Getäuscht in Belarus

‚In der Wohnung, die Sie gebucht haben, residiert noch eine junge Lettin. Sie wartet auf ihren Mann und hat ein Baby bei sich. Ich möchte sie ungern vertreiben.‘ die Vermieterin meiner Ferienwohnung hatte mich am Bahnhof in Minsk abgeholt. ‚Ich habe eine gleichwertige Wohnung für Sie.‘ verkündet die Frau mit einem strahlenden Lächeln. ‚Nur ein bisschen weiter vom Zentrum weg, aber sehr schön.‘ zustimmend hebt sie die Hand und nickt wohlwollend mit dem Kopf. ‚Na prima.‘ denke ich. Seit 5 Minuten in Weißrussland und schon werde ich über den Tisch gezogen. Ich habe keine Wahl. ‚Ist gut.‘ ich zwinge mich zu einem Lächeln. ‚zeigen Sie mir bitte die Wohnung.‘ Wir halten am Rande der Innenstadt und parken das Auto. Die Weißrussin schließt die Tür zu einem grauen Wohnblock auf. Hier wohnen mindestens 20 Parteien, wahrscheinlich mehr.

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Durch den Türspalt weht mir der  Geruch von abgestandenem Wodka entgegen. Beim Eintreten kicke ich ein paar leere Schnapsflaschen beiseite, die durch den Müllschacht, der alle Stockwerke verbindet nach unten gekippt worden sind. Das metallene Rohr durchzieht den Ganzen Flur bis nach oben. Am Ende türmt sich ein Berg von Müllsäcken. Ihr Gestank mischt sich mit der Alkoholfahne und liegt wie ein bitterer Hauch über dem ganzen Haus. Die Wohnung ist sauber, hat aber kleine Macken. Das Kabel des Fernsehers ist mit Klebeband an der Steckdose befestigt, damit es nicht heraus rutscht. Gemessen am Niveau der Hauptstadt von Belarus ist die Wohnung aber wirklich gut in Schuss. ‚Ich bleibe hier.‘ sage ich zu der Frau, die mich abgeholt hat und ernte ein breites Lächeln. Dann fällt die Tür ins Schloss. Ich bin allein.

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Am Hauptbahnhof hatte ich mir einen Stadtplan gekauft. Ich versuche in den kyrillischen Buchstaben ein System auszumachen. Vergeblich. Zum Glück sind die Sehenswürdigkeiten von Minsk in Miniaturansicht abgebildet. So kann ich mich zumindest an den Bildern orientieren. Die größte Stadt in Weißrussland ist eine typische sowjetische Stadt. Breit angelegte Plätze und ausufernde Straßen, die für Paraden und Aufmärsche angelegt worden sind. Nach dem zweiten Weltkrieg wieder komplett aufgebaut war Minsk die Vorzeigestadt von Stalin. Ich zähle die Zahl der Straßen auf meiner Stadtkarte ab, damit ich weiß wo ich jeweils abbiegen muss. Dennoch verlaufe ich mich drei Mal. Ich schlendere über den Oktoberplatz mit dem Palast der Republik in der Nähe meiner Unterkunft. Die Strasse zum Unabhängigkeitsplatz ist das Prachtboulevard der weißrussischen Hauptstadt. Ein Brunnen steht in der Mitte des Platzes gesäumt von mächtigen Adlerskulpturen mit riesigen Schwingen.

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Mein Stadtrundgang führt mich zu einem blauen Gebäude inmitten eines Parks. Auf meinem Stadtplan ist es nicht eingezeichnet. Ich spähe durch die Gitterstäbe des massiven Eisentors und mustere die tadellose hellblaue Fassade. Militär kann ich auf einem Schild mühsam entziffern. Langsam hebe ich den Fotoapparat in meiner Hand und drücke kurz entschlossen ab. ‚Nein, nein.‘ schreit mir ein junger Wachsoldat aggressiv entgegen. ‚Löschen, sofort.‘ signalisiert er mir mit wild gestikulierenden Händen und abwehrender Armbewegung. Das Maschinengewehr in seiner Hand wippt beim hastigen Laufen Auf und Ab. Er rennt auf mich und die eiserne Pforte zu. Ich muss ihm den Foto geben und er löscht das Bild. Oh nein, die schönen Urlaubsaufnahmen. Ich bin mir völlig sicher, dass ich meine Kamera nicht mehr bekomme. Minuten später gibt er sie mir zurück. Erleichtert atme ich langsam aus, vor lauter Schreck hatte ich die Luft angehalten. Ohne Abschied drehe ich mich um und laufe schnell weg.

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