Das Lächeln eines Kindes

20170621_103827.jpgSchläfrig und behäbig sinke ich langsam auf den Stuhl der Gemeinschaftsküche. ‚Dobre utra (Guten Morgen).‘ sage ich laut und deutlich. Ausdruckslos sehen mich die Gesichter der russischen Hostelgäste an. Kein freundliches Wort oder Lächeln, nicht einmal ein zaghaftes Nicken des Kopfes. Wortlos streifen mich ihre reglosen Blicke für Sekunden, dann drehen sie sich wieder weg. Enttäuscht, weil ich sogar in der Landessprache gegrüßt hatte, stochere ich in meinem Frühstück. Vor mir sitzt ein kleines Mädchen. Ihre winzigen Finger stecken in einer kleinen Schale mit Kirschen. Mit neugierig aufgerissenen Augen mustert sie mich schweigend. Ihr Interesse ist so groß, dass ich das Weiß ihrer Augäpfel um die Iris sehen kann. Dann lächelt sie, ganz zaghaft. Eigentlich ist es nur ein freundlicher Hauch, der ihr Gesicht für einen Moment überzieht. Ich lächle zurück. In unserer Kindheit haben wir alle dieselben Voraussetzungen. Erstaunlich wie das Aufwachsen und die Erziehung in einem anderen Land die Menschen unterschiedlich prägen und formen.

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Es regnet auch an diesem Tag. Dunkelgraue Wolken überziehen wie ein unebener Teppich den gesamten Himmel und legen sich als blickdichte Decke über jegliches Blau. Beim Überqueren der Straßen stoßen mir etwa 150 Regenschirme der hektisch drängelnden und vorbei eilenden Bevölkerung gegen den Kopf. Die Russen sind weder ein zaghaftes noch vorsichtiges Volk. Erst als ich mich selbst grob und rücksichtslos durch die Menge schiebe, entgehe ich weiteren Schirmattacken. Vor mir liegt die größtenteils aus Mosaiken bestehende Auferstehungskirche. Der Innenraum der Kathedrale ist völlig mit Ikonen bemalt. Die bunte Farbpalette, die sich über mich ergießt ist so variantenreich und mit glänzender Goldverzierung gespickt, dass ich geblendet die Augen schließe. Sonnenlicht bricht sich auf dem metallenen Glanz der Wende und spiegelt wahllos Farbtöne in seinen schimmernden Strahlen.

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An den Souvenirständen vor dem Gotteshaus feilsche ich um eine erschwingliche Matrjoschka. Die kleinen, hölzernen Puppen sind auffällig bunt bemalt und lassen sich schachtelartig ineinander stecken. Im 19. Jhd. wurde zerlegbares Spielzeug in Russland immer beliebter, daher fertigte ein russischer Maler die kleinen Püppchen als Spielzeug. Die hübschen Holzfiguren stellen meistens eine typisch russische bäuerliche Frau dar. Der Name „Matrjoschka“ kommt auch von dem  russischen weiblichen Namen „Matrjona (Mutter)“. Inzwischen gibt es auch Puppen mit den Gesichtern vom Weihnachtsmann oder auch Politikern wie Putin. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Teuer sind die Schachtelpuppen allerdings. Der Materialaufwand ist nicht groß, aber die Bemalung sehr aufwendig. Meine Matrjoschka kostet 500 Rubbel, das sind etwa 8 Euro.

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Die U-Bahn zum Petrovskiy-Stadion quillt über vor Menschen. Alle wollen zum Confederation Cup. Heute spielt Australien gegen Kamerun. Auch ich habe eine Karte. Freiwillige Helfer stehen an jeder Ecke und winken die Sportbegeisterten gewissenhaft mit übergroßen Plastikhänden in die passende Richtung. Überwiegend schauen sich fussballinteressierte Russen das Spiel an. Australier oder Kameruner sind nur vereinzelt auf den Sitzplätzen im Stadion auszumachen. Kraftvoll schwenken sie die Fahnen ihrer Länder über die Köpfe der Zuschauer. Das Spiel ist zäh und die Strategien der Mannschaften sind eher lahm. Ist das schwarze Team Kameruns am Ball buhen die Einheimischen die Spieler gelegentlich unbarmherzig aus. Sportliche Fairness siegt nicht immer über die rassistischen Tendezen im Glauben der Bevölkerung.

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Eine U-Bahn für die Rückfahrt zu Ergattern ist ein Kampf. Ich kasiere mehrere unabsichtliche Magenhiebe von sportlichen Mitstreitern. Alle versuchen sich einen Platz in der übervollen Metro zu erkämpfen und hasten von Tür zu Tür. Angesichts der aggressiven Gestik trete ich zurück. Die Schiebetüren schließen sich langsam und mit Menschen vollgestopfte Waggons rattern müde an mir vorbei. Die nächste Bahn ist um einiges leerer, ich finde einen Sitzplatz. Am Bahnhof in der Innenstadt singt eine Russin auf der Straße leidenschaftlich ‚Zombie‘ von den Cranberries auf Englisch. Ein Freund begleitet sie mit einer Gitarre. Bisher habe ich keinen Russen getroffen, der gut Englisch spricht. Umso mehr bewundere ich die junge Frau, die größtenteils einfach die Wörter in ihr Mikro singt, wie sie diese versteht. Der Text ergibt nur teilweise Sinn und die Aussprache ist mit starkem russischen Akzent versehen recht unverständlich. Aber es macht ihr sichtbar Spaß und Hauptsache die Melodie stimmt einigermassen. Im Grunde mache ich das mit englischen oder spanischen Liedtexten daheim genauso. Und zu Hause werde ich Morgenabend wieder sein.

 

 

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