Spaziergang auf dem Dach Deutschlands

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Zufrieden blicke ich von meinem Grillhendl auf die atemberaubende Szenerie des höchsten Berges Deutschlands. Ich sitze im Restaurant in 2962m Höhe und genieße den Blick durch die hohen Panoramascheiben. Von Garmisch-Partenkirchen hatte ich die Seil- und Gletscherbahn hinauf zur Zugspitze genommen. Funkelndes Weiß ziert den Berggipfel und die umliegenden Erhebungen. Leuchtende Eiskristalle legen sich auf die Schneewiesen des Gletschers unterhalb der Bergspitze. Das Gipfelkreuz glänzt in den gleisenden Strahlen der hellen Sonne. Ich muss die Augen zusammen kneifen, so blendet mich das intensive Licht. Eine Sonnenbrille habe ich nicht dabei. Wohl wissend, dass sich jetzt eine hässliche Stirnfalte zwischen meinen Augenbrauen bildet, starre ich wie gebannt auf das gewaltige Bergmassiv. Ich komme mir mit 1,70m unendlich klein vor. Um 2962m zu erreichen, müsste man mich fast 1742 Mal aufeinander stellen.

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Die Höhenluft hier oben ist von einer eiskalten Frische. Das Einatmen macht mich sofort hellwach, während die Morgensonne mein Gesicht erwärmt. Sogleich kitzelt die Sonne ein Lächeln auf mein Gesicht. Es gibt wesentlich schlechtere Wege seinen Samstag zu verbringen. Auf rund 400 Berggipfeln um mich fahren unzählige Miniaturskifahrer ihre Schlieren durch den Raureif. Der Rundblick in dieser Höhe vermittelt ein erhabenes Gefühl. So könnte ich ewig sitzen und das Treiben um mich beobachten. Langsam wandern meine Gedanken zur Hinfahrt zurück. Eigentlich wollte ich meine Freundin Julia in München besuchen. Leider hat ihr Immunsystem nach dem Prüfungsstress in den letzten Wochen klein beigegeben. Die Arme liegt mit Fieber im Bett. Ich hatte mir kurzfristig eine Mitfahrgelegenheit über blablacar gesucht. Freitag Nachmittag stand ich mit gepacktem Koffer am Treffpunkt zur Abholung bereit.

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Jan mein Fahrer ist pünktlich. Der Kofferraum ist schon sehr voll und ich quetsche mein Handgepäck in eine freie Lücke. Sofort kommen wir ins Gespräch und sind uns gleich sympathisch. Er kommt aus Darmstadt und führt ein Sanitärfachgeschäft. In München besucht er seine Freundin, am dortigen Theater hat sie das Bühnenbild entworfen und umgesetzt. Sie heißt Manana. Als Freiberuflerin wird sie immer nur für eine Theatersaison verpflichtet und ist in ganz Deutschland unterwegs. Mit 19 kam sie aus der Ukraine zum Studieren nach Deutschland. Einen kleinen Sohn hatte sie damals, Alexej wurde von den Großeltern in Kiew aufgezogen. ‚Ein Junge muss in der Ukraine nicht viel tun, er wird in jeder Hinsicht total bedient.‘ erklärt mir Jan. ‚So hat die Oma ihren Enkel leider zu einem Pascha erzogen. Er hielt es noch nie für sinnvoll Arbeiten zu gehen. Nach seiner Ankunft in Deutschland hat er bei meiner Freundin gewohnt. Alexej hat im Haushalt nichts gemacht und von morgens bis abends Computerspiele gezockt. Manana hat ihren Sohn dann rausgeworfen. Er sollte endlich selbst Geld verdienen! Er zog zu seiner Freundin, die bei ebay Fake Ware angeboten hat. Sie hat günstig Smartphones inseriert. Wenn der Käufer das Geld überwiesen hat schickte sie ihm statts des Handys ein Päckchen Katzenfutter.‘ Jan holt weiter aus. ‚Derzeit laufen mehrere Gerichtsverfahren gegen sie.‘

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‚Wohnen Alexej und seine Freundin noch zusammen?‘ frage ich interessiert. ‚Nein, die haben sich dann verkracht.‘ Jan winkt ab. ‚Aber der Sohn meiner Freundin kam dann immer wieder mit der Polizei in Berührung. Diebstahl und sowas. Einmal hat er Geld dafür bekommen, dass er ein Auto auf seinen Namen zugelassen hat. Die neuen Besitzer haben dann an der Tankstelle getankt und sind weggefahren ohne zu bezahlen. Oder sie fuhren mit dem Auto 120 in der 50er Zone. Ständig kamen neue Strafbescheide. Wir konnten aber das Auto nicht abmelden, wir hatten ja keine Papiere. Damals habe ich die Anwaltskosten für Alexej gezahlt. Inzwischen denken Manana und ich er soll die Konsequenzen tragen. Er hat natürlich ein Bußgeld aufgebrummt bekommen. Die Raten betragen 150 Euro im Monat. Allerdings zahlt er das nicht. Bleibt es dabei, muss er ins Gefängnis. Anders lernt er es aber wohl nicht. Wir haben versucht, ihm eine Wohnung oder ein WG-Zimmer zu besorgen. Alexej ist von Kopf bis Fuß tätowiert, niemand wollte ihm ein Zimmer geben. Ich habe sogar angeboten unentgeltlich das Bad zu sanieren, nicht mal darauf gingen die Vermieter ein.‘

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‚Wo hast Du Manana kennen gelernt?‘ will ich wissen. ‚Über Parship.‘ Jan gibt bereitwillig Auskunft. ‚Meine Ex-Frau Uta habe ich im Ski Urlaub kennen gelernt. Damals war sie noch verheiratet und hatte schon zwei Kinder. Sie hat ihren damaligen Ehemann verlasen und zog acht Wochen nach unserem Kennenlernen mit den Kindern bei mir ein.‘ ‚Ist das nicht ganz schön schnell?‘ äußere ich skeptisch. ‚Ja.‘ stimmt mein Mitfahrer zu ‚es war schon sehr plötzlich, vier Wochen später war sie auch noch schwanger. Aber eigentlich lief alles ziemlich gut. Ihren richtigen Vater hatten die Kinder meiner Ex kaum gesehen. Er ist hauptberuflich Sportler und ständig auf Wettkämpfen. Wir kamen gut miteinander aus. Dann kam Laura auf die Welt und zwei Jahre später mein Sohn Lars.‘ ‚Also wart ihr zwischenzeitlich zu viert.’wiederhole ich das soeben gehörte. ‚Genau.‘ Jan blickt zufrieden zu mir hinüber. Wir stehen im Stau und es ist kurzweilig sich zu unterhalten. ‚Warum seit ihr nicht mehr zusammen?‘ frage ich vorsichtig. ‚Uta hat sich in unseren Zahnarzt verliebt. Eine ganze Weile ging das so bis ich dahinter gekommen bin. Verheiratet war der zu diesem Zeitpunkt auch und hatte zwei Kinder. Meine Ex ist dann mit den Kindern zu ihm umgezogen. Die Beziehung hat aber nicht dauerhaft gehalten.‘

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‚Bei wem wohnen Eure Kinder?‘ Jans Situation interessiert mich wirklich. Sein Gesicht ist überzogen von Lachfältchen, er grinst häufig. Eine solche Geschichte hätte ich hinter der gut gelaunten, freundlichen Miene nicht vermutet. ‚Zunächst bei meiner Ex. Allerdings ist meine Tochter immer öfter völlig ausgerastet. Laura hat sogar auf ihre Mutter eingeprügelt. Uta hat sie rausgeworfen. Ich hab sie dann zu mir genommen. Sie fing an Drogen zu nehmen und rutschte in schlechte Gesellschaft. Laura zu beobachten war ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Oft war sie richtig euphorisch bis zur Erschöpfung und verfiel in einen richtigen Kaufrausch. Sie war hyperaktiv und überschätzte ihre Fähigkeiten. Zudem veranstaltete meine Tochter Parties in meinem Haus, wenn ich unterwegs war. Mehr als 50 Jugendliche, die ich überhaupt nicht kannte, wälzten sich in den Betten meiner Zimmer. Ich brachte Laura dann in die Psychiatrie. Sie türmte sofort und lief auf der Strasse fast vor Autos. Da wurde meine Tochter endlich eingewiesen, damit sie sich selbst nicht verletzte. Die Diagnose kam prompt, manisch depressiv. Sie erlebt ausschließlich manische Schübe. Der Drogenkonsum verstärkt die bipolare Störung noch. Ihr Medikament Lithium nimmt sie oft nicht. Laura hält sich für völlig gesund und denkt alles ist normal. Ihre Oma hat genau das Gleiche. Vermutlich eine erblich bedingte Krankheit.‘

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‚Und Dein Sohn?‘ Ich forsche nach guten Nachrichten in der verrückten Familiengeschichte und habe Glück. Ein Lächeln legt sich über Jans Gesicht. Er hat seinen Humor trotz der vielen Rückschläge behalten. ‚Der kommt nach mir.‘ sagt er grinsend. ‚Derzeit macht er eine Ausbildung als Müller. Sein Opa hat eine Mühle, die wird er allerdings nicht übernehmen. Mehl wird dort nicht mehr gemahlen, das lohnt sich nicht. Lars Großvater kauft das Mehl und gibt es als selbst gemahlenes aus. Eier aus Freilandhaltung verkauft er auch. Irgendwann gab es aber mehr Nachfrage als die Hühner abdecken konnten. Das alte Schlitzohr hat dann bei ALDI Eier gekauft und diese als seine ausgegeben. ALDI hatte damals noch keinen Stempel auf den Eiern.‘ Er schaut kurz zu mir. ‚Jetzt geht das nicht mehr. Alle Supermärkte haben inzwischen gekennzeichnete Eier.‘ versichert Jan mir glaubhaft.

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Die Beziehung mit Manana läuft gut, berichtet mir Jan. Sie kommen viel in Deutschland herum und waren sogar schon in Bozen am Theater. Eigentlich ist er sehr zufrieden. Seiner Tochter hat er eine Wohnung in der Nähe seines Sanitärgeschäfts besorgt, damit er ein Auge auf sie haben kann. Er ist froh, dass er jetzt wieder verreisen kann, ohne Bedenken zu haben, dass gerade eine Party in seinem Haus stattfindet. Was kann ich von einem so positiv gestimmten Menschen, der mir offen und mit dem richtigen Quentchen Humor seine Lebensgeschichte dargeboten hat, lernen? Für positive Menschen ist das Glas in ihrer Hand immer halb voll. Dieses Denken schafft eine versöhnliche Sicht auf negativen Dinge und führt zu angenehmen Gedanken. Das Glas wie die Situation ändern sich dabei nicht, wohl aber die eigene Betrachtungsweise. Jan sieht nicht über Probleme weg und zieht diese auch nicht ins lächerliche.Er legt einen gesunden Optimismus an den Tag und hat die Fähigkeit Erfreuliches wahrzunehmen nicht verloren. Ein so positiv denkender Mensch hat meine ganze Bewunderung. Gerne lasse ich mich von ihm daran erinnern, das Leben nicht zu ernst zu nehmen. Wie sagt ein Sprichwort: ‚Pessimisten stehen im Regen, Optimisten duschen unter den Wolken‘

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