Im Schutzmantel der Religion

Ich schlage die Augen auf. Die Melodie meines Handys reißt mich aus dem Schlaf. Ich setze mich auf und umschlinge meine Schultern mit beiden Armen. Mein Hände reiben mechanisch an den Armen auf und ab, um Wärme in meinen Körper zu reiben. Im Zimmer ist es kalt. Ich friere. Eine Heizung gibt es nicht. Die Bettdecke meines Hotelbetts ist so dünn wie eine Tischdecke und trägt auch ein solches Muster. Bei jedem nächtlichen Herumdrehen muss ich befürchten, dass der Stoff reißt. Ich sehe auf das blinkende Display meines Handys. Es ist erst 4:30 Uhr. Zwei unbeantwortete Anrufe mit paraguayischer Vorwahl. Ich werde unruhig. Sofort wandern meine Gedanken zurück zum Hinflug. Man hatte Gefahrenstoffe an meinem Koffer gefunden und mich ziemlich schroff ausgefragt, ob ich mein Gepäck allein gelassen hatte. Hoffentlich gibt es da keine Konsequenzen, denke ich still. Morgen werde ich die Grenze nach Argentinien überqueren und spätestens dann wissen, ob mir etwas zur Last gelegt wird. Wieder klingelt mein Handy und zeigt eine Nummer mit der Vorwahl von Paraguay an. Das kommt mir zu dieser frühen Stunde total unrealistisch vor. In Zeitlupe und ohne Hektik strecke ich meine Beine aus dem Bett und wackle mit den Fußzehen. An Weiterschlafen ist nicht zu denken. Mein Magen knurrt. Ich werde ein Kaffee suchen um zu Frühstücken.

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Ein Bus nimmt mich später mit zur Jesuitenmission. Eine richtige Haltestelle gibt es dort nicht. Zum Glück versteht der Busfahrer mein spanisches Gestammel und setzt mich mitten im Nirgendwo an einer Landstraße ab. ‚Laufen Sie hier den Weg entlang, irgendwann kommen dann die Ruinen der Mission.‘ Unsicher stolpere ich über den sandigen Pfad auf eine spärliche Ansammlung von Häusern zu. Herrenlose Hunde streifen durch die abgeernteten Felder und blühenden Wiesen der ländlichen Gegend. Ein leichter Wind weht den trockenen Staub der Straße auf und legt einen feinen sandigen Schleier über mein Gesicht und meine Kleidung. Dann sehe ich die roten Steine der Missionsruinen, die Anlage ist riesig. La Sintisima Trinidad del Paraná wurde im 17 Jhd. gebaut um die indigenen Ureinwohner Paraguays, die Guarani, vor dem Zugriff der spanischen Konquistadoren zu schützen. Nach der Entdeckung Amerikas kamen diese hauptsächlich nach Paraguay, um die immensen Bodenschätze des Landes auszubeuten. Die Unterwerfung der Einheimischen war vorab geplant und für dieses Vorhaben auch zwingend notwendig. Die Bewohner wurden als billige Arbeitskräfte missbraucht und von den Eroberern in keinster Weise als Menschen angesehen.

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Da Sklaverei damals weit verbreitet war wurden die Ureinwohner gewaltsam zur Arbeit für die Spanier gezwungen. Menschen, die sich wehrten, kamen bei ihrem versuchten Widerstand oft ums Leben. Die Jesuiten setzten sich daher für die Bedürfnisse und die Würde der Indigenen ein und bauten Missionen, um die Leute zu schützen. Ein Gesetz verbot getaufte Einheimische zu unterdrücken und zur Arbeit zu zwingen, da diese ja nun Christen waren. Ungetaufte Einheimische wurden lediglich als minderwertige ‚Wilde‘ angesehen. Die meistens neben einem Fluss auf einer Anhöhe großzügig angelegten Dorfgemeinschaften boten zwischen 350 und 7.000 Einheimischen ein gemeinsames, sicheres Zuhause. Umgeben waren die Anlagen von weitläufigen Feldern. Die Jesuiten betrieben mit den bekehrten Paraguayern hauptsächlich Ackerbau und Viehzucht. Im Mittelpunkt der Mission steht die Kirche, darum gruppieren sich die Wohnhäuser und die Schule. Es gab Zimmer für Besucher und sogar ein angegliedertes Hospital.

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Ich habe die Jesuitenreduktion völlig für mich allein. Das ganze Areal ist von Gras bewachsen. Wild wuchert es bis hin zu den Steinen der Ruinen. Eine leichte Brise fährt durch den Rasen und biegt die vielen grünen Halme. Der leise Hauch des Windes ist der einzige Ton, der die Umgebung untermalt. Ansonsten herrscht absolute Stille. Wie in einer richtigen Kirche. Ich schlurfe über den Sandpfad zurück zur Landstraße und stelle mich in den Staub des Gehwegs. Genau gegenüber hatte mich der Busfahrer abgesetzt. Ich hoffe, ich kann einen Bus anhalten, der mich mitnimmt. Neugierig mustert mich eine Gruppe Einheimischer, die hier in der völligen Einöde wohnt. Die einsame tristesse wird vom Geräusch herannahender Räder belebt. Gemächlich tuckert der erste Bus vorbei. Leider nicht in die Richtung, die mir vorschwebt. Wenig später folgt ihm der nächste. Und dann noch einer. Langsam werde ich etwas nervös. Bisher kam noch kein Bus vorbei, der mich zurück nach Encarnacion bringen könnte.

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Nach quälenden 30 Minuten taucht endlich ein klappriges Gefährt am Horizont auf. Ich winke was das Zeug hält. Immer wieder fliegen meine Hände in die Luft um auf jeden fall auf mich aufmerksam zu machen. Eine gewaltige Staubwolke hinter sich herziehend hält der Fahrer an. Erleichtert steige ich ein. Im Nirgendwo auf einen Bus zu warten, der nicht kommen will kann ziemlich nervenaufreibend sein. Jetzt muss ich nur noch eine Unterkunft finden. In Encarnacion, der kleinen Grenzstadt zum Übertritt nach Argentinien gibt es kaum Hotels. Ich finde zum Glück ein Bett im Gästehaus der Heilsarmee. Die Zimmer sind zweckmässig eingerichtet, ohne Fernseher oder Radio. Erschöpft lege ich mich auf die bequeme Matratze. Das kontinuierliche Aufsetzten des Gehstocks eines alten Mannes und sein monotones Stöhnen weht durch die verlassenen Gänge. Das gleichmäßige ‚Tack‘ begleitet mich die ganze Nacht.

 

 


2 Gedanken zu “Im Schutzmantel der Religion

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