Ein verschenkter Rausch

Es ist bereits stockdunkel als mein Flieger aus Deutschland in Helsinki ankommt. Müde tapse ich durch die Straßen der finnischen Hauptstadt. Ich ziehe mein Handgepäck hinter mir her. ‚Kannst Du mir sagen, wo ich dieses Hostel finde?‘ frage ich ein Mädchen, das mir entgegenkommt. Die Dämmerung hat ihr Gesicht in Schatten gehüllt, ich kann ihr Gesicht nicht gut erkennen. Ich deute auf den unaussprechlichen Namen der Unterkunft im Reiseführer. ‚Es tut mir leid, ich weiß es nicht.‘ stammelt sie mit schwerer Zunge. Sie bricht in Tränen aus. ‚Ist in Ordnung.‘ Ich bin ganz erschrocken. Diese Wirkung hatte ich meinen Worten nicht beigemessen. Schnell gehe ich weiter.

An der nächsten Straßenkreuzung begegnet mir eine ältere Dame mit Hund. Sie wirkt um einiges stabiler auf mich, als die junge Finnin. Ich versuche erneut mein Glück. Diesmal erhalte ich die gewünschte Auskunft, der Weg zum Hostel ist nicht weit. Ein halber Rausch ist ein verschenkter Rausch lerne ich in diesem Urlaub. So hat die junge Dame von vorhin heute Abend zumindest nichts verschenkt. Wenig später finde ich mich selbst in einer finnischen Karaokebar wieder. Inbrünstig singt ein Mann die finnischen Texte mit. Keiner der Gäste kümmert sich wirklich darum. Die Lieddarbietung läuft eher im Hintergrund.

Meine Freundin Mirjam hat in Finnland gearbeitet. Von ihr weiß ich, es gibt hier unangemeldete Alkoholkontrollen bei der Arbeit. An ausgewählten Tagen muss die ganze Belegschaft einen Alkoholtest absolvieren. Wenn man über einen festgelegten Grenzwert kommt, droht der Verlust der Arbeit. Zumindest aber eine Abmahnung. Finnland liegt die Hälfte des Jahres fast im Dunkeln. So mancher Einwohner tröstet sich durch ein hochprozentiges Gläschen über die Finsternis hinweg. Diese totale Düsternis hat etwas bedrückendes, das merke auch ich. Es ist gerade März, zumindest weiß ich, es wird am nächsten Tag wieder hell.

Helsinki ist eine interessante Stadt. Am Marktplatz ‚Kauppatori‘ legen den ganzen Tag Kreuzfahrtschiffe und Fähren ab. Es ist leicht das Baltikum von hier zu erreichen, nächster Hafen ist Tallinn in Estland. Auch nach St. Petersburg in Russland gibt es zahlreiche Verbindungen.

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Mit einer der Fähren fahre ich auf die Insel Suomenlinna. Eine im 18. Jhd. erbaute Festung lässt sich hier besichtigen. Suomenlinna ist durch mehrere Brücken mit dem finnischen Festland verbunden. Seit dem Ende ihrer militärischen Nutzung 1937 ist die Insel ein Museum. Eine kleine Nachbarinsel beherbergt immer noch die Marineschule des finnischen Militärs. Neben der historischen Festung selbst beherbergt die Insel auch ein Militärmuseum und -gefängnis.

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Den Rest des Tages verbringe ich am Meer. Die Ostsee ist völlig zugefroren. Hellgelber Sand des Strandes vermischt sich nahtlos mit dem glitzernden Weiß der Schneemassen. Die Sonne glitzert auf den Schneebergen. Geblendet schließe ich die Augen. So viel Schnee habe ich noch nie gesehen. Gebannt blicke ich auf die schimmernden weißen Wogen, die das gesamte Meer bedecken. Wie wunderbar ist Finnland im Winter.

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2 Gedanken zu “Ein verschenkter Rausch

  1. Liebe Lisa, Dein Finnland-Beitrag ist toll, erinnert mich an meine eigene Reise nach Helsinki in Januar diesen Jahres… Ich hatte schon die ganze Zeit die leise Vermutung, dass das Verhältnis der Finnen zum Alkohol jenseits von Gut und Böse liegt 🙂 Aber man kann es verstehen, die Dunkelheit ist schon bedrückend auf Dauer…

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