Wo der Tod kein Tabu ist

Ein Berg aus Holzsärgen türmt sich zu meinen Füßen. Verziert sind die morschen Balken mit vergänglichen Motiven wie verlöschende Kerzen und Totenschädel. Die dunklen Umrisse grenzen sich schwach gegen die wenig beleuchtete Umgebung ab. Ich befinde mich in Deutschlands einzigem Museum für Sepulkralkultur. Dieser Begriff leitet sich vom lateinischen ’sepulcrum‘ ab und bedeutet Grab. Das Museum in Kassel beschäftigt sich mit den Themen Sterben, Tod und Totengedenken. Auf mehreren Etagen geht man der Frage nach, wie sich Menschen seit jeher mit dem Tod auseinandersetzen.

Ein gravierender Unterschied zum Mittelalter bis ins 19 Jhd. ist die Tatsache, dass die meisten Menschen sich damals keinen schnellen Tod wünschten. Sterben ohne die letzte Ölung zu erhalten sicherte einem keinen Platz im Paradies. Starb jemand einen plötzlichen Tod durch einen Unfall errichtete man daher ein kleines Kreuz am Unglücksort. Dies sollte die Vorbeieilenden ermahnen ein kurzes Gebet für die arme Seele zu sprechen. Ohne Sterbesakramente aus dem Leben zu scheiden bedeutete jeglicher Verlust des Seelenheils.

Nur mit geistlichem Beistand war ein ‚gutes‘ Sterben möglich. Ein Priester musste die letzte Beichte abnehmen und die Sakramente spenden. Vergebung der Sünden, Salbung und Kommunion wurden damals als ‚letze Ölung‘ bezeichnet.Da diese Ölung als nicht wiederholbar galt, glaubten viele Menschen danach wirklich sterben zu müssen. War die Salbung erteilt und der Mensch überlebte wurde er oft gesellschaftlich ausgeschlossen.

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Auch um die Todesvorsorge kümmerte man sich zu Lebzeiten. Einen Sarg und Totenkleidung zu erwerben, obwohl man noch ein paar Jahre vor sich hatte, war keine Ausnahme. In der Regel gehörte das ‚letzte Hemd‘ sogar zur Aussteuer dazu.

Bis ins 20 Jhd. hinein übernahm die Familie das Vorbereiten der Leiche für die Beerdigung. Es gab auch Leichenbitterinnen, die ihre Hilfe beim Waschen und Herrichten des Verstorbenen anboten. Tote wurden zu keiner Zeit und in keiner Kultur ungeschützt begraben. Ab dem 15 Jhd. setzte sich der Holzsarg durch. Aus Angst die Toten fänden womöglich den Weg zurück zu den Lebenden wurden die Kisten präpariert. Im Kreuzmuster spannte man Leinenbänder über den Körper, um die Leiche im Sarg fest zu halten.

Seit Karl dem Großen war es Gesetz Tote auf dem Friedhof bei den Kirchen zu begraben. Die Feuerbestattung war zu dieser Zeit verboten. Die Nähe der Toten zu den Reliquien in der Kirche galt als heilsnotwendig für die Auferstehung. Die Gräber waren meist einfache Gruben, oft auch Massengräber ohne Kennzeichnung. Wichtig war nicht die Grabstätte sondern das Totengedenken in Form von Seelenmessen und Gebeten. Gesichert wurden die Gräber durch ein sogenanntes Hexengitter, das die Toten nicht überschreiten konnten.

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Wurden die Friedhöfe zu klein, wurden für Neubelegungen die Gebeine exhumiert und in Beinhäuser gebracht. Die Totenschädel waren meist das einzige Überbleibsel des Skeletts. Sie wurden oft bemalt und mit den Namen der Toten versehen. Auch war es üblich Haare der verstorbenen Person aufzubewahren, da diese nicht verwesten. Neben Trauerschmuck und -bildern, in die Haare eingearbeitet wurden entstanden in aufwendiger Handarbeit auch richtige 3D Denkmale.

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Das Tragen des Sarges bei einer Beerdigung galt als ein Akt persönlicher Ehrerweisung. Mit der Zeit wurden die Friedhöfe allerdings vor die Siedlungsgebiete verlegt, das machte den Einsatz von größeren Wägen notwendig, den Totenkutschen. Besonders der Adel nutze Beisetzungen als persönliche Selbstdarstellungen. Trauerfeiern und Leichenzüge wurden immer luxuriöser und prunkvoller.

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Seit dem Mittelalter wird der Tod als Skelett dargestellt. Bis heute hat sich diese Illustration erhalten. Nur im 18 Jhd. mit dem Einsetzen der Romantik ersetzt e man den düsteren Sensenmann durch einen schönen Jüngling: Thanatos. Sein Name bedeutet aus dem Griechischen übersetzt soviel wie ‚Bruder des Schlafes‘.

Neben mittelalterlichen Bestattungsriten bietet das Museum auch Einblick in die Beisetzung der Neuzeit. Die Kapsel einer Weltall-Bestattung ist ebenso ausgestellt wie Fotos von Baumbestattungen oder Friedwälder. Gemeint sind hier Begräbnisse im Wald oder unter einem Baum auf einem Friedhof.

Grabsteine haben sich als Tradition erst seit Mitte des 20 Jhds entwickelt. Insbesondere aus Indien und China werden fertig produzierte Grabmale geliefert. Ein bis zwei Drittel des deutschen Marktes werden durch solche Importe gedeckt. Importiert wird unter anderem aus Indien. Etwa 13 Mio. Minderjährige zwischen 5 und 14 Jahren schuften zwölf Stunden am Tag in den Steinbrüchen und Fabriken.

Ab dem 19 Jhd. setze sich die Feuer- immer mehr gegen die Erdbestattung durch. Man suchte nach einer hygienischen und kostengünstigen Beisetzungsform. Nach Erfindung einer geeigneten Brenntechnik öffnete das erste Krematorium 1878 in Gotha.1934 wurden Feuer- und Erdbestattung rechtlich gleichgestellt. In Deutschland beträgt der Anteil an Verbrennung und Urnenbestattung bundesweit ca. 50%.

Das 19 Jhd. bezeichnet den Höhepunkt der Friedhofskultur. Plastiken und Grabmäler waren billig herzustellen, sodass auch die Unterschicht sich ein eigenes Grabmal leisten konnte. Figuren zur Ausschmückung von Gräbern wurden Massenware und über Kataloge angeboten. Zu dieser Zeit entstand auch die Idee der letzten Ruhestätte in der Natur. Man entwarf landschaftlich angelegte Parkfriedhöfe. Bäume säumten schon seit jeher die Kirchhöfe, sie dienten als Luftfilter für den Verwesungsgeruch. Der Gedanke die Bepflanzung auch zur Verschönerung zu Verwenden entstand viel später. Anfang des 20 Jhds folgte der Waldfriedhof und im 21 Jhd. der Friedwald.

Die Sonderausstellung des Museum befasst sich derzeit mit dem Scheintod. Dieser wurde zusammen mit dem lebendig begraben sein im 19 Jhd. überaus gefürchtet. Man baute Rettungswecker in die Särge ein. Fäden an den Händen der Verstorbenen waren mit einer Klingel im Haus des Totengräbers verbunden. Jede minimale Bewegung genügte, um den Mechanismus auszulösen.

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Erfinderisch gab man sich, um zu testen, ob jemand wirklich tot war. Leichen wurden ausgepeitscht. Das Gift der spanischen Fliege wurde zur Reizung auf die toten Körper aufgetragen. Dabei kam es durchaus vor, dass die Behandlung der letzte Todestoss für den Darliegenden bedeutete. Zeitweise dachte man sogar mit den richtigen Reizen könnte man den Tod umkehren. Aus dieser Epoche stammt das Märchen von Frankenstein. Elektrizität wurde zunächst an Froschschenkeln und Hingerichteten erprobt. Durch die auftretenden Zuckungen glaubte man die lebenserhaltende Kraft sei eine elektrische. Diese würde nach dem Tod weiter existieren oder könnte wieder erweckt werden.

Den Tod rückgängig zu machen hat natürlich niemand geschafft. Allerdings hat der italienische Neurochirurg Sergio Canavero 2014 angekündigt einem geistig gesunden Kranken den Körper eines Hirntoten zu transplantieren. Die Operation soll 2017 stattfinden. Einen freiwilligen Empfänger gibt es schon.

Im letzten Stockwerk des Museums angekommen bietet sich ein Überblick der individuellen Bestattungsriten weltweiter Kulturen. Besonders beeindruckt bin ich vom ‚Dia de los Muertos‘ in Mexiko. Das Totenfest ist dort einer der wichtigsten Feiertage. Dem Glauben nach besuchen die Seelen der Verstorbenen in dieser Zeit die Lebenden. Die Familie trifft sich am Grab und feiert auf dem Friedhof. Man isst und trinkt zusammen, tanzt und singt.

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In China legt man traditionell Spielgeld (Hell bank note) in die Särge. Der Tote soll im Jenseits alles haben, was er braucht.

In der Mitte des Raumes steht ein großes rotes Huhn. Ein Sarg aus Ghana. Beerdigungen dauern dort mehrere Tage. Es wird getanzt, gelacht und gesungen. Die Särge werden individuell auf den Beruf oder die Vorlieben des Verstorbenen abgestimmt.

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Ich denke wir können von anderen Kulturen einiges im Umgang mit dem Tod lernen. Auch wenn sich niemand gern mit dem Tod befasst, ist er Bestandteil des Lebenskreislaufs. Ihn als ein ausgelassenes Fest zu zelebrieren nimmt auf jeden Fall einen Teil des Schreckens. Und schließlich ist ein Mensch erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.

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2 Gedanken zu “Wo der Tod kein Tabu ist

  1. Ja, es war echt interessant sich mal mit dem Thema Tod und Trauer intensiver zu beschäftigen. 🙂 Kaum zu glauben, dass die Menschen sich früher vor einem plötzlichen Tod gefürchtet haben. ich würde am liebsten Einschlafen und einfach nicht mehr aufwachen…

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