Unter Jesus ausgestreckten Armen

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Weit streckt Jesus seine segnenden Hände über mich, genauer gesagt 28m in die Länge. Ich stehe im Schatten der mächtigen steinernen Statue mit den ausgebreiteten Armen. Der Corcovado ist über 700m hoch und liegt mitten im Stadtgebiet von Rio. Am Fuße des Berges brechen sich die tiefblauen Wellen in der Bucht von Guanabara. Wie quadratische Bauklötze einer Spielzeugstadt ragen die Wolkenkratzer aus dem Häusermeer. Über Ihnen liegt der dunstgraue Smog der belebten Großstadt. Wie ein nebliger Teppich zieht dieser Richtung Meer. Bis sich die letzten Nebelfaden über der Wasseroberfläche auflösen und die hauchdünnen Schleier vom azurblauen Himmel verschluckt werden. In tiefem Blau reflektieren die in die Bucht strömenden Wellen die gleichmäßige Farbe des Horizonts. Die strahlendweiße, hoch aufschäumende Gichtkrone scheint von hier oben wie eine kleine Zuckergusshaube auf dem Kamm der Wellen. Dazwischen tauchen immer wieder Miniatursurfer auf, die versuchen der Naturgewalt des Wassers zu trotzen. Der Blick von der Aussichtsplattform ist atemberaubend.

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Christus, der Erlöser (Cristo Redentor) ist etwa 30 m hoch und damit die sechstgrößte Jesusstatue der Welt. Das Wahrzeichen der brasilianischen Hauptstadt wiegt über 1100 Tonnen. Die Figur steht auf einem kleinen Sockel, in dem eine Marienkapelle beheimatet ist. Ruhe verbreitet die kleine Kirche nicht. Der kontinuierliche Touristenstrom führt auf dem kleinen Plateau zu Gedrängel und einer zunehmenden Enge. Es gibt kaum genug Raum um sich angenehm zu bewegen. Ständig laufe ich meinen Mittouristen in ihre Fotografien oder Videoaufnahmen. Jeden Moment ernte ich entrüstete verärgerte Blicke. Der Blick auf den Stadtrand von Rio de Janeiro verliert sich im zaghaften Grau des Stadtverkehrs. Dort liegen die Favelas, die brasilianischen Armenviertel. Die Bewohner dieser Stadtteile haben kaum Besitz. Die ersten Häuser innerhalb der Favelas wurden von den Einwohnern aus Blech und Brettern zusammengebaut. Später bauten die Bewohner dann stabile kleine Behausungen aus Stein. Genau genommen handelt es sich um Landbesetzungen. Keiner, der in einem der Elendsviertel wohnt, hat genug Geld um sich ein Grundstück zu kaufen. Die Ansammlungen der Armen wurden mit der Zeit immer größer. Irgendwo müssen die Menschen ja auch leben.

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Natürlich versucht die Regierung die Stadtgebiete zur räumen, meistens jedoch ohne Erfolg. Also werden die Menschen dort geduldet und die Favelas sogar an das gängige Strom- und Wassernetz angeschlossen. Danach folgt eine Anbindung an den Nahverkehr. Man errichtet eine Polizeistation, eine Schule für die Kinder und ein Krankenhaus. Einwohner der Armenviertel haben einen schlechten Ruf. Aber nicht alle Brasilianer, die dort leben sind arbeitslos oder kriminell. Viele gehen täglich einer ordentlichen Arbeit nach. In Rio gibt es seit 1994 das Programm ‚Favela-Bairro‘. Ziel der Maßnahme ist es die Elendsviertel für bessere Lebensbedingungen weiterzuentwickeln und den wohlhabenderen Stadtvierteln anzugleichen. Neue Häuser werden nicht gebaut, dafür werden die bestehenden renoviert und Instand gesetzt. Favelas existieren in Rio de Janeiro schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. Nach dem Ende der Sklaverei wohnten hier die befreiten schwarzen Sklaven, die aus Afrika gekommen waren. Ab 1950 wanderten viele Landbewohner auf der Suche nach Arbeit in die Großstädte. Es entwickelte sich eine richtige Stadtflucht und die Armenviertel konnten den Menschenstrom kaum auffangen. Die Bedingungen innerhalb der Gebiete verschlechterten sich dramatisch.

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Umso besser, dass es heute ein Programm der Regierung zur Verbesserung der Wohnsituation und Lebensumstände innerhalb der Favelas gibt. Während 1994 lediglich 15 Armenviertel in die Maßnahme inkludiert wurden, waren es ein Jahr später bereits 54. Seither werden alle Wohneinheiten mit fließendem Wasser ausgestattet und an die Abwasserversorgung angeschlossen. Ebenso erhalten die Wohnungen den ganzen Tag Strom und die Stadt kümmert sich um die Müllbeseitigung. Straßen werden vernünftig ausgebaut und an das generelle Verkehrsnetz angeschlossen. Es ist heute möglich im Rahmen von Touren die Favelas zu besichtigen und sich eine eigene Meinung zum Leben dort zu bilden. Während der Tour sollte man aber keine Leute fotografieren. Die Armenviertel sind auch heute noch fest in der Hand von Drogenbanden, die sich nicht gerne ablichten lassen. Es ist erstaunlich wie selbstverständlich wir die meisten Dinge nehmen. Ganz besonders ich, die in der Stadt wohnt. Dass es heute irgendwo keine Müllabfuhr, keine Strom und kein fließendes Wasser gibt,erscheint mir absolut unvorstellbar. Für mich ist die Nutzung so selbstverständlich, dass ich dafür nicht mal mehr dankbar bin. Meistens denke ich überhaupt nicht darüber nach, weil alles selbstverständlich vorhanden ist. Grund genug um sich gelegentlich ins Gedächtnis zu rufen, dass unser Lebensstandard sehr hoch angesiedelt ist. Und dankbar zu sein, dafür das man in Deutschland Strom und Wasser bedenkenlos ge- und verbrauchen kann. Es könnte anders sein.

 


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