisiert. Wenn sich die gängige Arztpraxis nicht bewährt, lohnt sich also der Besuch hier. Die Methodik des Krankenhauses ist überaus erfolgreich. Daher werden über 37.000 Patienten im Helios Hospital jährlich untersucht. 100 Ärzte und medizinische Teams aus verschiedenen Fachbereichen stellen ihre Kompetenz zur Verfügung. Eine Zweitmeinung dieser Institution lohnt sich immer.

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Ich rümpfe die Nase. Dann ziehe ich den schwefligen Geruch tief ein. Dem Kochbrunnen entweicht ein feiner gelblicher Dunstschleier verbunden mit einem durchdringenden Schwefelaroma. Als feiner Nebel hängt er über dem verfärbten Stahlsockel der Wasserstelle, reglos in der Luft erstarrt. Aus 2.000 Meter Tiefe kommt das 66 Grad heiße Wasser hervor.  Seine hohe Temperatur resultiert aus unterirdischen Magma-Herden. Auf seinem Weg durch die Erde reichert sich das Wasser mit Kalzium, Magnesium, Eisen, Mangan und Kohlensäure an. Es schmeckt leicht salzig, ist aber klar und farblos. Der Großteil des Wassers wird in die vielen Thermalbäder der Stadt geleitet zum Wohle der Badegäste. Ebenso dient es zur Beheizung der Grand Hotels und des Rathauses. Im 19. Jhd. war das Brunnenwasser Bestandteil der Trinkkur vieler Kurgäste. In der Römerzeit wurden die rötlichen Sinterablagerungen des Wasser zum Färben von Haaren benutzt.

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Nicht weit entfernt befindet sich die nächste Quelle, der Bäckerbrunnen. Dieser stammt aus dem 18. Jhd. und liegt im früheren Bäcker- und Metzgerviertel von Wiesbaden. Wie der Name schon sagt. Das heiße Wasser ersparte teures Brennholz. Drei Pfennig kostete damals ein Fass mit 50 Litern. Ein Bad zu nehmen kostete also etwa 20 Pfenning. Bis 1975 schüttete der Brunnen aus seiner eigenen Quelle 65 Liter ca. 50 Grad heißes Wasser pro Minute aus. Dem Heilwasser wird eine stabilisierende Wirkung nachgesagt. Wegen seines geringen Arsengehalts sollte es allerdings nur in kleinen Dosen getrunken werden. Da das Thermalwasser sehr aggressiv zu Metallrohren ist, wurden die Heizungsrohre der Stadt durch Kunststoffleitungen ersetzt. Insgesamt sind in der Stadt rund 4,5 Kilometer Thermalwasserleitungen verlegt. Durch die Nutzung der Thermalquellen konnten bisher 43.500 Liter Heizöl eingespart werden. Ich nippe an meinem mitgebrachten Becher. Warm rinnt das salzige Wasser durch meine Kehle. Ich huste und verziehe das Gesicht. Was tut man nicht alles für die Gesundheit. Es ist doch immer wieder faszinierend, wie gut wir die Natur für unsere Zwecke nutzen können. Wir müssen dieses Potential nur sinnvoll investieren.


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