Blinder Passagier

Die Tür des Zugabteils geht ruckartig auf und ein großer Hund quetscht sich durch den Spalt. Blindenhund entziffere ich die kopfüber stehende Schrift auf seinem Metallgeschirr. Seine Besitzerin schiebt sich ebenfalls an der Schiebetür vorbei. Schwerfällig nimmt die Frau neben mir Platz. Ihre Augen scheinen milchig, der Blick ist ins Leere gerichtet. Schnell befreit sie den Hund aus seinem Gestell. Es verschwindet in der Gepäckablage. Genüsslich räkelt sich der haarige Begleiter zwischen unseren Füssen. Meine Schuhe nutzt er dabei als Kissen. Sanft legt er seinen Kopf ab.

Ich lache aufgrund der entspannten Haltung des Hundes in so unbequemer Lage. Die trüben Augen der blinden Passagierin folgen der Richtung meiner Stimme. ‚Bekommt man die Hunde schon ausgebildet?‘ frage ich sie voll Interesse. ‚Ja, das schon.‘ erklärt die Frau mir ‚man hat aber bereits während der Ausbildung Gelegenheit zu prüfen, ob der Charakter des Hundes zu einem passt. In einem dreiwöchigen Lehrgang gewöhnt man sich dann aneinander.‘ ‚Wie lange dauert es bis man aufeinander eingestimmt ist?‘ will ich wissen. ‚Das ist ganz unterschiedlich. Bis wir zueinander gefunden haben waren es schon ein paar Monate.‘ meint sie und tätschelt ihrem Helfer liebevoll das Fell. ‚In den USA gibt es auch Blindenminipferde.‘ die blinde Frau lächelt ‚ich habe keine Ahnung wie das gehen soll. Wahrscheinlich kann man sie dort vor dem Salon anbinden.‘ Sie grinst. Lachfältchen überziehen ihr Gesicht. Mit ihrem Schicksal scheint sie nicht zu hadern.

Kurz darauf zückt sie ihr Smartphone. Ihr Handy ist so eingestellt, dass sie mit der Hand über die angezeigten Symbole auf dem Bildschirm fahren kann und deren Bedeutung angesagt bekommt. Mit einem erneuten Doppelklick wählt sie das passende Menu. Ich bin fasziniert wie gut sie sich zurechtfindet. Verliert man einen Sinn so schärfen sich die anderen. Die Frau hat ein angenehmes Wesen, sie lacht oft. Ich erfahre nicht ob sie von Geburt blind ist. Die Auskunft ist mir zu persönlich. An der nächsten Station steigen Frau und Hund aus. Ich verpasse die Gelegenheit zu fragen.

Der Zug in dem ich sitze fährt nach Göttingen. Mein Blick wandert aus dem Fenster, Wiese um Wiese fliegt vorbei. Laubbäume ohne Blätter fristen inmitten des satten Grüns ihr tristes Dasein. Die Landschaft im Winter in Hessen ist ziemlich öde. Der Schwarzwald mit den immergrünen Tannenhängen ist sehr viel abwechslungsreicher.

Wie mein Blick über die trostlose Szenerie schweift, denke ich an die Frau mit dem Blindenhund zurück. Was würde es bei einem Ausflug wie heute bedeuten nicht mehr sehen zu können? Würde ich dann überhaupt noch reisen? Ich schließe die Augen und höre auf meine Umgebung. Nur das gleichmässige Rattern des Zuges hallt nach. Ich sitze allein im Abteil. Der Mensch hat fünf Sinne. Was wenn einer davon eingeschränkt ist oder wegfällt?

Blind zu Reisen lohnt sich doch gar nicht oder? Man spürt trotzdem die Sonne auf der Haut. Man empfindet Hitze oder Kälte. Die fremde Umgebung kann man ertasten. Eine kurze Recherche im Internet bestätigt mich. Es gibt viele Reiseveranstalter, die Urlaub für Blinde anbieten. Liest man die Reiseberichte werden ungewohnte Gerüche und Geräusche beschrieben. Es werden Audioaufnahmen statt Videos gemacht. Das finde ich hochinteressant. Ich kann mir vorstellen, dass fremde Kulturen auch mit eingeschränkten Sinnen ein besonderes Erlebnis darstellen.

Individuell Reisen kann man natürlich nicht, man braucht eine spezielle Betreuung. Die findet man in den speziell organisierten Gruppenreisen. Selbst Fernreisen werden angeboten. Ich finde es prima, das niemand auf so spannende Erfahrungen verzichten muss.

In Göttingen angekommen erkunde ich die Innenstadt. Die alten Fachwerkhäuser gefallen mir. Die meisten sind allerdings mit Graffitis beschmiert. Nazis raus steht überall. Das schöne Altstadtzentrum passt auch nicht zu den modernen Leuchtreklamen und grellen Firmenlogos an den Hauswänden.

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Göttingen ist eine typische Universitätsstadt. 20% der Bevölkerung sind Studenten. Junge Leute dominieren die vorbei strömenden Menschentrauben in der Innenstadt. Die Stadt ist schnell zu Fuß erkundet. Ich schlendere vorbei am Gänselieselbrunnen, dem Wahrzeichen der Stadt. Mein Weg führt mich zur Jungkernschänke, einem Fachwerkhaus aus dem 15 Jhd. Die älteste Weinstube der Stadt ist heute ein Steakhaus. Im ‚Bacon Supreme‘ lasse ich den Tag gemütlich ausklingen. Hier gibt es die besten Burger der Stadt.

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