Aufstand der Fischer

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Die bunt bemalten Holzhäuser von Puerto Varas ziehen am Busfenster vorbei. Der Ort hat überschaubare etwa 30.000 Einwohner, deren Mehrzahl europäische Vorfahren haben. Die Nachfahren der deutschen Siedler organisieren sich im Deutschen Verein des Städtchens. Obwohl die kleine Stadt im chilenischen Seengebiet liegt, ist diese stark deutsch geprägt mit vielen historischen Gebäuden aus der Gründerzeit. Die Pfarrkirche im Zentrum soll einer Kapelle im Schwarzwald nachempfunden worden sein. Die winzige Insel Chiloe nicht weit von Puerto Varas entfernt beheimatet ebenfalls viele Holzkirchen, von denen manche zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Das Klima ist kühl und von eisiger Frische. Ich bin froh um meine dickere Jacke. Vor der Fensterscheibe breiten sich die Ufer des Llanquihue-Sees mit seiner ruhig dahinziehenden azurblauen Strömung aus. An der Nordseite des zweitgrößten chilenischen Sees erhebt sich majestätisch der Vulkan Osorno mit seiner strahlend weißen, von Asche gekrönten Spitze. Ihn möchte ich morgen erklimmen.

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Meine Reisegruppe hat Glück, dass Chiloe befahrbar ist. Die Einwohner des Eilands sind hauptsächlich Fischer und leben daher vom Fischfang. Derzeit herrscht auf dem kleinen Inselparadies Ausnahmezustand. Die Fischer streiken seit Wochen. Die Fischindustrie befindet sich auf dem Weg zum nahenden Ruin. Die 150.000 Menschen der Insel fürchten um ihre Lebensgrundlage. Chile ist weltweit der zweitgrößte Lachsproduzent nach Norwegen. 98% des Ertrages sind für den Export bestimmt. In den letzten Wochen sind die meisten Fische an der ‚roten Flut‘, einer Algenart, verendet. Die Algenblüte entzieht den Fischen den Sauerstoff im Wasser und diese ersticken qualvoll. Grund ist eine konstante Erwärmung des Wassers, welche durch die stark mit Abfällen der Fischindustrie und Antibiotika belasteten Gewässer entstanden ist. Die Regierung hat den betroffenen Fischern eine Entschädigung von etwa 1000 Dollar angeboten. Angesichts des drohenden Existenzverlusts ist diese Summe für eine zu versorgende Familie lächerlich und ein regelrechter Spot gegenüber den Betroffenen. Die Menschen hier brauchen nicht viel. Sie leben in einfachen, farbig angemalten Holzhäusern und kaufen in kleinen Tante Emma Läden ihren täglichen Bedarf. Ihre Autos fahren auf sandigen, nicht asphaltierten Straßen. Die angebotene Summe reicht nicht einmal für die Deckung dieser minimalen Lebensbedürfnisse.

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Plötzlich tut sich das abgeschiedene Eiland vor uns auf. Über dem Wasser weht mystisch ein leichter hellgrauer Nebelschleier und umspült geheimnisvoll die Umrisse von Chiloe. Auch in diesem Teil von Chile ist es Winter, wie im Rest von Südamerika auch. Unser Bus hält in Castro, der größten Stadt der Insel. Es nieselt, kalter Sprühregen benetzt mein Gesicht und sucht sich entlang meines Halses den Weg in die Kapuze meiner Jacke. Das nasse Rinnsal hinterlässt ein kaltes, klammes Gefühl. Ich friere und setzte die Mütze meines Mantels auf. Castro ist ein überschaubarer Ort. Dievielen bunt angestrichenen Holzhäuser verströmen gleichmäßige Freundlichkeit in der ungemütlichen Tristesse des feuchten Wetters. Eine hoch aufragenden Holzkirche am zentralen Platz des Dorfes ist das größte Gebäude des Dorfes. Die Einwohner sind zweckmäßig und einfach gekleidet. Hier gibt es keinen Wohlstand. Neugierig mustern uns die Augen der Fischer. Fremde sind hier eine interessante Abwechslung.

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Warum die Regierung den Menschen hier nicht mehr entgegen kommt, kann ich nicht nachvollziehen. Zumindest eine Deckung der Grundbedürfnisse der Fischer müsste doch gewährleistet sein. Ich weiß, es dreht sich immer alles nur um Geld. Aber hier geht es um die Existenz von Familien. Reich werden will hier sicher niemand. Die Menschen sind ihre einfache Lebensweise gewohnt. Aber diese wollen sie auch beibehalten. Ist es nicht ein Grundrecht der Leute das Mindeste zu haben, um zu überleben? Die Bewohner Chiloes wollen lediglich ihre Familien versorgen und ihre notwendigen Lebensumstände gesichert haben. Ich fühle mit den Fischern. Das Menschen heutzutage immer noch so wenig wert sind macht mich wütend.

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Stumm sehen mich die Augen der Familien an. Hektik gibt es an diesem Platz nicht, nur beschauliche Gelassenheit. Die Ruhe der Einwohner überträgt sich. Ich lasse mein westliches Konsumdenken zurück. Hier gibt es nicht im Überfluss, aber man hat alles was man wirklich braucht. Wir fahren weiter nach Ancud, der größten Stadt in Chiloes Norden. In der Fensterscheibe unseres Kleinbusses werden die farbenfrohen Stelzenhäuser in Castros Hafen immer kleiner. Verwinkelt und windschief thronen diese direkt an der Küste auf Pfählen, die sie vor Hochwasser schützen sollen. In Chiloe heißen die Behausungen ‚Palafitos‘. Alle sehen aus, als würden sie demnächst in sich zusammen fallen. Schön ist das bunte Farbenspiel dennoch. Jedes Haus erstrahlt in einem anderen Pastellton.

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Ancud ist der entspannteste Ort der Welt und viel kleiner als Castro. Ein paar Häuser gruppieren sich am Ufer um einen Kunsthandwerkermarkt. Das Dorf empfängt uns als verblasste Schönheit mit vergilbten Häuserfasaden und sandigen, ungeteerten Straßen. Ich beobachte die auf dem dunkelgrünen Wasser dahin ziehenden schneeweißen Schwäne und lasse mich wieder von der Entspannung um mich anstecken. Es tut gut das gehetzte Denken hinter sich zu lassen. Verträumt verfolge ich die Wasserkreise der schwimmenden Vögel. Die Einsamkeit Chiloes tut gut und ist mir eine gewünschte und willkommene Isolation. Langsam zieht der Nebel wie ein durchscheinender Teppich über das Wasser und kommt auf den undurchdringlichen Wellen zum Erliegen.

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Auf Chiloe gibt es eine reiche Sagenwelt, die von den Eltern an die Nachkommen übermittelt wird. Vor dem Hintergund der geheimnisvollen Nebelfetzen und des unbeweglichen, dunklen Wassers fühle ich mich direkt in diese mystische Welt versetzt. Eine Dimension voller Geister und Fantasiegestalten. Der ‚Trauco‘, ein hässlicher Kobold, entführt schöne Jungfrauen von der Insel. Hexen reiten auf ihren Besen durch den Küstennebel. Und auf den sanften Wellen des Ozeans treibt immer wieder das Geisterschiff ‚Caleuche‘. So erzählt man sich unter den Fischern zumindest. Ein Frösteln breitet sich über meinen ganzen Körper aus. Immer mehr Nebel zieht sich über dem kleinen Eiland zusammen. Ein wohliges Schaudern erfasst mich. Ich schließe meine Jacke. Es wird kälter. Dann steige ich in den Bus. Ich möchte das Schicksal nicht herausfordern. Die Mystik dieses Ortes fesselt mich und treibt mich zugleich in den Wagen zurück. Schließlich kann ich nicht riskieren von einem umherfliegenden Geisterschiff oder ein paar Hexen entführt zu werden.


Ein Gedanke zu “Aufstand der Fischer

  1. Einfach hinreisend. Die Schriftstellerin hat das grosse Talent ihre eigene Auffassung spanned und gefuehlsvoll mit den Fakten und historischen Tatsachen does jeglichen Ortes
    darzustellen. Vielen Dank Gaby Sheahan

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