Die übersehene Metropole

Fragt man nach europäischen Metropolen, fallen den meisten Menschen spontan Paris, London oder Barcelona ein. Was macht also den Charme von Athen aus? Ohne Zweifel liebe ich diese Stadt. Hinter jeder Straßenecke warten neue steinerne Zeugen der 5.000 Jahre alten Geschichte. Antike Tempel stehen im planlosen Chaos des wuchernden Häusermeers. Direkt an der Küste gelegen wartet die Hauptstadt Griechenlands mit einer überbordenden Schönheit antiker Gebäude und Paläste auf, der sich kein Besucher entziehen kann.

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Mitten in dieser steinernen Flut steht alles überragend und von weit her sichtbar der Tempel des Parthenon auf der Akropolis. Allen Kriegen der Geschichte hat er getrotzt und seine majestätisch emporragenden, steinernen Säulen sind noch gut erhalten. Ich bin froh, dass die Touristenströme im März noch zurückhaltend sind. Mein Blick schweift vom eindurcksvollen Tempel auf den Saronischen Golf mit dem azurblauen, schimmerndem Wasser. Eingebettet in die seichten Wellen liegen die beiden Insel Ägina und Salamis.

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Die Stufen hinauf zur Akropolis waren ein Plackerei. Aber ich werde mit einem atemberaubenden Blick auf die Umgebung belohnt. Ich stehe auf dem Platz, an dem die Grundlagen der Kunst, der Philosophie und der Demokratie erdacht wurden. Hier wurde europäische Geschichte gemacht.

Ich bereise Griechenland im März 2015. Die finanzielle Situation im Land ist derzeit dramatisch. Die Wirtschaftsprobleme sind offensichtlich in der Stadt. Viele Geschäfte sind geschlossen, Häuser stehen zum Verkauf. Griechenland beherrscht momentan die Nachrichten wie kein anderes Land. Aussichtslos scheint die Lage. In den 1990er-Jahren wies die griechische Regierung immer wieder geschönte Haushaltszahlen aus. In den Jahren 1997 bis 1999, die Jahre, die über die Aufnahme in die Eurozone entschieden, lag das Haushaltsdefizit demnach bei 4, dann 2,5 und zuletzt 1,8 Prozent. Das reichte, um die entscheidende 3-Prozent-Marke des Vertrags von Maastricht einzuhalten. Griechenland hat sich in die EU geschummelt.

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Wie geht es jetzt weiter? Diese Frage kann derzeit niemand beantworten. Bald stimmen die Griechen im Referendum für eine Annahme oder die Ablehnung eines Finanzplans für Griechenland. Fällt die Entscheidung auf ein ‚Nein‘ wird das Land keine Kredite mehr erhalten. Die Angst um die Existenz ist in den Straßen Athens spürbar und in die Gesichter der Menschen geprägt. In allen Restaurants und Läden laufen lautstark Fernseher und Radio mit den neusten Nachrichten. Jammern liegt den Menschen hier dennoch nicht. Alle versuchen das beste aus ihrer Situation zu machen. Touristen begrüßen sie überaus freundlich. Ich mag die hilfsbereite und liebenswerte Art der Menschen und fühle mich hier sehr wohl.

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Ich springe die Stufen der Treppe nach unten zur antiken Agora. Völlige Stille und eine positive Isolation umgibt mich auf Athens altem Markt. Augenblicklich hüllt mich das Zirpen der unzähligen Grillen im grünen Grasteppich ein wie ein unsichtbarer Mantel. Ich fühle mich völlig von der Außenwelt abgeschnitten und empfinde ein unbeschreibliches und angenehmes Gefühl der Ruhe. Entspannt spaziere ich an den Säulen vorbei, die Jahrtausende überdauert haben. Die Agora bildete über 1000 Jahre, vom 5. Jh. v. Chr. bis 580 n. Chr., den Mittelpunkt des kommerziellen und gesellschaftlichen Lebens. Was davon übrig blieb, stammt aus ganz unterschiedlichen Jahrhunderten. Auch in der Antike veränderte sich das Stadtbild ständig. Die erhaltenen Gebäude stammen meist aus der Zeit um Christi Geburt.

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Ich schlendere durch den Ruhe spendenden Garten bis sich mein Hungergefühl meldet. Es ist schon Nachmittag, die Strahlen der Sonne sind bereits rötlichgolden gefärbt und tauchen den Park in ein mystisches Licht. Die Atmosphäre des Ortes katapultiert mich in der Zeit zurück. Ich kann mir real vorstellen wie die griechischen Familien vor 1500 Jahren hier am städtischen Leben teilnahmen. Wenn jetzt eine Griechin in Stola und Tunika mit goldenem Reif am Oberarm um die Ecke käme, ich würde mich noch nicht mal wundern. Kaum setze ich meinen Fuß aus dem Garten auf die Straße ist es lebendig und laut. Die Altstadt ist das pulsierende, lebendige Herz Athens. Ich halte inne und atme tief durch. Nach der völligen Einsamkeit des Marktplatzes muss ich mich an den Lärm erst gewöhnen.

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Mein Spaziergang führt mich zu den Markthallen Athens, die schon über 100 Jahre alt sind. Hier gibt es absolut alles. Sogar isländischen Stockfisch kann man kaufen. Meine Wahl fällt dennoch auf eine kleine Taverne mitten im Stadtkern. Die Souvlaki hier sind fantastisch, das Fleisch ist gut gewürzt und knusprig gegrillt. Auch hier läuft der Fernseher, in den Nachrichten analysiert man die aktuelle Situation Griechenlands. Der Wirt kennt mich, ich habe gestern schon hier gegessen. Er spricht kaum englisch, ich kein griechisch, wir verstehen uns dennoch. Er stupst mich an der Schulter und deutet zu den Nachrichten, dann schüttelt er den Kopf. Er wirft die Hände in einer hilflosen Geste nach oben. Die Konsequenzen dessen was derzeit passiert tragen nicht die Politiker. Darunter leidet das gewöhnliche Volk am meisten. Jemand wie der Wirt der Taverne. Er hat seit vielen Generationen ein Restaurant und weiß nicht, ob er es noch halten kann. Ich nicke ihm zu um zu zeigen, dass ich ihn verstehe. Ich bin glücklich, hier Urlaub zu machen. Was ich hier an Geld ausgebe landet direkt bei den Menschen. Als Tourist jetzt wegzubleiben verschlimmert die Situation des Volkes drastisch. Viele Griechen leben vom Tourismus, ein Ausbleiben der Urlaubsgäste bedroht die Existenz. Nachdenklich nippe ich an meinem Glas Wein und blicke auf den Bildschirm des Fernsehers. Ich höre den Wörtern zu, die ich nicht verstehe. Um mich liegt die Anspannung der Menschen in der Luft. Ihre Angst um den Besitz und Lebensunterhalt kann ich förmlich greifen. Dabei ist es so einfach Griechenland zu unterstützen. Man müsste ja nur dort Urlaub machen.


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