Die Stadt der Brücken

Ich ziehe die Zimmertür auf. Zwei Augenpaare sehen mich neugierig an. Meinen Koffer werfe ich achtlos auf das mir zugeteilte Bett. ‚Ich bin Kerstin, das ist Rajid.‘ stellt das junge Pärchen sich vor. Kerstin ist aus dem Münchner Raum, Rajid aus Karachi in Pakistan. Die beiden haben sich während ihrem Auslandssemester in London kennen gelernt. Im Haus von Rajids Tante haben sie in einer islamischen Zeremonie geheiratet und sind zusammen nach Deutschland gekommen. Fasziniert sehe ich die beiden an. ‚Bist Du denn Muslimin?‘ frage ich das Mädchen. ‚Nein, eigentlich bin ich überhaupt nicht religiös. Rajid schon. Er betet 5 Mal am Tag Richtung Mekka und steht dafür schon um 5 Uhr auf.‘ Kinder wollen die beiden, aber noch nicht jetzt. Ich bewundere Beziehungen zwischen Menschen, die aus unterschiedlichen Kulturen stammen. Und deren gegenseitige Toleranz um diese aufrecht zu erhalten.

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Gemütlich schlendere ich durch die Kopfsteingassen Ljubljanas an der leise strömenden Ljubljanica entlang. Auf mehr als einem Dutzend Brücken kann der kleine Fluss überquert werden. Das seichte moosgrüne Wasser bahnt sich unter den mit Blumen geschmückten Übergängen seinen Weg. Sloweniens Hauptstadt ist mit knapp 280.000 Einwohnern angenehm klein und überschaubar. An die steinernen Ufer schmiegen sich gemütliche Cafes und Restaurants. Ich lasse mich durch die Gässchen der Altstadt treiben und inspiziere die Schaufenster der winzigen Läden. Die heißen Sonnenstrahlen tanzen über meine nackten Arme und mein Gesicht und hinterlassen ein warmes Prickeln. Ich recke mein Gesicht in den Himmel und genieße die Geräusche des Sommers. Die Gesprächskulisse der Straßencafes und Spaziergänger, der spielenden Kinder und vorbei flitzenden Radfahrer. Wohltuender Lärm, der perfekt zum guten Wetter passt. An einem lachenden fröhlichen Kindergesicht bleibt mein Blick hängen.

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Meine Gedanken wandern zurück zum multikulturellen Pärchen, mit dem ich das Zimmer teile. Werden die beiden auch noch so harmonisch miteinander sein wenn Kinder da sind? Das wirft doch einige grundsätzliche Fragen über die Erziehung auf. Werden die Kinder muslimisch oder westlich erzogen? Alternativ würden sie in zwei Welten aufwachsen. Das kann spannend sein und die Toleranz gegenüber anderen fördern. Oder man steht immer zwischen zwei Stühlen, das ist dann anstrengend und belastend. Wie wichtig wird die Meinung der Großeltern sein? Die Eltern in Pakistan können sich ja durch die große Distanz nur begrenzt einmischen. Eine Beziehung zwischen Partnern unterschiedlicher kultureller Prägung verlangt ein hohes Maß an Kommunikation und Akzeptanz. Und sicher noch mehr wenn man die Verantwortung für einen kleinen Mensch trägt.

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Nachdenklich spaziere ich über die schönen Plätze der Altstadt. Die beschaulichen Straßen versprühen ein mediterranes Flair. Der Prešernov trg ist der zentralste Punkt der Innenstadt. Im Mittelalter war er von einer steinernen Stadtmauer umgeben, die dem Platz seine jetzige Form verlieh. Auf meinem Weg zur Kathedrale passiere ich die ‚3 Brücken‘ und Ljubljanas Rathaus. Von den drei Brücken aus hellem Stein sind zwei für Fussgänger zugänglich und sind über Treppen mit dem Flußufer verbunden. Getragen von dem gemächlichen Plätschern des Wassers zieht das leise Summen des Windes durch die Blätter der Pappeln am Ufer. Eine frische Brise weht zu mir herüber und durchzaust wie ein kalter, wohltuender Kamm meine Haare. Schließlich stehe ich vor der Drachenbrücke, die von realistisch anmutenden Statuen aus Kupferblech bewacht wird. Furchterregend reißen die Fabelwesen ihre Mäuler auf und fletschen die Zähne.

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Am Abend treffe ich im Hostel auf einen jungen Schweizer. Eine Gruppe Italiener hat vor laufender Kamera sein Portemonnaie geklaut. ‚Was für eine Art Dieb soll das sein? Vor laufender Kamera zu stehlen zeigt ja wenig Potential.‘ schmunzle ich. Die Polizei hat der Schweizer nicht verständigt. Ungläubig sehe ich ihn an. ‚Ich bin doch nur einer, das ist eine ganze Gruppe. Am Ende hätten sie mich noch abgepasst.‘ rechtfertigt er sich. ‚Wann reist Du denn ab?‘ frage ich interessiert. ‚Heute Abend.‘ antwortet er mir. Innerlich kann ich mir das Grinsen nicht verkneifen. ‚Dann ist doch ein Abpassen gar nicht mehr wirklich möglich.‘ erwidere ich. Aus meinem Blick spricht fehlendes Verständnis. Der Hasenfuß zuckt zur Antwort mit den Schultern. ‚Immer passiert mir so etwas.‘ meint er mit wehleidigem, um Mitgefühl heischendem Blick. ‚In Argentinien habe ich einen anderen Reisenden in meinem Hostel getroffen. Wir haben den ganzen Tag zusammen in Buenos Aires verbracht. Richtig gut haben wir uns verstanden. Beim gemeinsamen Abendessen hat er sich meine Kamera geliehen. Er wollte einen Freund abholen und ein paar schöne Aufnahmen in der einsetzenden Dämmerung machen. Zurück kam er nicht mehr und ließ mich einfach sitzen. Und die Rechnung für das Essen musste ich auch noch bezahlen.‘ meint er vorwurfsvoll. Man bekommt meistens das zurück, was man aussendet. Das ist das Gesetz der Resonanz. Der Grund warum sich ein gesundes Urvertrauen und positives Denken immer lohnt. Und zum Reisen gehört wie man sieht auch immer eine Portion gesunder Verstand und Glück dazu.


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