Das Venedig Russlands

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‚Mein Name ist Natalia. Wenn Du etwas brauchst, kannst Du hier klingeln, ich komme dann gleich.‘ Die kleine Zugbegleiterin in den mittleren Jahren hat ein strahlendes Lächeln für mich. ‚Was möchtest Du morgen zum Frühstück? es gibt Pfannkuchen oder Omelette.‘ ‚Omelette.‘ entscheide ich. Auf meinem Bett befinden sich nur zwei Kissen. Ich werfe mich auf die Liege meines Einzelbetts. In russischen Zügen gibt es also keine Decke. Es klopft zaghaft an die Tür. Natalia erscheint im Türrahmen mit einem Glas Tee. Der Glasbecher ist kunstvoll in eine Zinnummantelung mit reich dekoriertem Muster voller Blätter und Pflanzen eingelassen und sieht aus wie aus dem vorigen Jahrhundert. Dankbar nippe ich an dem heißen Getränk. Die wohlige Wärme lässt die Müdigkeit durch meinen Körper fließen, als hätte sich ein aufgestautes Ventil plötzlich gelöst. Lächelnd sinke ich in die Kissen. Da prasselt ein Monolog russischer Wörter auf mich ein und die Zugbegleiterin klappt das Polster des Nachbarsitzes um. Auf dem Bett das zum Vorschein kommt ist eine Bettdecke festgeschnallt. Überrascht blicke ich auf. ‚Ok, das war mir nicht klar.‘ lachend drehe ich meinen Polstersitz um und liege plötzlich auf einer Matratze. ‚Bist Du Journalistin?‘ die Zugbegleiterin deutet auf mein Aufnahmegerät, mit dem ich versuche die Geräusche Russlands festzuhalten. ‚Nein, eigentlich nicht.‘ erwidere ich schnell. ‚Frühstück gibt es um 7 Uhr.‘ meint Natalia fröhlich und zieht die Abteiltür zu.

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Pochend hämmert es an meine Tür. ‚Hallo, hallo…‘ zum Glück lässt einen die elegante Art des russischen Ausdrucks nicht verschlafen. Müde setze ich mich auf und reibe meine Augen. In Zeitlupe strecke ich meine linke Hand vor und löse das Schloß der Tür. ‚Frühstück!‘ eine fremde Frau setzt ein Tablett vor mir ab. Das Essen ist gewöhnungsbedürftig. Das Ei ist kalt und gespickt mit Paprika, Karotte und Unmengen von Dill. Zum Frühstück kriege ich das nicht runter und schiebe die erste Eischicht mit Gemüse und Kräutern einfach vom Teller. ‚Igitt.‘ Ich esse aus Hunger, nicht mit Genuss. Die Nacht war unruhig, bei jedem Bremsen war ich aufgewacht. Das Rattern der Zugräder hatte monoton meine Träume begleitet und jede Änderung des Rhytmus hatte mich als Unregelmäßigkeit abrupt aus dem Schlaf schrecken lassen. Es gibt nur einen russischen Fernsehsender im Zug, der keine alternative Unterhaltungsmöglichkeit dargestellt hatte. So war ich langsam in den Schlaf gesunken und doch jede Stunde durch die wechselnden Laute der Zugräder erwacht. Immer wieder hatte ich die Bettdecke weggetreten und mich von Seite zu Seite gewälzt.

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Ich verabschiede mich von Natalia und ziehe meinen kleinen Koffer den Bahnsteig hinab. Mein Hostel zu finden ist diesmal leicht, die Unterkunft liegt lediglich zwei Metro-Stationen entfernt. Ein junges Mädchen schließt meinen Koffer ein. ‚Das Zimmer ist erst um 14 Uhr fertig.‘ sagt sie bedauernd. ‚Ich weiß, ich gehe solange in die Stadt,´entgegne ich unbekümmert. Ich laufe die Nevsky Prospect hinab. Die Hauptstraße St.Petersburgs liegt im historischen Zentrum der Stadt und ist 4,5 Km lang. Als Prachtstraße ließen im 18 Jhd. hier zahlreiche Adlige ihre Villen erbauen. Auch heute bin ich begeistert von den Bauwerken, die die Straße säumen. Am meisten beeindruckt mich die Kasaner-Kirche, das Einkaufszenrum Gostiny Dvor und das Grand Hotel Europe. In der Architektur zu beiden Seiten der Straße dominiert der Klassizismus.

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Es gibt wie überall in Russland zahlreiche orthodoxe Sakralbauten gleichwie barocke Paläste. Mein Spaziergang führt über mehrere kleine Brücken, an deren Ausläufern sich elegante Gebäude dahinziehen. Boote mit Touristen schippern langsam über das Wasser. Ich stehe mitten im Venedig des Ostens, so nennt man St. Petersburg. Die Großstadt ist allerdings ein Regenmagnet. Ständig und unkontrolliert reißt der Himmel auf und ergießt sich über mir wie ein voller Kübel präzise geleiteten Wassers. Immer wieder. Meine Kleidung ist überall klamm und die Hosenbeine sind bis zu den Knien mit Wasser vollgesogen. Ich kremple die Jeans so gut es geht hoch, um das Übel zu begrenzen. Auf der Anitschkow-Brücke bändigen mehrere Stauen von jungen Männern ihre Pferde. St. Petersburg hat zahlreiche Brücken, die sich über die kleinen Kanäle des Flusses Neva verbinden, daher trägt die Stadt den Beinamen ‚Venedig des Ostens‘. Zum Abschluß besuche ich das größte Einkaufszentrum von St. Petersburg. Ich streife durch das Gostinyy Dvor und suche nach Schnäppchen. Ohne Erfolg, ich finde nichts. Dann bin ich zurück am Hostel angekommen. Müde und durchnässt falle ich ins Bett.

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