Im Schlund des Teufels

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Die tosenden Wassermassen machen jedes Wort unmöglich. In meinen Flip Flops steht nach wenigen Metern bereits die Feuchtigkeit. Mit schmatzenden Geräuschen rutschen meine Füße auf den nassen Plastiksohlen hin und her. Mit jedem Aufsetzen des Fußes ziehe ich die Schuhe quietschend über das Metallgitter, welches näher zum Teufelsschlund (Garganta del Diablo) führt. Der feine kontinuierliche Sprühregen benetzt mein Gesicht mit einem kalten frischen Tropfenfilm. Das Wasser brennt in meinen Augen. Gequält schließe ich die Lider. Mein T-Shirt ist völlig aufgeweicht und feucht. Kleine Wasserrinnsale ziehen sich vom Saum meiner Hose bis zu meinen Fußknöcheln. Die Kraft der herabstürzenden Fluten hatte ich völlig unterschätzt. Deshalb trage ich auch ein weißes Oberteil, das inzwischen total durchsichtig ist. Beim Anblick des wunderbaren Schauspiels direkt vor mir ist mir das allerdings völlig egal. Die Iguaçu Wasserfälle bestehen aus etwa 20 großen und ca. 250 kleineren Fällen, die sich über ein Gebiet von fast 3 Km erstrecken.

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Die reißenden Strömungen fallen schwerfällig in die tiefe Schlucht vor mir, die sich über 150m vor meinen Augen ausdehnt. Die Naturgewalt ist beeindruckend und Respekt einflößend. Auf den durchscheinenden Kaskaden sprudelt der schneeweiße Schaum der Gischt wie aufgehauchter Zuckerguss. Die hinabdonnernden Gewässer spülen diesen nach unten mit einer solchen kraftvollen Heftigkeit, dass die weiße Schaumkrone sofort wieder nach oben peitscht und sich als feiner Sprühnebel über den Abgrund zieht. Mein Gesicht ist völlig kalt. Mein ganzer Körper fühlt sich an als stünde er im strömenden Gewitterregen. Die Wucht des Wassers nimmt mir die Sicht. Aus der Not heraus halte ich meinen Fotoapparat einfach den monströsen Wasserläufen entgegen und drücke ab. Laut einer Sage der Ureinwohner wurden die Katarakte durch einen bösartigen, eifersüchtigen Gott in Gestalt einer Riesenschlange geschaffen. Diesem musste jedes Jahr eine Jungfrau geopfert werden. Das klappte so lange bis eine der Auserwählten zusammen mit ihrem Geliebten in einem Kanu flüchtete. Der betrogene Gott bekam dies natürlich mit und schlug voller Zorn eine Schlucht in das Flussbett. Die Seele der Jungfrau verbannte er in einen Felsen am Fuße der Wasserfälle. Der Partner des Mädchens verwandelte sich daraufhin in einen Baum am Ufer des Teufelsschlundes, wo er den Felsen in dem seine Geliebte gefangen war beobachten konnte.

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Die Nationalparks in denen die Wasserfälle liegen gehören zum Welterbe der UNSECO. Hier leben über 800 verschiedene Schmetterlingsarten. Langsam löse ich mich von dem beeindruckenden Schauspiel und watschele klatschnass den Pfad zurück zum Eingang des Parks. Überall auf dem Weg sitzen bunte Schmetterlinge wie erstarrt. Sie scheinen völlig reglos wie eine Plastikdekoration. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, um keinen zu zerdrücken. Ein unerwarteter Flügelschlag bringt Leben in die Insekten. Die Schmetterlinge fliegen davon. An der Bushaltestelle lächelt mich eine junge Brasilianerin an. Ich nicke ihr freundlich zu. Wo ich herkomme möchte sie wissen. ‚Aus Deutschland.‘ ich gebe bereitwillig Auskunft, das Mädchen ist mir sympathisch. ‚Ich habe einen deutschen Namen: Löffler. Was heißt das denn auf Spanisch?‘ neugierig blickt sie mich an und hält mir ihren Ausweis hin. ‚Löffler ist jemand der mit dem Löffel isst.‘ erkläre ich ihr. Etwas besseres fällt mir nicht ein. Um die Ausführung zu untermalen führe ich meine Hand mit einem imaginären Löffel zum Mund. Das findet sie sehr komisch, sie fängt an zu lachen. Sie hört gar nicht mehr auf. So witzig findet sie das. ‚Hab eine gute Zeit.‘ ruft sie mir nach als ich in den Bus steige. Ich winke ihr zu.

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Mein Magen knurrt. In Puerto Iguacu besuche ich eine traditionelle Churrascaria. In diesen Restaurants gibt es fast nur gegrilltes Fleisch und davon so viel man essen kann. Verschiedene Fleischsorten werden über Feuer aufgespießt gegrillt und das Personal kommt regelmäßig mit dem kompletten Spieß an den Tisch und schneidet das Fleisch direkt auf den Teller. Dazu gibt es ein Salat- und Beilagenbuffet. Diesem All-you-can-eat Konzept ist es größtenteils geschuldet, dass Brasilien inzwischen einen größeren Anteil an fettleibiger Bevölkerung hat als die USA. Jeder Gast erhält eine Art Bierdeckel mit einer roten und einer grünen Seite. Liegt die grüne Seite auf dem Tisch bedeutet dies, dass man noch mehr gegrilltes Fleisch möchte. Die rote Seite signalisiert Sättigung. Das Fleisch ist fantastisch und kross, die Gewürze geben eine angenehme Schärfe. Ich kann verstehen dass die meisten Gäste mehr zu sich nehmen, als sie Hunger haben und höre auch erst auf zu essen, als ich wirklich nicht mehr kann.

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In meinem Hostelzimmer ist die Luft feucht und klamm. Ein junges französisches Pärchen hat seine frisch gewaschene Kleidung im gesamten Zimmer ausgebreitet. Die nasse Luft verbreitet eine drückende Schwüle. Ein abgestandener Geruch macht sich breit. Ich schlucke meine verärgerte Bemerkung hinunter und lächle den beiden freundlich zu. ‚Ich bin Fleur, das ist Louis.‘ stellt sich das Mädchen vor. Unsere Unterkunft hat einen kleinen Pool vor dem Bänke und Tische stehen. Ich trinke Wein, die Franzosen trinken Bier, verkehrte Welt. Louis steht auf und holt eine neue Flasche. ‚Ich hätte mich schon längst getrennt.‘ flüstert mir Fleur zu. ‚Aber Louis will das nicht wahrhaben. Ich habe ihm gesagt, wenn wir uns weiterhin nur streiten reise ich einfach allein weiter. Ich wollte schon solo losziehen, dann hat er seinen Job in Paris einfach gekündigt und kam mit mir.‘

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‚Wie lange seit ihr denn zusammen unterwegs?‘ will ich wissen. ‚Fast ein Jahr. Und wir diskutieren fast jeden Tag über Kleinigkeiten.‘ sie rollt genervt mit den Augen. ‚Geht das denn einfach so?‘ denke ich mir. Wenn man jemanden nicht verlassen will, bleibt man eben einfach da. Eine Beziehung beenden ist doch eine einseitige Willenserklärung. Der Partner muss nicht zustimmen. Mir ist es allerdings selbst schon einmal passiert, dass ein Partner die Trennung nicht akzeptieren wollte. Was bezwecken solche Personen damit? Es ist doch klar, dass man den Kontakt nicht mehr wünscht oder zumindest nicht mehr so intensiv. Stalkt man den Ex-Partner dann weiter fühlt sich dieser nur noch belästigt. Klar ist es schwer und auch schmerzhaft, jemanden den man mag zu vermissen. Aber man sollte wenigstens genug Selbstwertgefühl haben, um die Entscheidung des Anderen zu akzeptieren und sich nicht anzubiedern. Ein alternatives Verhalten tut der eigenen Persönlichkeit nicht gut.iguazu-falls-2432126_1920


6 Gedanken zu “Im Schlund des Teufels

    1. Ja, ich glaube so richtig kommuniziert haben die beiden das nicht. Oder der französische Herr wollte die Argumentation seiner Reisepartnerin nicht wahrhaben. Manche Menschen verdrängen Trennungsabsichten ja auch, als wäre dies keine einseitige Entscheidung des Partners. Eine Scheidung findet ja auch nicht ohne Zustimmung des anderen Partners statt. Zunächst. 😉 Bringt natürlich insgesamt nix.

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  1. Wunderschöne Fotos, ich hoffe auch eines Tages zum Faz de Iguaçu reisen zu können. Brasilien hat mich bei meinem ersten Besuch vor ca. 13 Jahren sehr fasziniert. Hoffentlich kehre ich eines Tages zurück. LG

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