Eine Stadt aus Schokolade

Brüssel riecht nach Waffeln, zu jeder Tageszeit. Wie süße Fäden einer Zuckerwatte ziehen die klebrigen Aromen aus Puderzucker und Sahne durch die Innenstadt. Vermischt mit den Kakaoaromen der Schokoladenmanufakturen entsteht ein wohlduftendes Bouquet, als wäre die belgische Hauptstadt ein riesiges Konfekt.

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In der U-Bahn frage ich eine junge Frau nach dem Weg zum Hotel. Sie ist Spanierin und kommt aus Madrid. In Brüssel fühlt sie sich seit den Anschlägen im März nicht mehr wohl. ‚In Madrid ist viel mehr Polizei. Ich fühle mich hier überhaupt nicht sicher und gehe nach Einbruch der Dunkelheit auch nicht mehr groß weg. Ich will unbedingt zurück nach Spanien.‘ In Brüssel hat sie einen guten Job im Hotel angeboten bekommen. Deshalb lebt sie seit ein paar Jahren in Belgien. ‚Mit der Mentalität hier komme ich nicht gut zurecht. Die Spanier sind wesentlich netter und auch liberaler.‘ fährt die junge Frau fort. Dann deutet sie mit dem Zeigefinger mehrmals hektisch auf die Tür der U-Bahn. ‚Du musst hier aussteigen, das Hotel liegt ein Stück die Straße hinunter auf der rechten Seite.‘ Als Hotelfachfrau hatte ich in ihr genau die richtige Ansprechpartnerin gefragt. Ich bedanke
mich und steige aus.
brussels-155029_1920Wirklich viel Polizei sehe ich beim Rundgang durch Brüssel nicht. Es ist Dezember und die Bombenanschläge liegen fast 9 Monate zurück. Mein Hotel liegt in der Nähe der ‚Grand Place‘. In der Sonne funkeln die goldverzierten Fassaden der Häuser um den Marktplatz wie eine gigantische Schatztruhe. Und über allem liegt wie ein süßer Guss der Geruch des geschmolzenen Zuckers der goldbraunen Waffeln der Straßenstände. Viele Freunde hatten mich gefragt, ob ich wirklich nach Belgien fahren will.

brussels-1818803_1920.jpgBeim Bombenanschlag im März waren 35 Menschen gestorben und 340 wurden verletzt. Ich denke, der Terror kann uns an jedem Ort treffen. Situationen wie in Brüssel, Paris oder Nizza können praktisch immer und überall passieren. Dennoch glaube ich das subjektive Bedrohungsempfinden des Einzelnen ist viel größer als die tatsächliche Gefahr. Die Wahrscheinlichkeit, selbst Terroropfer zu werden, ist wenngleich nicht vollends auszuschließen, doch verschwindend gering. Sich in seinem Alltag und seiner persönlichen Freiheit durch die Terrorvorfälle einschränken zu lassen, ist meines Erachtens ein völlig falsches Signal. Überlegungen, bestimmte Länder oder Städte zu meiden, machen gar keinen Sinn. Der Terror kann viel zu schlecht lokalisiert werden.
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brussels-1017977_1920.jpgBrüssel ist als Urlaubsziel auch viel zu schön, um auf einen Besuch der Metropole zu verzichten. Dies bestätigen auch die Touristenmassen auf dem ‚Grand Place‘. Ich treibe mit dem Menschenstrom und werde vor den kleinen Brunnen mit Manneken Pis gespült. Das Wahrzeichen der belgischen Hauptstadt ist ziemlich klein, fast hätte ich es übersehen. Kurz bleibe ich stehen, dann ziehen mich die bunten Läden der Altstadt wieder an wie Magneten. Die vielen Schokoladen und Bonbons in allen erdenklichen Farben sind durch das bloße Betrachten schon ein Genuss für das Auge. In Shopping Center der Galerie Royales finden sich die Läden aller namhaften belgischen Schokoladenhersteller unter einem kunstvollen Glasdach.

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beer-631366_1920.jpgIn Brüssel lässt sich wunderbar durch die Innenstadt flanieren. Mein Spaziergang führt mich bis zum Königspalast und vorbei an Brüssels ehemaliger Börse. In der nächsten Straße drängen sich Restaurants dicht an dicht. Kellner werben eindringlich und lautstark für ihr Lokal. Geübt umgarnen sie die Touristen und lotsen diese charmant zum nächsten freien Tisch. Nach einem langen Tag falle auch ich auf einen leeren Stuhl und strecke die Beine aus. Typisch für Brüssel sind die vielen Biervarianten. Belgisches Bier gehört zu den sortenreichsten der Welt mit über 400 verschiedenen Arten. Allein Fruchtbier wird in vielen Geschmacksrichtungen angeboten. Die Auswahl reicht von Apfel, Pfirsich, Mango, Himbeere und Kirsche bis zur Grapefruit. Ich bin kein Biertrinker und bleibe auch angesichts dieses Überangebots beim Wein. Entspannt sinke ich an die Rückenlehne meines Stuhls. Ich beobachte die langsam herum spazierenden Touristen und in geschäftigem Schritt vorbeieilenden Belgier. Gelegentlich nippe ich an dem guten Tropfen in meinem Glas. Ein Leben wie Gott in Frankreich, nur eben beim Nachbar in Belgien.


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