Berlins kleiner Bruder

2:56 Uhr. Ich setzte meine Füße auf den Asphalt am Alexanderplatz. Meine Turnschuhe schlurfen müde über den Boden Richtung U-Bahn. Ich bedanke mich bei meiner Mitfahrgelegenheit. Die S-Bahn nach Potsdam fährt erst in einer halben Stunde. Ich passiere die kleinen Geschäfte der U-Bahnstation. McDonalds hat noch geöffnet. An der Theke halten sich schwankend besoffene Berliner fest. Sie sind gerade aus den Clubs und Kneipen der Stadt gefallen. Die fettigen Burger sollen die Wirkung des Alkohols minimieren. Promille fördert das Hungergefühl, die Menschenschlange am Tresen ist endlos. Ich stelle mich an. Ein Pärchen vor mir knutscht so ausgiebig, dass man Angst hat sie würden sich verschlucken. Baby, so heißt die Freundin wohl, küsst den Hals ihres Freundes. Bestellt haben die beiden noch nicht. Es sieht aus als wollte sie ihn vor lauter Hunger anknabbern. Ihm lugt das Havannaglas mit den spärlichen Überresten von Limette und geschmolzenen Eiswürfeln aus der Jackentasche. ‚Ich stehe hier falsch.‘ murmle ich vor mich hin. Ich stehe nicht am Ende der Warteschlange, sondern irgendwo mittendrin.

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‚Was?‘ meint der Besoffene vor mir. Dann zieht er seine Freundin beiseite. ‚Lass doch mal die Frau vor, die steht hier schon so lange. ‚ Überrascht reiße ich die Augen auf. ‚Nicht so lange wie ihr. ‚ denke ich, sage aber nichts. Baby findet das nicht sehr komisch. Mit mürrischem Gesicht drückt sie ihrem Freund zwei Pappbecher in die Hand. ‚Was soll denn das jetzt, spinnst Du? Geh lieber mal die Getränke holen. Gleichmäßig zu beiden Seiten wankend wackelt der Freund davon. Dann bin ich dran und bestelle meinen Kaffee. Als einzige Nüchterne ernte ich einen dankbaren Blick der Bedienung. Um diese Uhrzeit ist ein gewisses Mass an Alkoholfahne eigentlich allgegenwärtig. Den Kaffee in der Hand nehme ich die S-Bahn in Brandenburgs Hauptstadt. Undurchdringliche Dunkelheit spiegelt sich durch das Fenster. Gespickt und durchbrochen von kleinen Straßenlaternen, die versuchen die Schwärze der Nacht zu durchdringen.

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Nach einer kurzen Busfahrt ins holländische Viertel von Potsdam rufe ich meine Mutter an. Es ist jetzt halb fünf. Wir feiern an diesem Wochenende zusammen in Potsdam Ostern. Meine Vorfreude steigt. Ich schenke gerne gemeinsame Zeit. Dies ist glaube ich das einzig wichtige Geschenk, dass man jemandem machen kann. Erlebnisse mit Menschen, die man schätzt und schön verbrachte Stunden, die dann zu schönen Erinnerungen werden. Investierte Zeit, die ja schließlich von meiner eigenen Lebenszeit abgeht. Deshalb suche ich mir die Menschen mit denen ich Zeit verbringe auch gut aus. Gute Gespräche und ein ausgelebtes Zusammengehörigkeitsgefühl sind mir die wertvollsten Mitbringsel, die ich mir vorstellen kann. Langsame, schleppende Schritte nähern sich dem Hoftor. Meine Mutter hat etwas Probleme mit dem rechten Fuß. Wir begrüßen uns herzlich und steigen dann 2. Stockwerke zur angemieteten Designerferienwohnung hinauf. Meine Schwester hat die Unterkunft ausgesucht. Die gezeigten Bilder im Internet waren schön und hatten uns allen gefallen.

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Im Dunkeln versuchen wir uns an den Möbeln entlang zum Bett zu tasten. Die Wohnung hatten wir uns etwas anders vorgestellt. Es gibt nur einen abgetrennten Schlafraum, den logischerweise meine Schwester und ihr Freund belegt haben. Meine Mutter schläft auf einer bei jeder Bewegung ächzenden Schlafcouch, ich auf einer kleinen Bettbank. Die Freundin meiner Schwester auf einem kleinen Plateau über der Wohnküche. Hier steht ein zweites Doppelbett, welches über eine Leiter mit unregelmässig angebrachten Stufenstäben zu erreichen ist. Für meine Mutter mit dem kaputten Fuß unerreichbar, auch wenn das Bett bequemer wäre. Einen Fernseher gibt es in der ganzen Wohnung nicht, sehr zum Leidwesen des Freundes meiner Schwester. Ebenso ist die Kaffeemaschine eher Designerdekostück, als das damit wirklich Kaffee gekocht werden kann. ‚Darum kümmern wir uns Morgen.‘ denke ich und verstecke mein Gähnen hinter der vorgehaltenen Hand. Kaum berührt mein Kopf das weiche Kissen, falle ich sofort in traumlosen Schlaf. Die Reise war lang und die plötzliche Entspannung tut meinen Gliedern gut.

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Am Morgen empfängt mich die typische Familienatmosphäre. Alle sitzen beim Frühstück und chaotisch gehen die Konversationen durcheinander und ineinander über. Das liebe ich am Familienleben. Man stellt jemandem eine Frage und bekommt von einer anderen Person die Antwort. Ein gesundes, lebendiges Chaos. Meine Schwester klärt mich über die letzten Tage auf. Fast eine ganze Woche sind die Anderen jetzt schon in Potsdam. Ich bin noch in der Probezeit bei meiner neuen Arbeitsstelle und konnte daher nur am Wochenende hierher reisen. ‚Am Mittwoch waren wir in den Filmstudios in Babelsberg. Meine Freundin ist ein großer Janoschfan und es gibt dort eine Attraktion, wo man an den Figuren des Autors entlang schippert. In einer Muschel fährt man auf einem kleinen Wasserweg an ihnen vorbei. Eigentlich wollten nur meine Schwester und ihre Freundin in das Boot, meine Mutter stieg dann auch dazu. Um auf seine Schwiegermutter aufzupassen letztlich auch der Freund meiner Schwester. Da es sich eigentlich um ein Kinderfahrgeschäft handelt hing das Boot aufgrund des Gewichtes dann ziemlich ungleichmäßig auf dem Wasser.

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‚Wir sind fast auf Grund gelaufen.‘ fährt meine Schwester fort. ‚Leider war das Wasser ja nur 20cm tief. Wir haben uns überhaupt nicht vorwärts bewegt, aber man hat uns ja einsteigen lassen. Das Boot mit den Kindern hinter uns kam immer näher, die hatten auch nicht unser Gewichtsproblem.‘ Mit vereinten Kräften versuchte die Familie dann das Boot vorwärts zu bringen. Die kleinen Muschel schürfte von rechts nach links am Rand des kleinen Wasserlaufs entlang und nahm endlich Fahrt auf. Meine Schwester holt weiter aus, es gibt noch mehr zu erzählen. ‚Mama haben wir in Berlin beinah verloren auf der Museumsinsel. Sie hat dann einen Zahn zugelegt und stand plötzlich wieder da.‘ verdreht sie die Augen. Ich verstehe das. Abgelenkt von einer neuen Umgebung ist meine Mutter öfter mal weg. ‚Hauptsache sie taucht imer wieder auf.‘ murmle ich und löffle mein Ei. Alle finden die Ferienwohnung nichts so toll, weil keiner hier wirklich Privatsphäre hat. Wir lesen einfach beim nächsten Familienwochenende aufmerksamer die Beschreibung durch, beschließe ich.

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Gemeinsam spazieren wir durch Potsdam. An der kleinen russischen Kolonie vorbei hinauf zur Alexander Nevsky Kapelle und weiter zur malerischen Anlage um Schloss Sanssouci. Der Park um den Palast ist wunderschön gestalte und endlos zu erkunden. Leider findet die nächste Schlossführung mit freien Plätzen erst in 4 Stunden statt, solange wollen wir dann doch nicht warten. Eine überschaubare, gemütliche holländische Kolonie mit den üblichen Häusern aus rotem Backstein säumt den Weg aus dem Park. Wir fahren zu Schloss Babelsberg und betrachten die hoch aufragenden Türme des Schlosses, die sich scharf gegen die dunkelgrauen Wolken des Himmels abzeichnen. Schon überrascht uns der Regen. Die kalte Nässe prasselt auf uns hernieder und fährt klam durch unsere Kleidung, schon saugen sich unsere Jacken mit dem Wasser voll. Das Nieseln hinterlässt einen feuchten, unangenehmen Film auf dem Gesicht und den Haaren. Jetzt sehnen wir uns nach den trockenen Räumen der kleinen Ferienwohnung zurück. Obwohl die Heizung dort auch nicht geht und die kühle Luft uns frösteln lässt. potsdam-1706487_1920.jpg

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20170415_184232-1.jpgWir gehen gemeinsam essen und verteilen uns dann um den Küchentisch. Mein Schwager in Spe und ich  flitzen zum Supermarkt und holen Wein für alle. Am Straßenrand steht ein Lamborghini. Ich lasse mich fotografieren und verfluche kurz darauf die gekaufte Wasserflasche vorne im Arm getragen zu haben. Ich habe doch auch Wein in den Händen, wie sieht denn das jetzt aus! Am Abend zocken wir Karten, Rommé genauer gesagt. Der Freund meiner Schwester erklärt die Spielregeln und wir lachen gemeinsam.

‚Ich bin ganz froh, dass es keinen Fernseher gibt.‘ denke ich bei mir. Wir sind gezwungen zu kommunizieren und uns auszutauschen. In den Zeiten des Internets und der digitalen Welt ist dies ziemlich selten. Umso mehr genieße ich die lockere Atmosphäre. ‚Wer nicht genießt wird ungenießbar.‘ sagte schon Schiller. Heute Abend halten wir uns daran.

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