Der höchste Ort Deutschlands

Im März ist der höchstgelegene Ort Deutschlands völlig verlassen. Ich bin der einzige Tourist. Die Restaurants sind geschlossen und die Besitzer im verdienten Jahresurlaub. Die Bergbahnen zur Spitze des Feldbergs stehen still. Deshalb bin ich hier. Um die einsamen, von Touristen verlassenen Panoramawege durch die schöne Szenerie des südlichen Schwarzwalds zu bewundern. In Bärental habe ich eine gemütliche Pension gefunden. Bereitwillig überlässt mir der Hotelwirt eine Karte der Umgebung. Er erklärt mir den schönsten Spaziergang zwischen den dörflichen Häuseransammlungen der Gemeinde Feldberg. Ich höre ihm aufmerksam zu, mache aber ein skeptisches Gesicht. ‚Wenn Du nicht mehr zurück findest, kannst Du uns gerne anrufen.‘ versichert er mir. Mein Gesicht spiegelt meine Erleichterung wieder und verleitet ihn verschmitzt zu lächeln.

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Ohne Orientierungssinn sieht man als Mensch viel mehr von der Welt, das ist schon wahr. Aber es ist eine unangenehme Situation nicht mehr aus einer Stadt oder einem Wald zurück zu finden. Mir ist beides schon passiert. Ich habe mich im Regenwald von Tikal in Guatemala schon genauso verirrt, wie in den Souks von Casablanca. Die Straße zum Panoramaweg über den Feldberg beginnt genau hinter meinem Hotel und ich laufe los. Ich genieße die schöne Aussicht auf die bewaldeten Hügel. Dunkelgrüne Tannen stehen dicht beieinander und das Sonnenlicht hat Mühe sich durch die Zweige auf den sandigen Boden zu schleichen. Ein Schild am Wegrand mahnt den Wanderer auf dem Weg zu bleiben, die Wiesen sind nur für das Vieh. Das ist ok für mich. Schon türmen sich die hochaufragenden Tannen zu meiner Rechten. Ich lege den Kopf in den Nacken um den Stämmen bis zur Spitze zu folgen, die sich dem hellblauen Himmel entgegenstrecken. Zu meiner linken habe ich einen atemberaubenden Panoramablick auf das Tal mit den einzeln verstreuten Häusern, die noch zur Gemeinde Feldberg gehören. Bis auf das Gezwitscher der Vögel ist es völlig still. Ein Gefühl als würde der Wald den Atem anhalten.

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Unerwartet spuckt mich der Panoramaweg an der Straße zum Ortszentrum von Altglashütten aus. Altglashütten ist wie auch die anderen Dörfer, die zum Feldberg gehören sehr überschaubar. Ein paar hübsche Fachwerkhäuser liegen im Zentrum. Auch hier sind die Restaurants alle geschlossen, die Rolläden sind heruntergelassen. Der Ort ist gänzlich tot, ein paar Passanten hasten an mir vorbei. Ich kann sie an einer Hand abzählen. Mein Weg führt zum Wingfallweiher, dessen Gasthof leider ebenfalls geschlossen hat. Es ist Nachmittag inzwischen, der Hunger nagt an mir. Es gibt nur keine Möglichkeit diesen zu Stillen. So schön die Idylle ist, die mich hier umgibt. Auf ein wenig mehr Infrastruktur hatte ich dennoch gehofft.

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Mein Spaziergang führt deshalb über den wunderschönen Panoramaweg wieder zurück in den Wald nach Falkau. Im ganzen Wald duftet es nach Moos und Feuchtigkeit. Ich kann den Frühling riechen, sehen und auch hören. Ein Specht klopft fleißig sein Nestloch in einen Baum. Pfauenaugen ziehen mit flinken, unplanbaren Flügelschlägen über den sandigen Weg dahin. Die Sonne malt mit ihren Strahlen goldene Kringel auf den Waldboden wie in einem Kaleidoskop. Tauendes Wasser der Schneemassen des Winters formen sich zu kleinen Bächen und überfluten den Waldboden. Die Natur erwacht. Ich habe die Winterjacke in der Pension gelassen. Zu lange habe ich das Gefühl der Sonnenstrahlen auf der Haut entbehrt, ihre Wärme im Winter vermisst. Das Wetter ist angenehm, es sind schon 15 Grad. Ein dicker Fichtenstamm, der dem Sturm nicht trotzen konnte, markiert als bizarre Skulptur den Ausgang des Waldes. Ich bin in Falkau.

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Der Gemeindeteil Falkau bietet noch weniger Leben als Altglashütten oder Bärental. Erneut haben alle Geschäfte und Restaurants geschlossen. Ich bin jetzt 3 Stunden unterwegs. Der Hunger wird stärker. Mit dem Zug fahre ich von Falkau wieder zurück nach Bärental. Im Hotel hole ich meine Jacke. Der Abend ist noch merklich kühler. Kaum verschwindet die Sonne in der Dämmerung, lässt mich die aufsteigende Kälte frösteln. Verzweifelt und vom Verlangen nach Essen getrieben mustere ich den Lidl in der Nähe meiner Unterkunft. In einem letzten Versuch gebe ich Feldberg-Ort eine Chance und werde belohnt. Der Feldberger Hof bietet ein Abendbuffet mit badischen Spezialitäten. Bei den vielen Leckereien werde selbst ich mit den vielen Allergien fündig.


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