Warum in die Ferne schweifen…

…wenn das Gute liegt so nah? Was schon Goethe 1827 in seinem Gedicht ‚Erinnerung‘ in Worte gefasst hat, ist heute auch mein Gedanke. Deutschland hat viele schöne Ecken. Karlsruhe, dort lebe ich momentan, gilt als Tor zum Nördlichen Schwarzwald. Eine der schönsten deutschen Regionen zum Wohnen, wie ich finde. Nach dem Frühstück setze ich mich ins Auto und fahre los. Mein Ziel ist der Mummelsee.

Für ein Auto mit gerade mal 45 PS wie mein kleiner VW up! sind die steilen Serpentinen, den Berg hinauf eine echte Herausforderung. Aus meiner entspannten Sitzposition rutsche ich immer weiter nach vorne bis direkt hinter das Lenkrad. Verbissen umklammere ich es mit beiden Händen, als könnte ich den kleinen Wagen dadurch den Hügel hochschieben. Ein LKW-Fahrer hupt böse. Meine mühsame Fahrt bremst ihn aus, so kommt er erst Recht nicht den Berg hoch. Ich schalte einen Gang runter und das Radio an, schon werden wir schneller.

Die Radiolieder singe ich mit, talentiert bin ich nicht. Ich drehe die Lautstärke hoch, will mich auf keinen Fall selbst hören. Vor allem nicht den Mist, den ich zusammen singe. Verstehe ich den englischen Text nicht, ersetze ich das fehlende Wort einfach durch ein ähnlich klingendes. Ich gröle mit, was ich verstehe, stimmen muss der Wortlaut nicht. In Gedanken übersetze ich die von mir erfundenen Phrasen und muss sofort grinsen, so lächerlich ist manchmal der Kontext.

Die sanfte Berglandschaft des Nördlichen Schwarzwalds umgibt mich. Der weiße Schnee schimmert in der Sonne und legt sich wie ein Hauch von Zuckerguss über das gesamte Panorama. Die dunkelgrünen, dicht stehenden Tannen bilden einen starken Kontrast zum schillernden Weiß. Fröhlich fängt mein Auge den Reiz der Umgebung auf, zufrieden betrachte ich die wunderschöne Natur um mich. Ich hoffe, dass diese Bilder für mich nicht selbstverständlich werden, auch wenn ich hier länger wohne. In Gedanken verspreche ich mir, mich selbst beizeiten daran zu erinnern.

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Als Kind bin ich mit den Sagen um den Mummelsee aufgewachsen. Gespannt lauschte ich den Legenden über den Wassermann, der im undurchdringlichen grünen Wasser mit seinen Töchtern lebt. Jedes Jahr fordert er eine menschliche Seele als Opfer. Besonders bei Vollmond locken die Nixen Ahnungslose ins Wasser, die dann im kalten See ertrinken. Die  moosgrüne glänzende Wasseroberfläche, durch die man nie bis auf den Grund sehen kann unterstreicht in dramatischer Weise die sagenumwobene Präsenz des Sees. Abgesehen von Wassernymphen können Fische dort allerdings nicht überleben. Der ph-Wert des Wassers liegt unter 5 und ist damit viel zu sauer.

Als Kind hatte ich immer gehofft, die Geister des Sees oder den Wassermann einmal selbst zu sehen. Gespannt und ängstlich starrte ich Ewigkeiten in das dunkle Wasser, in der Hoffnung eine Bewegung zu erhaschen. Natürlich ohne Erfolg und zum Spaß der Erwachsenen, die mich in meinem Glauben an die Seegeister noch bestärkten.

Auf den Arm genommen haben mich meine Eltern als Kind häufig, natürlich immer den positiven pädagogischen Aspekt im Blick. Manches hat wirklich Eindruck auf mich gemacht, so wie ‚Vom Fernsehen bekommst Du viereckige Augen‘ oder ‚Wenn Du einen Kirschkern verschluckst, wächst Dir ein Kirschbaum aus dem Bauch‘. Am meisten hat mich die Geschichte begeistert, dass alle Tiere in der Weihnachtsnacht sprechen können. Deshalb saß ich am Heiligen Abend stundenlang vor unserer Katze und forderte sie auf endlich mit mir zu reden.

Ich nehme es meinen Eltern nicht übel, ich war ein anstrengendes Kind. Kaum ließ man mich aus den Augen lief ich weg und habe mich versteckt. Während alle panisch nach mir suchten,  betrachtete ich die Situation als Spiel. Im Modegeschäft stellte ich mich auf den Fuß des Kleiderrondells, sodass ich nicht mehr zu sehen war. Meine Mutter sah bald keinen anderen Ausweg mehr, als mir eine Leine um das Handgelenk zu binden. Ich bewegte mich dann nur noch in einem gewissen Radius, konnte aber nicht mehr plötzlich verschwinden.

Endlich komme ich am Hotel an, das genau vor dem kleinen Bergsee liegt und parke mein Auto. In Erwartung des schwarz glitzernden, still ruhenden Weihers, den ich aus Kindertagen kenne, trete ich um die Ecke. Enttäuscht fällt mein Blick auf eine dicke Schneedecke.

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Meine Kindheitserinnerungen sind losgelöst von jeglicher Empfindung der Jahreszeit. Im Winter bin ich mit meinen Eltern nie an diesen See gefahren, nur im Frühling oder Sommer. Als Kind hatte ich meine eigene Logik konstruiert, die völlig im Gegensatz zur Erwachsenenwelt steht. In meinen Gedanken bleibt der Mummelsee unveränderbar gleich, wie an jenem Tag unseres Familienbesuchs. Daher hatte ich im Januar einen See erwartet, der nicht zufriert. Ich lächle aufgrund der lebendigen Kindheitserinnerungen, den vielen Bootsfahrten auf dem geheimnisvollen See. Erstaunlich, wie unser inneres Kind, uns als Erwachsene noch in die Irre führen kann. Dann wandere ich um den zugefrorenen See, die Schneedecke leuchtet in gleichmässigem Weiß.

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Der Mummelsee misst nur 240m im Durchmesser, eigentlich ist er eher ein Weiher. Nach meinem Rundgang besichtige ich den Souvenirladen. Hunderte verschiedene Kuckucksrufe aus den vielen Uhren empfangen mich. Ich begutachte die vielen Spezialitäten und Mitbringsel. Schwarzwälder Schinken türmt sich neben Kirschwasser, selbst gebackenem Holzofenbrot und bunten Ansichtskarten.

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Aus der großen Fensterfront des Berghotels direkt am See genieße ich den einladenden Blick auf die schneebedeckte Umgebung und eine gute Tasse Kaffee. Ich lasse mir Zeit und beobachte die Schneeflocken, die an den Scheiben entlang tanzen. Draußen überzieht der Raureif das Glas mit dekorativen Mustern. Eine dicke Schneeschicht liegt auf den Blumenkästen vor dem Fenster, hier drinnen ist es wohlig warm. Gelohnt hat sich der Tag dennoch, denke ich mir. Zu dieser Jahreszeit gehört der See mir fast allein, im Sommer wird er von Touristen überrannt. Und allein das winterlich verschneite Panorama des Schwarzwalds sind den Besuch allemal wert.

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