Reise in die Dunkelheit

Schwarz

Mit einem leichten Knall schlägt mein Blindenstock auf dem Boden auf. Er war mir einfach aus der Hand gerutscht. Ich gehe sofort in die Knie und taste um mich in die undurchdringliche Dunkelheit. Meine Finger greifen ins Leere. Mich befällt eine leise Unruhe. Ohne Unterstützung durch den hölzernen Stock bin ich nicht fähig mich in der allgegenwärtigen Finsternis voranzutasten. Die tiefe Schwärze der Umgebung senkt sich auf mich wie ein dichter Teppich. Ich reiße die Augen auf ohne etwas zu sehen. Bis die Spitzen meiner Finger den länglichen Stab berühren. Erleichterung steht auf meinem Gesicht geschrieben, wenn dies auch keiner der Anwesenden lesen kann. In dieser vollkommenen Düsternis ist jeder unsichtbar. Eine Reise in die Dunkelheit ohne visuelle Reize. Meine Wahrnehmung beruft sich hilflos auf meine anderen Sinne. Ich bin es nicht gewohnt nichts zu sehen. ‚Den Blindenstock sollte man besser nicht fallen lassen.‘ hallt die körperlose Stimme unseres Reiseführers durch den stockdusteren Raum. Das hatte ich mir auch gerade gedacht, denke ich verärgert. Immerhin nimmt niemand meinen mürrischen Gesichtsausdruck wahr.

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Das Land durch das wir reisen kennen wir nicht. Es ist ein Rätsel, das die Teilnehmer selbst lösen müssen. In Wirklichkeit befinden wir uns alle in der Ausstellung ‚Blinder Passagier‘ im Dunkelmuseum in Frankfurt. Handys und Brillen mussten alle Besucher vor der Ausstellung abgeben. Fotografieren ist verboten und Gegenstände die leuchten auch. Heimlich schiebe ich mein Aufnahmegerät in meine Rocktasche. Ich will über den Museumsbesuch ja schreiben. Der Kopf des Mikrophons ist aus silbernem Metall und glitzert im Dunkeln. Aufgeregt verstecke ich das Gerät noch tiefer in meiner Kleidung. ‚Sehen Sie denn hier in der Schwärze besser inzwischen?‘ frage ich unseren Tourguide. ‚Nein.‘ ein Geräusch als schüttelte er den Kopf. ‚Aber ich höre ziemlich gut.‘ Seine Kleidung raschelt, vielleicht dreht er sich zur Gruppe um. ‚Wir sind 12 Stunden von Frankfurt weg geflogen und stehen hier an der ersten Station unserer Reise. Ihr befindet euch mitten in einer Tempelanlage im gesuchten Land. Folgt meiner Stimme, dann könnt ihr hier die Säulen befühlen. Sie tragen besondere Schriftzeichen.‘
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Ich strecke die linke Hand in die vollkommene Schwärze und gehe vorsichtig voran. Der Blindenstock raschelt über den unebenen Boden von links nach rechts. Dann berühren meine Finger etwas Festes. Ich bin an der Säule. Meine Finger befühlen die eingeritzten Zeichen und fahren entlang der geschwungenen Konturen. Was für Farben die Umgebung um mich wohl trägt? Und wie ich diese Buntheit vermisse. Ewige Finsternis ist eine schwarze Tristesse. Ein paar Blindenstockschläge weiter befühle ich den kühlen Steinkopf eines Buddhas. Meine Finger erkunden die Gesichtszüge und streifen über die langgezogenen Ohrläppchen zu beiden Seiten. Unser gesuchtes Land befindet sich also in Asien. Unser Museumsführer schnappt meinen Arm und drängt mich vorwärts. ‚Vor meiner Stimme geht es linksrum zu einer U-förmigen Bank. Der Sitz ist recht niedrig. Rutscht bitte durch bis es nicht mehr weiter geht.‘ erklärt er uns. ‚Wir hören uns jetzt ein Konzert aus unserem Reiseland an. Es spielt auch eine der weltgrößten Trommeln mit fast zwei Metern Durchmesser. Das gesuchte Land hat 175 Flughäfen und 126 Millionen Einwohner.‘ fährt unser Tourguide fort. ‚Als nächstes fahren wir mit einer Dschunke. Die Namen der Seen im gesuchten Staat fangen alle mit dem Namen des größten Berges des Landes an. Daher kann ich leider die Bezeichnung des Sees nicht verraten, sonst wüsstet ihr in welchem Land wir sind. Haltet euch hier an der rechten Wand. Bitte nehmt den Blindenstock in die Linke und immer Rechts bleiben, sonst bekommt ihr nasse Füsse.‘
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Wir werden einzeln auf den Steg geführt. Meine Hand tastet ins Leere. Ich bücke mich tiefer. Meine Finger streifen das Geländer des Bootes und ich finde die Bank. Schwerfällig setze ich mich auf den hölzernen Sitz. Meinen Blindenstock halte ich fest an mich gepresst. Dann rutsche ich ganz langsam die Sitzbank entlang um das Ende nicht zu verfehlen. Ich spüre jemanden neben mir. Die frische Brise des Sees zerzaust mein Haar. Ein feiner Sprühregen aus Wassertropfen benetzt meine Unterarme und lässt eine angenehme Frische in der Dunkelheit zurück. ‚Das gesuchte Land ist ein Inselstaat mit 4 Hauptinseln und hat einen regierenden Kaiser.‘ erhalten wir den nächsten Hinweis von unserem Reisebegleiter. Wir legen an. Gemächlich schleichen alle Passagiere vom Boot. Ständig haut mir irgendjemand seinen Blindenstock in die Fersen. Genervt halte ich an und stehe still. Ich lasse einfach alle vorbei und warte. Ich gehe als letzte, das ist am angenehmsten. Dann ist es plötzlich still.  Alle sind weg. ‚Hallo.‘ rufe ich in die schwarze Dunkelheit vor mir. ‚Hallo. Ist da jemand?‘ Ziellos schnellt mein Blindenstock über den Boden. Ich befinde mich irgendwo in der Mitte eines Raumes. Die ganze Umgebung ist völlig dunkel, ich kann nichts sehen. ‚Hallo.‘ meine Stimme klingt zaghaft. ‚Ist da jemand?‘ Ich irre umher. Mein Stab schlägt an Wände und Holzbalken. Orientierung habe ich keine. Was nun? Ich kneife die Augen zusammen und versuche in der Finsterniss Umrisse zu erkennen.
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Dann erklingt eine Stimme an meinem Ohr. ‚Wie ist Dein Name?‘  Mein Kopf schnellt in die Richtung des Wortlauts. ‚Lisa.‘ ich klinge etwas verzweifelt. ‚Ich habe meine Gruppe verloren. Alle sind weg.‘ Eine feste Hand umschlingt meine Finger und zieht mich voran. Die nächste Gruppe muss warten. ‚Michel.‘ ruft der fremde Helfer ‚darf ich Dir Lisa vorstellen. Du hast sie vergessen.‘  ‚Das ist mir ja schon ewig nicht passiert.‘ erklingt die Stimme unseres Reiseführers. Erleichtert schießt der Atem aus meiner Lunge. Ich bin wieder bei der Gruppe.[/audio] ‚Du stehst hier vor einer Minka.‘ erklärt mir Michel. ‚Im zu erratenden Land ist dies ein traditionelles Haus. Wir sitzen davor. Wenn wir hinein wollten müssten wir die Schuhe ausziehen, das wollen wir ja nicht.‘ Michaels Stimme ist beruhigend. Wir riechen an grünem Tee, der im gesuchten Land überall getrunken wird. ‚Riecht ruhig daran. Aber bitte nicht zu fest. Und hier ist die stärkere Variante.‘ sagt Michael und reicht mir das winzige Gefäß. Ich ziehe den bitteren Duft der Teeblätter tief ein. Hier gibt es nur Gerüche und Empfindungen wie Fühlen oder Betasten. Unser visueller Sinn hat keinen Platz. ‚Lisa tut mir wirklich leid.‘ fügt unser Reiseführer dann hinzu.   Ich befühle Eingangstüren. Meine Finger gleiten über Regenrohre und Ziegelsteine. Um mich ist immer noch alles völlig Schwarz. Ein Briefkasten stoppt meinen Weg. Ich befingere den quadratischen Metallkasten. Wieviele Menschen haben dies alles schon angefasst. Muss ich mich ekeln? Es ist mir eigentlich egal. Ohne einen Halt durch das Fühlen eines Gegenstandes kann ich mich nicht fortbewegen. Ich bin gefangen in der dunklen finsteren Ödnis, die um mich wogt. Mir ist völlig gleich, wer hier vorher entlang gegangen ist. Kontakt zur Umgebung gibt mir Sicherheit. ‚In der gesuchten Hauptstadt gibt es U-Bahn-Schubser, die die Passagiere in die Waggons drängen. Diesen Beruf gibt es nur in zwei asiatischen Städten. Und in Peking sind wir nicht.‘ erklärt Michael. Alle Besucher laufen über die Hauptstraße. Im zu erratenden Land sind das etwa 4000 pro Ampelschaltung. Es gibt spezielle Melodien für Grün und Rot.
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Ein paar Bewegungen mit dem Blindenstock bringen mich in die Dunkelbar. Dies ist unsere letzte Station. Hier gibt es das landestypische Bier namens Kirin und Wassabinüsse. Ich kaufe nichts. Langsam taste ich mich zu der nächsten Bank. Meine Hand stößt auf Widerstand. Es ist ein Bauch. ‚Wenn Du mit mir redest machst Du Dir das Leben viel leichter.‘ ich glaube Michael schmunzelt. ‚Deshalb reden doch Blinde immer so viel. Man weiß dann immer wo jemand ist.‘ ‚Ok.‘ murmele ich. Mir fehlt mein Sehen. Ich kann nur ansatzweise erahnen, wie es ist sich auf eine dunkle Welt einstellen zu müssen. Michael hat seinen Optimismus dennoch bewahrt. Ich bewundere das. ‚Letzer Tipp: Die Fische im Auquarium sind Koi, ganz typisch für das Land. Wie ging es Euch im Dunkeln nach einer Zeit, besser oder schlechter?‘ fragt unser Museumsführer. ‚Besser.‘ sagt eine weibliche Stimme neben mir. Das kann ich nicht sagen. Ich vermisse die visuelle Welt.  ‚Ich habe gehört in diesem Museum sind Sehbehinderte oder Blinde beschäftigt.‘ fährt die weibliche Stimme zu meiner Seite fort. ‚Ich habe nur noch einen kleinen Punkt auf einem Auge durch den ich etwas sehe. Niemand weiß wieso. Die Krankheit hätte auch nicht schlechter werden sollen.‘ bestätigt Michael. ‚Machst Du Urlaub?‘ will ein Besucher wissen. ‚Nicht richtig. Wieso auch? Ich schnappe mir mein Hochseekajak und fahre einem Freund hinterher, der eine Glocke an sein Boot gebunden hat.‘ erklärt er. ‚Bist Du denn ein risikofreudiger Mensch?‘ fragt die körperlose Stimme neben mir aus der Dunkelheit. ‚Naja, Skifahren tue ich nicht mehr. Ich habe einmal den Skitunnel verfehlt. Ich bin über die Straße geschlittert und der herannahende Bus war zu hören. Er hat mich um Millimeter verfehlt, ich konnte den kommenden Windhauch spüren. Das war eine ganz knappe Sache und ist mir inzwischen einfach zu risikioreich.‘  Michael hat ein gesundes Urvertrauen, genauso wie ich. Ich kann von ihm soviel lernen. Vielleicht sollten wir uns fragen, ob wir nur auf einen Sinn setzen wollen. Sind doch die anderen genauso gut. ‚Ist der Yin jetzt gefallen?‘ ich glaube unser Reiseführer grinst. Wir sind in Japan.
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