Ein halber Sitzplatz

Ich nehme auf dem Beifahrersitz des weißen Mercedes Platz, der definitiv schon bessere Zeiten gesehen hat. Sein heller Lack ist verbeult und von bräunlichen Roststreifen überzogen. Wie ein gleichmäßiges Muster an Altersfalten ziehen sich die rotbraunen Streifen über den gesamten Wagen. ‚Ein Platz?‘ fragt der Fahrer. Wortlos nicke ich und drücke ihm ein paar Dirham für die Fahrt nach Meknes in die Hand. Meknes ist nach Fez die zweite der alten marokkanischen Königsstädte, die auf meinem Weg liegt. Das Auto füllt sich schnell. Feste Abfahrtszeiten gibt es nicht. Sind alle Sitzplätze belegt fährt man los. Auf der Rückbank drängen sich vier Personen aneinander. ‚Zum Glück sitze ich Vorne.‘ erleichtert schiele ich auf die aneinander gedrängten Personen auf den hinteren Sitzen. Zur Antwort öffnet sich ruckartig die Beifahrertür und ein Mann zwängt sich neben mich auf den Sitz. Ich rutsche so weit nach links, dass ich mit einer Pobacke fast den Schaltknüppel abdecke. Ich versuche mich so schmal wie möglich zu machen und nicht an die mehrstündige Fahrt zu denken. Jetzt verstehe ich auch die Frage nach einem Sitzplatz. Ich hätte auch zwei Tickets kaufen können und dann den Beifahrersitz für mich allein gehabt.

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Meknes ist eine eher unauffällige Königsstadt, nicht so prunkvoll und farbenfroh wie Fez. Auch die Sehenswürdigkeiten sind überschaubar. Langsam schlendere ich durch die Medina und sauge die Gerüche des Wüstenstaubs ebenso ein wie die scharfen, orientalischen Gewürze. In einem Strudel aus süß und salzig, frisch und würzig vermischt sich alles mit der feinen Brise des warmen Windes, der über die Gassen der Altstadt zieht. Er weht die fremden Aromen über mein Gesicht, verwebt sie mit meinen wehenden Haaren und den heißen Sonnenstrahlen, die auf meine langärmelige Kleidung fallen. Mir ist furchtbar heiß. Ich kleide mich wie die Frauen Marokkos und bedecke mich bis zu den Händen und Fußgelenken komplett. Ein leichter Schleier bedeckt meine blonden Haare und liegt lose auf den Schultern. An einem kleinen Stand kaufe ich ein Fläschchen Arganöl. Schilder mit strahlenden jungen marokkanischen Frauen preisen die Pflegekraft des hellgelben Öls für Haut und Haar.Leicht tupfe ich einen seichten Film des Öls auf mein Gesicht. Es soll verjüngend wirken und der Haut viel Feuchtigkeit geben.

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‚Komm mit in mein Cafe. Es kostet Dich nichts, meine Familie und ich laden Dich ein.‘ aufmerksam und eindringlich mustert mich ein junger Mann. ‚Wir zahlen alles für Dich.‘ ‚Nein, danke.‘ ich winke kopfschüttelnd ab. So wenig geschäftstüchtig ist in Marokko niemand, dass er Fremde kostenlos bewirtet. Jede der vier Königsstädte war einmal Hauptstadt gewesen, Meknes unter Sultan Moulay Ismael. Sein prächtiges Mausoleum liegt nicht weit von der Altstadt entfernt. In schlendere weiter zur Medersa Bou Inania, eine Koranschule wie diese gibt es in jeder Großstadt. Hier werden islamische Wissenschaften gelehrt. Üblicherweise finanziert man sich durch Stiftungen. Die Schulen sind reich mit Holzschnitzereien und Mosaikreliefs verziert. Im Innenhof befindet sich ein schmaler Brunnen, um den sich alle anderen Räume wie ein rechteckiger Gürtel gruppieren.

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Ich fahre am gleichen Tag weiter nach Rabat, der Hauptstadt Marokkos. Diesmal entscheide ich mich für die Rückbank des weißen Mercedes. Drei weitere Frauen mittleren Alters verhandeln mit dem Fahrer. Die kleine Gruppe ist in bodenlange, schwarze Kleidung gehüllt und die Haare mit einem dunklen Kopftuch straff verdeckt. Alle sind in etwa das dreifache Körperformat von mir. Nacheinander steigen die Marokkanerinnen zu und der Platz der mir zur Verfügung steht wird immer schmaller. Wie eine Sardine in der Büchse bin ich zwischen die Frauen gequetscht, die mich von beiden Seiten einengen. Das monotone Auf und Ab des Wagens und die Hitze, die durch die vielen Körper im Auto noch intensiviert wird machen mich schläfrig. Die Frau neben mir deutet mit einem Lächeln auf ihren kräftigen Oberarm, der hinter mir auf dem Kopfteil des Sitzes aufliegt. Sie führt  ihre Hände zusammen und legt diese an ihre Schläfe. Leg Dich ruhig hin, will sie mir verdeutlichen. Scheu lächle ich sie an. Sie strahlt freudig zurück, Lachfältchen überziehen ihr wettergegerbtes Gesicht. Wie freundlich die Menschen sind. Wir kennen uns nicht und doch darf ich mich an sie lehnen, um zu schlafen. Krampfhaft versuche ich mich in der heißen Umgebung wach zu halten. Doch die Natur siegt, müde sinke ich auf den heißen Stoff ihres Unterarms und schlafe ein.


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