Ein Bombeneinschlag als Andenken

bosnia-1349464_1920.jpgEs ist bereits dunkel, als ich mein Hostel in Sarajevo finde. Ich bringe meinen Koffer in das gebuchte Zimmer. Dann muss ich dringend ins Bad. Durch ein Labyrinth von Gängen irre ich zur Toilette. Von 22h abends  – 6h morgens gibt es kein fließendes Wasser. Ein Blatt hängt an der Klotür. Statt einer funktionierenden Toilettenspülung soll man bitte das klare, kalte Wasser in der verrosteten, undichten Gießkanne neben der Kloschüssel verwenden. Ich war den ganzen Tag durch die Kopfsteinstraßen von Sarajevo gelaufen und hatte die kleinen Gassen mit den Fachwerkhäusern durchstreift. Ich schlenderte durch den Bezistan Bazar und stöberte in den kleinen Läden. Viele Häuserfassaden sind übersät von den Einschusslöchern des Bosnien-Krieges. Die Instandsetzung geht langsam voran. Die Bevölkerung ist freundlich und hilfsbereit. Viele sprechen Deutsch, weil Sie während des Krieges nach Deutschland geflüchtet sind.

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Am nächsten Tag fahre ich mit dem Bus nach Mostar. Sarajevos kleiner Nachbar ist bekannt für die imposante Steinbrücke aus dem 16. Jhd. die den Fluß Neretva überspannt. Das Wahrzeichen der Stadt ist Teil des UNESCO-Welterbes. Ich ziehe meinen Handgepäckkoffer über das ungleichmäßige Kopfsteinpflaster. Die unregelmäßigen Pflastersteine machen den Gang bergauf zur anstrengenden Plackerei. Mein Hostel liegt am höchsten Punkt des Ortes. Ich komme genau zur rechten Zeit, um mich zu einer Stadtführung anzuschließen. Mein Hostelwirt ist hier geboren und aufgewachsen. Er betreibt neben der Unterkunft auch ein kleines Restaurant auf der gegenüberliegenden Seite der Brücke. Wir laufen an den Häusern der Altstadt vorbei. Die Spuren des Krieges sind hier viel deutlicher zu sehen als in Bosniens Hauptstadt. Die Fronten der Häuser sind durchsiebt vom Kugelhagel, der Putz aufgrund der Wucht des Einschlags zu großen Teilen abgeplatzt.mostar-1155674_1920

‚Das dort ist das Einschlagsloch einer Bombe.‘ erklärt mir mein Reiseführer. ‚Du siehst die Zersplitterung in viele kleine Teile bei der Detonation.‘ Der Fleck auf der Hauswand sieht aus wie ein eingraviertes Feuerwerk. ‚Der Besitzer will die Mauer so lassen, zum Gedenken an die Greueltaten des Krieges.‘ Sein Gesicht ist ernst. ‚Die meisten meiner Freunde sind tot. Wir saßen in einer großen Gruppe zusammen, als eine Bombe unmittelbar neben uns explodierte. Zwölf meiner Freunde sind damals gestorben. Ich kam mit vielen kleinen Splittern im Rücken und den Beinen ins Krankenhaus. Einige trage ich immer noch in mir. Eine Operation würde mich auf jeden Fall das Leben kosten.‘ Ich kann nichts sagen, so gebannt hänge ich an seinen Worten. Was Krieg bedeutet und wie er aussieht hatte ich noch nie so nah betrachten können. Die Grausamkeit für den Einzelnen und dessen Familie lässt sich in den täglichen Nachrichten in das ferne Nachbarland schieben. Die schlechten Nachrichten wiederholen sich täglich, man kennt diese ja schon. Man stumpft dagegen ab.

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‚Das Metall stört mich nicht im Körper. Nur wenn das Wetter wechselt, merke ich die Splitter manchmal.‘ gleichgültig winkt er ab. Wir gehen weiter durch Mostars Altstadt. Die steineren Häuser schmiegen sich an die Hänge der kleinen Schlucht, darunter zieht die Neretva in leisem Plätschern dahin. Der Himmel strahlt in gleichmäßigen Blau und die Sonnenstrahlen zeichnen hektische Kringel auf den Dachziegeln der Gebäude. Die Szenerie ist so wunderschön, das eigentlich kein Platz für Kriegsgeschichten ist. Die düstere Vergangenheit hat Mostar nicht geschadet. Als Stadt mit den meisten Sonnenstunden in ganz Bosnien lässt es sich in dieser malerischen Umgebung gut leben. Doch die Stadt ist immer noch zerrissen. Der Bosnienkrieg ist nicht vergessen.

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Die Volksgruppen der Bosniaken und Kroaten leben auch heute noch weitgehend getrennt. Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Wurzeln besuchen Unterricht im gleichen Schulgebäude, sind jedoch physisch voneinander getrennt und lernen nach unterschiedlichen Lehrplänen. Dies nennt sich ‚Zwei Schulen unter einem Dach.‘ Die Wirtschaft liegt auch zehn Jahre nach dem Krieg immer noch am Boden. 2,3 % der Landesfläche von Bosnien sind durch Landminen belastet und daher nicht passierbar. Jährlich sterben Menschen durch Minenunfälle. Ich entdecke eine Bruce Lee Statue in der Nähe. 2005 wurde diese zum 65. Geburtstag des Filmstars aufgestellt. Die Wahl fiel auf die verstorbene Kung-Fu-Legende, weil die gesamte Bevölkerung sich mit ihm identifizieren kann. Mit der Skulptur soll ein Zeichen gegen die ethnische Zerrissenheit auf dem Balkan gesetzt werden.

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Wir sind wieder an der alten Steinbrücke der Stadt angekommen. ‚Hier müssen alle unsere Söhne einmal herunter springen.‘ erklärt mein Tourguide. ‚Dies ist Brauch bei uns. Ein junger Mann ist nur erwachsen, wenn er von der Brücke springt und überlebt.‘ sagt er mit begeisterter Miene. Ich schaue mit weit aufgerissenen, entsetzen Augen nach unten. 30 Meter blicke ich in die Tiefe. ‚Das Fest der Brückenspringer im Sommer zieht viel Touristen an. Die Springer verdienen gut, manchmal 100 Euro am Tag.‘ Ich mustere die spitzen Felsen zu beiden Seiten des Flusses und lausche intensiv seinen Worten. ‚Ich bin auch schon gesprungen.‘ erzählt er stolz. Lächfältchen spielen um sein Gesicht und er fügt schmunzelnd hinzu ‚Aber das war ein halber Bauchplatscher, ganz schön unangenehm.‘

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Ein Gedanke zu “Ein Bombeneinschlag als Andenken

  1. Einfach wunderbar geschrieben. War vor etwa zehn Jahren selbst in Sarajevo, Mostar und Zenica, und kann vieles von dem bestätigen! Allesamt sehr schöne Städte, aber die Spuren des Krieges sind unübersehbar!

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