Reise in die Steinzeit

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Müde und alt knirschen die Holzbalken unter meinen Sohlen. Das Geländer der kleinen Brücken ist von den Gezeiten zernagt und zerfressen. Bei jedem Schritt wackeln die schmalen Holzstege. Ich hoffe die ganze Konstruktion hält. Zum Glück ist der gesamte Komplex lediglich ein Museum über die Steinzeit und bei weitem noch nicht so alt. Die überschaubaren Häuser sind der Wohnsituation vor 3000 Jahren nach entworfen. So lebten die Menschen in der Bronzezeit (975-850 v. Chr.). Genau an dem Ort, an dem ich jetzt stehe. Nur eben viele tausend Jahre später. Vorbild für dieses Dorf war ein altes Bronzezeitdorf, das vor Unteruhldingen am Bodensee existierte und ursprünglich aus 80 Häusern bestand. Auf dünnen Stelzen, die wie magere Beinchen ins Wasser ragen, stehen die zierlichen Gebäude. Seit 2011 ist das Areal teil des UNESCO Welterbes. In den Hütten arbeiten steinzeitliche Handwerker. Ein Mann mittleren Alters töpfert geschickt ein Gefäß. Seine Hände sind braun und verklebt vom Ton. Auf seinen Fingern glitzern Wassertropfen in der Sonne. Daneben arbeitet ein Bronzegießer an einem metallisch schimmernden Werkzeug. Langsam und gleichmäßig hämmert er das glänzende Metall zurecht. Landwirtschaftliche Geräte, Werkzeuge und Waffen aus Kupfer waren denen aus Stein oder Holz weit überlegen. Die Bewohner der Siedlungen lebten als Fischer, Jäger und Sammler. Vermutlich boten die auf dem Wasser errichteten Dörfer einen besseren Schutz vor Raubtieren als an Land.

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Ich lehne mich an den hageren Holzstab des Geländers. Sogleich drückt sich der Ast durch mein Gewicht nach vorn. Mein Blick gleitet über den still ruhenden, azurblauen See dessen kräuselnde Wellen von schlanken Segelbooten und Yachten durchzogen wird. Am Bug der Schiffe bäumt sich das Wasser zu einer schäumenden weißen Gischtkrone. Mir gegenüber liegt die blühende Insel Mainau. Scharf zeichnen sich die Konturen des frischen knospenden Grüns des Eilands gegen die dunkelblauen Wellen ab. Über dem Bodensee liegt immer eine frische Brise. Ein kühler Wind, der als seidiger Hauch über die getrockneten Schilfdächer des Pfahlbaumuseums streicht. In 3 der wackelig anmutenden Behausungen lebten 2007 im Rahmen eines Fernsehprojekts der ARD namens ‚Steinzeit – Das Experiment, Leben wie vor 5000 Jahren‘ für 8 Wochen wirklich Menschen. 13 Personen wohnten hier unter denselben Bedingungen wie in der Steinzeit. Darunter 7 Erwachsene und 6 Kinder. Für etwa zwei Monate wurde die Gruppe eine richtige Steinzeitsippe.

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Entspannt falle ich auf den Sitz der Fähre. In 30 Minuten legen wir in Meersburg an. Langsam tuckern wir über die dunkle Wasseroberfläche des Bodensees. Die Pfahlbauten werden beim Blick zurück immer kleiner. Als Miniaturhäuser und Menschen bleiben diese in der heutigen Zeit zurück. Stumme und standhafte Zeitzeugen längst vergangener Tage. Von der Steinzeit schreite ich über die Metallbrücke der Anlegestelle direkt ins Mittelalter. Über die Seepromenade wird der kühle Windstoß der Wellen getragen. Ich spüre den kalten Lufthauch auf dem Gesicht. Gegen die Hitze der Sonne kommt dieser allerdings nicht an. Angenehm warm umhüllt diese die Wangen und lässt ein kitzelndes Gefühl auf der Nasenspitze zurück. In den Cafes am Ufer sitzen die Urlaubsgäste entspannt bei einer Tasse Kaffee. Neugierig mustere ich die Besucher. Deren unterschiedliche Mimik und ausdrucksstarke Gestik. Angeregte Gesprächsfetzen von hitzigen Diskussionen wehen herüber. Mal mehr mal weniger laut. Geschirr klappert.

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Die kopfsteingepflasterten Gassen der Altstadt führen hinauf zur Burg, die über Meersburg thront. Die Aussicht von der Schlossterrasse ist wunderschön. Still ruht die weitläufige Oberfläche des Sees. Lediglich die kleinen Boote und Fährschiffe sind in langsamer Bewegung. Fast wie in Zeitlupe nähern diese sich dem eisernen Anlegesteg. Am Horizont erhebt sich das feine Gebirgsband der Alpen und untermalt wie ein dunkelgrüner Gürtel den ruhig daliegenden Bodensee. Die Sicht ist klar und weit. Ein paar Wolken tummeln sich am gleichmäßig blauen Himmel. Unter den steinernen Mauern verlaufen in geraden Linien die Rebstöcke. Akkurat reihen sich die gestutzten Weinreben aneinander. Das imposante Gebäude um mich wurde bereits im Jahr 630 fertig gestellt. Immerhin 2500 Jahre bin ich durch meine Bootsüberfahrt in die Zukunft gereist.

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Durch die kühlen, felsigen Mauern fühle ich mich dennoch eher in die Vergangenheit festgesetzt. Über all die Jahrhunderte wurde der Bau niemals eingenommen oder zerstört. Auch während der Weltkriege blieb er völlig unversehrt. Bis heute sind die Innenräume bewohnt. Im 19. Jhd. besuchte die bekannte Dichterin Anette von Droste-Hülshoff ihre im Gebäude wohnende Schwester. Dies war mit dem Freiherr der Burg verheiratet. Die Poetin Droste-Hülshoff ist schließlich auf der Burg einer Lungenentzündung erlegen und verstorben. Sie verfasste einen Großteil ihres Lebenswerks in Meersburg. Derzeit wird das Museum von der Familie eines Mittelalterforschers geführt, der die Burg zu Lebzeiten gekauft hatte. Langsam führen mich stetige Schritte zurück in die Altstadt. Meine Absätze klappern gleichmäßig auf dem unebenen Kopfsteinpflaster.

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Die Hafenpromenade entfernt sich zum monotonen Geräusch des Schiffsmotors immer weiter. Ich fahre zurück nach Konstanz. Die Strahlen der Nachmittagssonne malen kleine tanzende Lichtkreise auf den russigweißen Lack des Bootes. Möwen ziehen träge ihre Runden über der Fähre. Ihre krächzenden, heiseren Schreie hallen über unseren Köpfen bis die aufkommende Meeresbrise alle Laute über dem Wasser zerreißt. Unkontrolliert fliegen meine Haare um mein Gesicht. Mit beiden Händen halte ich die Strähnen zurück. Erfolglos. Schon hängen mir welche zwischen den Lippen. Ich pruste los und versuche die feinen Härchen von meiner Zunge zu entfernen. Im Hafen von Konstanz wird unser Boot durch die Statue der Imperia begrüßt. Das Wahrzeichen von der größten Stadt am Bodensee ist 9m hoch und 18 Tonnen schwer. Auf den ausgestreckten Armen hält die Figur zwei Gaukler. Einer trägt eine Kaiserkrone, der andere eine Tiara. Sinnbilder der weltlichen und kirchlichen Macht.

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Ich spaziere entlang der Uferpromenade. Die einsetzende Dämmerung taucht den Himmel in die ersten Orange- und Rottöne. Die leichte Bewegung der Wellen versetzt die im Wasser gespiegelte Szenerie in eine ständig wechselnde Dynamik. So wie ein lebendig gemaltes Bild, das niemals fertiggestellt wird. Immer wieder übertüncht der gleichmäßige Wellenstrom die reflektierte Farbpalette. Ich öffne die hölzerne Tür einer urigen Weinkneipe. Die hölzerne Einrichtung aus Eichenholz verströmt eine urige Gemütlichkeit. Niemand der Gäste schaut auf. Mit Blick auf den Sonnenuntergang setze ich mich auf eine Bank am Fenster. Vorsichtig nippe ich an meinem Weinglas und lecke mir über die Lippen. Der Wein vom Bodensee fließt fruchtig und kalt durch meine Speiseröhre bis in den Magen. Ich fühle mich wohl. Beschwipst stehe ich auf. Es ist schon völlig dunkel draußen. Ich drücke den Kopf der Straßenlaterne. Die angeknipste Birne verströmt grelles, hellgelbes Licht. Um Strom zu sparen werden die Lampen in Konstanz nur noch bei Bedarf angemacht. Nach 15 Minuten erlöschen die Laternen wieder. Das reicht für den Weg ins Hotel.

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