Hier rollt der Rubel

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Ich lege meine Hände in den Schoß und lausche in die Stille. Wohltuende Ruhe. Gewollte Einsamkeit. Gefühlte Isolation. Ich sitze im ‚Raum der Stille‘. Das Schweigen um mich ist angenehm. Völlige Tonlosigkeit, die nicht ein leiser Laut durchschneidet. Einfach mal nichts denken. Gänzlich abschalten. Ich merke, wie schwer das ist. Entschlossen drängen sich laute Gedanken und Erinnerungen in mein Bewusstsein. Ich versuche diese wahrzunehmen, aber nicht auf sie einzugehen. Gedachtes einfach ziehen lassen. Ohne Beachtung und darüber Nachsinnen. Irgendwann ist mir das zu viel, es strengt unheimlich an nicht zu Denken. Ich stehe auf und ziehe die Tür zum ‚Raum der Stille‘ zu. Meine Schritte hallen monoton in den hohen Gängen des Klosters Lichtenthal. Den Flur hinab befindet sich mein Zimmer. WLAN gibt es hier nicht. Auch kein Radio, Fernsehen oder Telefon. Die Zimmer sind zweckmäßig und einfach ausgestattet. Hohe angenutzte Holzbalken stützen das gesamte Gebäude und ragen unverkleidet in die Zimmer.

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Der Wind peitscht den Regen lautstark gegen die Fensterscheiben. Hagel prasselt klangvoll und monoton auf die Ziegel des Vordachs. Draußen geht die Welt unter. Ich setze mich vor die verhangenen Scheiben und verfolge die kontinuierlichen, gleichmäßigen Wasserrinnsale, die in wild gesprenkeltem Muster das Fensterglas zieren. Wie ein nachhallendes Konzert aus Regentropfen unterstreicht das Unwetter die einsame Ödnis der Klosteratmosphäre. Gebannt studiere ich das Schauspiel. Meine Nasenspitze berührt das kalte Fenster. Ich sitze ja zum Glück im Trockenen. Trotzdem hinterlässt der auf der Scheibe zerplatzende Regen ein klammes Gefühl, als zöge mir die Kälte der Umgebung in die Knochen. Am Frühstückstisch gibt mir eine Nonne aus der Zisterzienserinnenabtei einen Zettel. Es ist ein Gedicht darüber, dass wir die schönen Begegnungen in unserem Leben mehr schätzen sollten. Gott wird auch mal erwähnt, das finde ich in einem Kloster in Ordnung.

Die Essenz des Verses ist aber nicht religiös, sondern zeigt vielmehr auf was es im Alltag ankommt. Wir sollten die Kontakte in unserem Leben viel mehr schätzen. Meistens rennen wir alle durch die gemeinsame Zeit mit Freunden und Familie. Oft so schnell, dass wir uns fast selbst überholen. Dabei ist zusammen verbrachte Zeit das wertvollste Geschenk, das es gibt. Verbrauchte Zeit kommt nie zurück, wir sollten uns also überlegen mit wem wir diese teilen. Die meisten Gäste im Frühstücksraum sind jenseits der 60. Sie sehen mich an‚ als hätte ich mich verlaufen. Verstohlen erhasche ich ihre neugierigen Blicke. Ich senke den Altersdurchschnitt ordentlich ab. Mir ist das völlig gleichgültig. ‚Wie lange sind Sie schon im Kloster.‘ frage ich die ältere Schwester. Schwerfällig nimmt die Nonne auf dem Stuhl neben mir Platz. ‚34 Jahre.‘ Lachfältchen überziehen ihr runzliges Gesicht, das von einem bewegten Leben mit Höhen und wirklichen Tiefen spricht. ‚Ich bin eine Spätberufene, aber ich bin am richtigen Platz.‘

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‚Was waren Sie denn bevor Sie ins Kloster gingen?‘ frage ich neugierig. Mein Frühstück ist vergessen. Achtlos lege ich den Joghurtlöffel auf den Tisch. Mein Blick fixiert die alte Frau. Die Geräuschkulisse aus klappernden Geschirr und Besteck bleibt im Hintergrund zurück. Mein Gegenüber ist ein geselliger Mensch. Ohne Aufforderung erzählt sie mir ihre Lebensgeschichte. ‚Ich habe als Lehrerin gearbeitet, später war ich Schulleiterin. Mich hat das nicht glücklich gemacht. Ich habe während der Schulzeit in einer Wohnung mit Ölofen gewohnt. Damals wusste man noch nicht, dass die Dämpfe sich schlecht auf Lunge und Atmung auswirken. Ich habe schlimmes Asthma bekommen, mit dem ich heute noch zu kämpfen habe. Es ging mir sehr schlecht.‘ Aufmerksam blicke ich in die wachen Augen in dem greisen Gesicht. Kann dies allein Grund sein dem gewöhnlichen Alltag abzuschwören? Nicht nur durch tief verwurzelten und empfundenen Glauben den Weg ins Kloster zu wählen, sondern durch ein schlimmes Erleben. Ein hässliches Ereignis kombiniert mit dem ohnmächtigen Gefühl nichts tun zu können.

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Kann dies Auslöser für die gewählte Isolation sein? Mit Sicherheit. Wer schon einmal ein negatives Erlebnis bewältigt, durchlebt und verarbeitet hat kennt die Verlockung einfach wegzulaufen. Eine Fernsehdokumentation hatte einmal die Gründe von Sozialarbeitern untersucht sich zur Hilfe in einem Entwicklungsland zu melden. Diese Menschen wollten definitiv helfen, viele flüchteten aber auch vor ihrem momentanen Leben. Ein Versuch durch die Entfernung in Km auch eine räumliche Distanz zu den Überlegungen im eigenen Kopf zu schaffen. Verallgemeinern lässt sich dies sicher nicht. Ohne Religiosität geht es im Kloster oder der Kirche natürlich auch nicht. Es ist nur immer wieder erstaunlich, was man entdecken kann, wenn man hinter menschliche Fassaden schaut. Ich spaziere die Lichtentaler Allee entlang, der schönste Fleck Baden-Badens.

Wie ein dekorativer Rahmen erheben sich die Prachtbauten der unzähligen Hotels am gegenüberliegenden Ufer. Russisch ist gefühlt die meist gesprochene Sprache, die ich um mich höre. Bereits seit der Zarenzeit ist Baden-Baden eine Lieblingsstadt der Russen zum Spielen, Kuren und Shoppen. Die russische Heliopark Hotelgruppe kaufte das älteste Hotel der Stadt auf, das ‚Bad Hotel zum Hirsch‘ und sanierte es für mehrere Millionen Euro. Seither kommen immer mehr Gäste aus Osteuropa, vom Hotel sind es nur wenige Gehminuten zum Spielcasino. Die wohlhabende russische Oberschicht erwirbt hier Immobilien. Jelzins Tochter Tatjana ebenso wie Schewardnadses Schwester. Das Preisniveau ist daher rasant angestiegen und manche Eigentumsbesitzer möchten sogar nur noch an gut betuchte Osteuropäer verkaufen. Sie bekommen dadurch wesentlich mehr Geld.

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Die Sympathie der russischen Bevölkerung zu Baden-Baden ist allerdings auch geschichtlich bedingt. Prinzessin Luise von Baden heiratete 1793 den Zaren Alexander I. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen bereits 5000 Russen hierher, das sind etwa so viele wie die Stadt damals Einwohner hatte. Bevor es Eisenbahnen gab, reisten diese in Kutschen an und waren etwa einen Monat unterwegs. Unter ihnen war z.B. der Schriftsteller Leo Tolstoi. In seinem Roman ‚Eheglück‘ schreibt er über Baden-Baden. Heute machen die Geschäfte etwa die Hälfte ihres Umsatzes mit Russen. Ohne die osteuropäischen Kunden könnten die Händler die teure Miete in der Innenstadt überhaupt nicht bezahlen. Neben deutschen Plakaten finden sich in den Läden meistens auch Plakate mit kyrillischer Schrift. Von ihren Verkäuferinnen verlangen die Händler daher sogar schon russische Sprachkenntnisse, was ich total übertrieben finde. Es gibt russische Speisekarten in den Restaurants und russische Backwaren in den Bäckereien. Man versucht seit jeher es den osteuropäischen Gästen recht zu machen.

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Ich schlendere durch die Altstadt und betrachte die Luxusauslagen der aneinander gereihten Geschäfte. Versace Kleidung liegt neben Rolex Armbanduhren. Gold reiht sich neben echte Perlen und Swarovski Diamanten. Nach Berlin ist Baden-Baden die bekannteste Stadt in Russland. Ein Fernsehbericht des SWR ernannte diese sogar als ‚die einzige russische Stadt außerhalb Russlands‘. Weit sichtbar leuchtet in der Sonne der vergoldete Zwiebelturm der russischen Kirche. Eine kleine Stadt, eingehüllt in einen Mantel von Wohlstand. Für den, der es sich leisten kann. Neben den vielen russischen Sprachfetzen, die mir an jeder Ecke entgegen fliegen, ist mein Aufenthalt in der überschaubaren Stadt erholsam. Die vielen prachtvollen Art-Deko Bauten in der Altstadt verwöhnen das Auge. Die Parkanlagen rund um die Os sind wunderschön gestaltet. An jeder Ecke lädt ein gemütliches Cafe zum Verweilen ein. Die weißen Paläste funkeln im Kontrast zum dichten Grün der Tannen des Schwarzwalds am Horizont. Wie ein fantastisches Stilleben schlingen sich die Baumketten als lebendiges dunkles Band um die Stadt. Baden-Baden entschleunigt. Ich lasse alle Hektik zurück und gehe in Richtung des nächsten kleinen Straßencafes. Wie sagte Bill Clinton einmal nach einem Besuch? ‚Baden-Baden is so nice that you have to name it twice‘.

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