Ein kleiner Ring zeigt große Wirkung

Vorsichtig setzte ich einen Fuß auf die Freundschaftsbrücke. Meine Finger schließen sich fest um den Griff meines Koffers. Ich spüre einen Blick im Rücken und drehe den Kopf. Es ist niemand zu sehen. Entschlossen gehe ich los. Ich bleibe in der Mitte des Übergangs. Kommt mir jemand entgegen drücke ich mich soweit es geht zum Geländer hin. Mein Herz schlägt schneller. In meinen Ohren klingt das rasen meines Pulses. Mir passiert zum Glück nichts. Die Puente Internacional de la Amistad führt über den Rio Parana von Brasilien nach Paraguay und verbindet Puerto Iguacu mit Ciudad del Este. Auf der Grenzbrücke ereignen sich immer wieder Überfälle, weshalb man diese eigentlich nicht zu Fuß überqueren sollte. Nachdem ich keinen Bus gefunden hatte blieb mir allerdings nichts übrig, als über den metallenen Steg zu spazieren. Erleichtert atme ich auf. Ab hier fährt ein Bus über die Grenze nach Paraguay. Ich pfetze beide Pobacken zusammen und ziehe den Bauch ein, um mich noch auf die unterste Treppenstufe in den übervollen Wagen zu quetschen. Die Türen des klapprigen Gefährts schließen sich etwa 1mm hinter meinen Rücken. Die Menschen stehen dicht aneinander gepresst bis hin zum Eingang.

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Der junge Mann, der über mir steht, nimmt dankenswerter Weise meinen Handgepäckkoffer und hält ihn über meinen Kopf. Eine andere Möglichkeit zur Gepäckablage gibt es nicht. Er verzieht angestrengt das Gesicht, der Koffer ist doch schwerer als er aussieht. Wie das Schwert des Damokles schwebt mein Gepäckstück während der Fahrt über mir und pendelt willkürlich an der Hand des Fremden. Als die Türen an der Grenzstation aufgehen bin ich froh als Erste aussteigen zu können. Jede noch so kleine Brise atme ich tief ein, um die stickige Luft des Busses und die Beengtheit hinter mir zu lassen. Ciudad del Este ist ein Moloch. Die zweitgrößte Stadt Paraguays ist eigentlich nur zum Einkaufen und Handeln gedacht. Die vielen Leuchtreklamen der einzelnen Marken und Geschäfte blinken um die Wette wie in einem billigen Abklatsch von Las Vegas. Die Stadt ist ein großer Basar mit einem riesigen Angebot an gefälschten Markenprodukten. Ciudad del Este ist auch eine Schmugglerhochburg. Hier wird mehr schwarz als legal verkauft. Der Großteil der Handelseinnahmen entsteht auf diese Weise.

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Der Bus nach Asuncion ist zum Glück nicht so überfüllt wie der Grenzbus. Schwerfällig und müde falle ich auf den Sitz. Neugierig mustert mich mein Sitznachbar. ‚Wo kommen Sie her?‘ fragt mich der ältere Herr und deutet auf meine blonden Haare. ‚Deutschland.‘ antworte ich. ‚Sind Sie ganz allein unterwegs? Wo ist ihr Ehemann?‘ will der Paraguayer wissen. Ich kann sein freundliches Interesse noch nicht einordnen und deute auf die Eheringattrappe an meinem Ringfinger. Den Ring hatte ich mir vorsorglich zugelegt, eine verheiratete Frau ist in Südamerika meistens tabu. Bisher hatte ich überhaupt keine Probleme mit ungewollter männlicher Aufmerksamkeit. ‚Mein Mann ist zu Hause mit unserer kleinen Tochter. Einer muss ja auf das Kind aufpassen.‘ erkläre ich und halte den Bildschirmschoner meines Handy hoch. Er kneift die Augen zusammen und mustert das Bild des kleinen Mädchens. Vor meiner Reise hatte ich ein Kinderbild von mir auf mein Telefon geladen. Südamerika ist ein überaus kinderfreundlicher Kontinent und durch solche Bilder kommt man schnell ins Gespräch.

Asuncion 4

Ungläubig sieht mein Sitznachbar mich an. ‚Wirklich? Der Mann ist zu Hause und Sie sind allein auf Reise.‘ er schüttelt den Kopf. Diese Aussage ist für ihn nur schwer zu fassen. ‚Also das gäbe es bei mir nicht.‘ fährt er dann fort. ‚zusammen kann man ja verreisen, auch mit dem Kind. Aber die Frau allein das geht doch nicht. Die muss doch auch die schmutzigen Sachen waschen und das Haus putzen.‘ Nervös knetet er mit den Fingern seine Mütze. Den Glauben an die Zurechnungsfähigkeit der deutschen Männer hat er verloren. ‚In Deutschland teilen die Paare sich oft den Haushalt. Das macht nicht nur die Frau allein. Und oft gehen beide Partner arbeiten.‘ entgegne ich. Wieder blickt der Mann überrascht auf. ‚Das wäre nichts für mich.‘ meint er dann. Er hat sehr konservative Ansichten und Rollenverständnisse. Dies ist in Paraguay nichts ungewöhnliches. ‚Ich bin geschieden.‘ eröffnet mir der ältere Herr plötzlich. ‘Ich habe einen Sohn, der aber schon fast erwachsen ist. Er wohnt bei seiner Mutter.‘

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Scheidungen sind in Paraguay eher ungewöhnlich, weil die Leute sehr gläubig sind und die Religion und Kirche fester Bestandteil ihres Alltags. Hatte meine unabhänige Lebensweise den älteren Herrn zuvor aus der Fassung gebracht, so blicke jetzt ich ihn nach diesem Geständnis überrascht an. Die Schimpftirade auf seine Exfrau im Anschluss verstehe ich nicht. Dafür ist mein Spanisch zu schlecht und er redet zu schnell. Die 7h Fahrtzeit nach Asuncion sind wie im Flug vergangen. Mein Hotel in Paraguays Hauptstadt versprüht den Charme eines alten Hitchcock Films und wurde seit der Kolonialzeit nicht mehr renoviert. Durch zwei große Flügeltüren öffne ich mein Einzelzimmer. Den Putz der Wände durchlaufen tiefe Risse, deren kleine Ausläufer die helle Wand bis in jede Ecke wie ein endloses Spinnennetz überziehen. Das Handtuch auf meinem Bett ist rau und furchtbar dünn. Ich habe Angst es beim Abtrocknen zu zerreißen.

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In ganz Paraguay gibt es kaum Sehenswürdigkeiten, auch nicht in der Hauptstadt Asuncion. Beeindruckend ist eher die Freundlichkeit der Einwohner und deren ehrliches Interesse an Fremden. Laut einer Studie von Gallup schätzen sich die Menschen in Paraguay als glücklichste weltweit ein, obwohl 20% der Bevölkerung in Armut leben. Trotzdem sind die Paraguayer zufrieden. Geld und Reichtum bedeuten eben nicht automatisch Glück. Eigentlich verhindert dieser unbegrenzte Konsum Wohlbefinden sogar. Wir können gar nicht glücklich werden, da es ja immer noch ein Luxusgut gibt, dass uns noch glücklicher machen könnte. Anders ist es in Paraguay. Die Menschen haben alles notwendige, was diese zum Leben brauchen und betrachten diesen einfachen Zustand bereits als Glück. Hätten sie die gleichen permanenten visuellen Reize unserer Konsumgesellschaft durch Werbung und Fernsehen, wer weiß ob die Paraguayer ihren Glückszustand aufrecht erhalten könnten. So ist der jederzeit verfügbare und für uns selbstverständliche Konsum Fluch und Segen zugleich und nur durch Achtsamkeit und ein ‚Dankbar dafür sein‘ zu ertragen. Aber das haben wir in unserer Alltagsroutine und Hektik längst vergessen.

 

 


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