Das aufdringliche Marokko

Seit 2 Stunden stehe ich in dem schmalen Gang zwischen den Sitzreihen des Zuges. Mein Koffer presst sich eng an das Hosenbein meiner Jeans und hinterlässt durch die Hitze der nordafrikanischen Luft einen unangenehm schwitzigen Abdruck auf dem Stoff. Eine Klimaanlage gibt es nicht. Die kleinen Oberlichter der Zugfenster sind geklappt und werden von den gleißenden Strahlen der Mittagssonne durchflutet. Beleuchtet von den blendenden, grellgelben Lichtkegeln summen Scharen von Fliegen über den Köpfen der Passagiere. Die heiße Luft einzuatmen ist unangenehm und brennt sich ihren Weg bis zur Lunge. Meine Arme und Beine sind bis zu den Knöcheln durch Kleidung bedeckt. Mein blondes Haar ist unter einem leichten Kopftuck versteckt. Die Wärme, die in meinem Körper aufsteigt und mich einhüllt wie ein dicker Teppich ist unerträglich.

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Aus dem Zugfenster betrachte ich eine Gruppe von Frauen, die sämtliche Gegenstände auf ihrem Kopf tragen. Die Marokkanerinnen balancieren beachtliche Gewichte auf ihrem Scheitel. Sie nutzen dafür ein speziell gewickeltes Tuch oder Palmblatt, um die Last gleichmässig zu verteilen. Wichtig dabei ist es, die Dinge genau in der Mitte auf dem Kopf zu tragen. Ebenso sollte man niemals den Kopf schief halten, sonst bekommt man starke Nackenschmerzen. Bereits die kleinsten Kinder, fangen mit den Trageübungen an sobald sie laufen können. Übung macht den Meister. Die Menschen in Marokko müssen oft beschwerliche Wege zu Fuß zurücklegen, z. B. um an Wasser zu kommen. Die Bürde verteilt sich beim auf dem Kopf tragen sehr gleichmäßig und die Einheimischen sind dadurch viel ausdauernder. Man bekommt einen graziösen Gang, Balancefähigkeit und starke Rückenmuskeln. Zudem hat man die Hände immer frei und durch die sperrige Belastung einen natürlichen Sonnenschutz und Schattenspender.

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Vor ein paar Stunden war ich noch durch Casablanca geschlendert. Jetzt fuhren die ratternden Eisenräder des Zuges in den Süden Marrokos auf die Königsstadt Marrakesch zu. Wer den Film ‚Casablanca‘ mit Humprey Bogart und Ingrid Bergmann kennt ist von Casablanca definitiv enttäuscht. Entpuppt sich die Großstadt doch als heißer, an Hitze überquellender Moloch. Umbarmherzig brennt die afrikanische Sonneauf den Dreck der Straßen und den Schmutz in den verbrannten und sonnengegerbten Gesichtern der Menschen. Die Soukhs sind ein Irrgarten und ich hatte mehrere Stunden gebraucht um wieder herauszufinden. Verströmt der gleichnamige Schwarzweißfilm eine gewisse Romantik, zieht in der Realität durch die Gassen der Stadt ein gleichmässiger schwer erträglicher Nebel hässlichen Gestanks. Die Entscheidung zeitnah weiter zu Reisen fiel leicht.

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Die Soukhs von Marrakesch sind voller aufdringlicher Händler. Sie ziehen mich am Arm und deuten auf die kleine Ladengeschäfte voller Schmuck, Tücher und Arganöl. Einige versperren mir den Weg, sodass ich nur in Richtung ihres überschaubaren Geschäfts ausweichen kann. Ich wehre mit ausgestreckten Händen und gespreizten Fingern alle ab so gut es eben geht. Langsam ziehe ich meinen kleinen Handgepäckkoffer durch den stickigen Wüstenstaub. Straßenschilder sehe ich nicht. Die Glut der MIttagssonne macht mich schläfrig. Gedankenverloren reibe ich die Augen. Ein paar Schlangenbeschwörer blasen inbrunstig auf dem zentralen Platz Djemaa el Fna in ihre kleinen Flöten. Ihre Augen fixieren die schwarzgesprenkelten Kobras, deren wachsam aufgestellter Kopf sich bedächtig zum Klang der Melodien in der prallen Sonne reckelt. Wie eine kühle Prise fluten die fremdartigen Töne über mich hinweg und ziehen wie ein Empfangskommitee durch die sandigen Straßen. Ich frage eine alten Mann nach dem Weg zu meiner Unterkunft.

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Wortlos und flink nimmt er meinen Koffer und legt ihn in die hölzerne Schubkarre, die er mit sich umherzieht. ‚Nein.‘ ich hebe die Hand um zu protestieren. Meine Geste erfolgt viel zu langsam, der Kofferschlepper eilt bereits davon, um mir mein Hostel zu zeigen. Behäbig haste ich meinem Gepäck hinterher. Unsere eigentümliche Prozession biegt in eine kleine Seitengasse, schon stehen wir vor der Herberge. Ich drücke dem Träger 20 Dirham in die Hand und ziehe meine Habseligkeiten zu mir herüber. Viel zu wenig bedeutet mir der alte Mann mit einer ärgerlichen Geste. Ruckhaft ziehe ich die Eingangstür auf und verschwinde in der Unterkunft. Nach kurzer Zeit klingelt der Alte und beschwert sich aggressiv über meine Knausrigkeit beim jungen Rezeptionisten. Beschwichtigend redet dieser auf ihn ein. Sein Gesicht wendet sich mir zu. ‚Er sagt, Du hast ihm zu wenig gegeben.‘ gibt er die schimpfenden Worte seines Gegenübers wieder. ‚Ich habe nicht mehr. Ich muss noch Geld abheben.‘ hilflos zucke ich kaum merklich die Schultern. ‚Ich wollte auch nicht, dass er meine Koffer trägt.‘ Fluchend entfernt sich der Marokkaner von der Eingangstür.

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Marrakesch wäre wunderschön, würden die Leute hier nicht für jede Geste eine finanzielle Entlohnung erwarten. Die penetrante, beharrliche Art mich abzudrängen zu einem Lokal oder kleinen Geschäft nervt nach kurzer Zeit. Ich fühle mich unwohl. Im Rest Marokkos habe ich dieses eindringliche Verhalten bisher nie erlebt. Umso unnachgiebiger tritt es hier zum Vorschein. Ich nehme ausschweifende Umwege in Kauf, um niemanden fragen zu müssen. Soviel Trinkgeld, wie hier von mir erwartet wird besitze ich nicht. Gemächlich spaziere ich durch die Soukhs und versuche die Rufe der vielen Händler zu ignorieren. Anstrengend ist es sich taubzustellen und immer wieder bewusst wegzusehen. Ich muss und kann hier nicht jedem etwas geben, obwohl das definitiv von mir erwartet wird.

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In islamischen Länder zählt das Almosengeben zu den 5 Grundpfeilern der Religion. Als dritte Säule des Glaubens ist es eine Pflicht den Bedürftigen zu helfen. Der Islam empfiehlt seinen von Gott gegebenen Wohlstand zu teilen und anderen dazu zu verhelfen eigenständige Mitglieder der Gesellschaft zu werden.  Indem man die Armen unterstützt bringt man seine Liebe zu Gott zum Ausdruck. Ebenso muss ein Gläubiger das muslimische Glaubensbekenntnis gesagt haben, 5 Mal am Tag beten, im Ramadan fasten und mindestens einmal im Leben nach Mekka pilgern. Ich kaufe ein paar Lebensmittel in einem Supermarkt. Vor der Tür steht ein kleiner Junge. Seine winzige  Hände strecken sich zu dem Päckchen Käse, dass ich gerade bezahlt habe. ‚Bitte.‘ sagen seine hungrigen Augen. Gierig schließen sich die kleinen Finger und öffnen sich erneut. Ich beuge mich herab und drücke ihm das ungeöffnete Plastik in die Hand. Hastig isst der Junge die Käsescheibe. In der Nähe sitzt seine Mutter auf zerrissenen Pappkartons. Sie lächelt mir zu. Ich drücke ein paar Dirham in ihre Hand, es fällt mir schwer ihr Strahlen zu erwidern.

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Ich flüchte in die Ruhe des Jadrin Majorelle und genieße die blühenden Pflanzen und die allumfassende Stille. Die Hektik und Aufdringlichkeit Marokkos ist ausgesperrt. Ich lasse sie mit dem Eintreten einfach zurück. So finde auch ich meine innere Ruhe wieder. Der botanische Garten Marrakeschs wurde von einem Künstler entworfen.Das saftige Grün der Blumen und Kakteen umfasst etwa 30 verschiedene Arten. Die wunderschön blühende Anlage verströmt eine allgegenwärtigen  und umfassenden Duft nach fruchtbarer Natur und eine ansteckende Besinnlichkeit, die sich sofort überträgt. Behäbig gleite ich auf eine der Holzbänke und genieße die vielen kleinen Springbrunnen und kleinen Teiche. Der französische Modedesigner Yves Saint-Laurent kaufte 1980 den Garten um sich hier für seine Kreationen inspirieren zu lassen. Ich kann es ihm nachempfinden. Anstelle der lauten Anweisungen der Verkäufer in der Altstadt von Marrakesch umhüllt mich fröhliches, zartes Vogelgezwitscher an erfüllt mein Ohr. Auf der sonnigen Parkbank im Herzen der Anlage schüttle ich den sandigen Straßenstaub der Altstadt und die permanente Hektik ab und genieße den Frieden.

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