Die Tage danach – stay tuned

„Sie haben doch einen Schlüssel für meine Wohnung.“ hastig erkläre ich meinem Vermieter was sich während des Urlaubs zugetragen hat. „Ich bin in Guatemala überfallen worden, Sie müssten mir bitte heute Abend aufschließen.“ Einen Zweitschlüssel habe ich in der Wohnung, ich muss nur erstmal hineinkommen. Wir vereinbaren eine Uhrzeit zur Schlüsselübergabe. Zum Glück bin ich nicht mit dem Auto zu meiner Familie gefahren, denke ich erleichtert. Das müsste ich jetzt hier stehen lassen. Der Autoschlüssel befindet sich in der geklauten Tasche und liegt jetzt wahrscheinlich irgendwo im Müll in Guatemala.

Zu Hause hole ich kurz den Wohnungsschlüssel bei meinem Vermieter ab und öffne die Tür. Langsam und entspannt atme ich aus, mein Blick gleitet über die vielen vertrauten Dinge, die mich als Mensch ausmachen und die überall in der Wohnung zu finden sind. Ich bin zu Hause, jauchze ich innerlich. Hurra! Ich schließe die Tür und sogleich umgibt mich die Geborgenheit meiner eigenen vier Wände. Die Welt ist ausgesperrt, hier bin ich sicher.

Der Ersatzschlüsselbund, den ich später aus der Schreibtischschublade krame, beinhaltet keinen Briefkastenschlüssel. Mit meinen schmalen Händen pule ich in mühsamer Detailarbeit mit Fingerspitzengefühl die Briefe aus dem Briefschlitz. Die neue EC-Karte sowie die Kreditkarten sind bereits da, die Briefe mit den zugehörigen PIN Codes noch nicht. Am nächsten Morgen laufe ich daher den Reisepass fest umklammert in meiner Bankfiliale ein und hebe Geld für den Rest der Woche ab.

Mir wird bewusst wie sehr mein Leben von den vielen kleinen Plastikkärtchen in meinem Geldbeutel abhängt. Ohne sie bin ich praktisch nicht existent, wie ein elektronischer Fingerabdruck. Ich muss am nächsten Tag zum Zahnarzt. Seit den letzten Tagen in Guatemala kann ich kaum etwas Essen, so empfindlich sind die Zähne. Per Mail lasse ich mir von meiner Krankenkasse eine Mitgliedsbescheinigung schicken. Der Zahnarzt würde mich sonst nicht behandeln, die neue Mitgliedskarte der Krankenkasse ist noch nicht da.

Zwei Tage später sitze ich meinem Chef im Abschlussgespräch zur Bewertung der Probezeit gegenüber. „Ich kann es mir in dieser Position auf Dauer nicht vorstellen. Die Chemie zwischen uns stimmt einfach nicht. Ich werde mich wieder bewerben.“ höre ich mich sagen und kann es eigentlich selbst nicht glauben. Trotzdem fühlt sich die Entscheidung richtig an. Die letzten Monate musste ich mich jeden Tag zur Arbeit quälen. Meine Motivation sank kontinuierlich mit meiner Fröhlichkeit immer mehr. Jeden Tag schlug ich die Augen auf mit dem Gedanken ‚Bitte nicht schon wieder dahin.‘ In seiner Mimik lese ich das Echo meiner eigenen Meinung. Mit den Kollegen habe ich mich immer sehr gut verstanden, mit uns beiden wird das nichts mehr werden. Ich werde frei gestellt ab sofort bis Ende März. Ein paar Tage biete ich an länger zu arbeiten, damit meine Kollegin noch den verdienten Urlaub nehmen kann. Mein Vorgesetzter willigt ein, sein Gesichtsausdruck zeigt, dass ihn mein Vorschlag unerwartet trifft. So hat er mich nicht eingeschätzt.

Mein nächster Gang führt mich zum Rathaus, ich brauche einen neuen Perso, sowie Führer- und Fahrzeugschein. Mir gegenüber sitzt eine junge Frau, vielleicht Mitte 20. „Warum brauchen Sie denn die neuen Dokumente?“ „Ich wurde im Urlaub überfallen, meine Tasche wurde geklaut.“ Entsetzt schaut sie mich an, der Stift fällt ihr aus der Hand. Ich krame den Polizeibericht aus der Tasche und halte ihr diesen hin. „Jemand hat mir eine Pistole an den Kopf gehalten in Guatemala. Der Polizeireport ist daher auf Spanisch.“ Jetzt bleibt sogar ihr Mund offen stehen, lautlos öffnet und schließt er sich wie bei einem Fisch. „Oh Gott.“ stammelt sie dann, nimmt mir das Papier ab und schiebt es in den Scanner. Den Fahrzeugschein erhalte ich sofort, Perso und Führerschein kann ich in 4 Wochen abholen.

Beim VW-Händler um die Ecke bestelle ich einen neuen Funkschlüssel. Mit dem Zweitschlüssel kann ich mein Auto auf der Fahrerseite aufschließen, die Beifahrertür lässt sich nur von innen manuell öffnen. An den Kofferraum komme ich überhaupt nicht ran. „Ich wurde im Urlaub überfallen, ich brauche einen neuen Autoschlüssel.“wiederhole ich erneut. „Wo war das denn?“ will der Mitarbeiter des Autohauses wissen „Nur damit ich da nie, nie hinfahre.“ Hätte ich seit meiner Rückkehr aus dem Urlaub immer zwei Euro für diesen Satz bekommen, könnte ich jetzt zumindest schön Essen gehen, wenn nicht sogar richtig teurer. Ich verstehe die Reaktion auch nur teilweise. Überfallen werden kann man überall. Nach Guatemala zu fliegen muss man dazu nicht. Ich bin überzeugt diese Situation kann auch in Deutschland jederzeit eintreten. Oder irgendwo in Europa im Strandurlaub. Leichtsinn oder zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein kann auf der ganzen Welt zum Verhängnis werden.

Am Nachmittag klingelt Bella. Eigentlich heißt sie Isabell, aber das ist mir zu lang. Wir versuchen meinen Briefkasten aufzubohren. Vorher habe ich geschaut, ob auf dessen Innenseite eine Nummer zu finden ist. Damit hätte ich den Schlüssel nachmachen lassen können, leider ist innen nichts zu sehen. Wir stehen vor dem Postkasten im Flur, Bella legt den Bohrer an. Schon ertönt das mechanisch fräsende Geräusch, die Spitze frisst sich in das Metall des Schlosses. Im nächsten Moment senkt sich undurchdringliche Dunkelheit auf uns herab. Der Zeitschalter im Flur löscht alle 20 Sekunden das Licht . Monoton drücke ich also in regelmäßigen Abständen auf den Lichtschalter. Mein Blick fällt auf Bella und den Bohrer, der an ihr hängt. Die Konstruktion mutet so gewagt an, dass ich doch lieber die Augen schließe. Die Bohrspitze läuft heiß, das riecht man. Irgendwann kracht es und das Schloß ist durch. Ich pule die Reste mit dem Zeigefinger heraus. Ein neues Schloß habe ich bisher noch nicht gekauft. Ist auch nicht sofort nötig. Man kann durch das Loch in der Vorderseite den Briefkasten mit dem Finger öffnen und schließen. Die Tür bleibt auch zu.

Ab dem ersten Tag der Freistellung von der Arbeit, setze ich mich an meinen Blog. Das Erstellen der Seite und Verfassen der Beiträge nehmen fast zwei Wochen in Anspruch. Schreiben erfüllt mich und macht mir unendliche Freude. Das Texten geht mir extrem leicht von der Hand, ich versuche den Leser in meine jeweilige Situation mitzunehmen und einzubinden. Eine liebe Mediadesignerin entwirft mir ein Logo, das mir sofort gefällt. Ich poste es auf meiner Seite und veröffentliche am Abend den ersten Post.

Nervös bin ich schon, mit dem Schreiben gebe ich meine Gedanken und einen intimen Teil meiner Persönlichkeit preis. Das macht mich auch angreifbar. Trotzdem ist der Blog aus meinem Alltag nicht mehr wegzudenken. Wie sagte einst William Faulkner ‚Schreibe jeden Satz so, dass man neugierig auf den nächsten wird.‘ Anhand der Reaktionen werde ich morgen wissen, ob mir dies gelingt.

Das Feedback am nächsten Tag ist ausnahmslos positiv. Nach dem ersten Blinzeln fällt mein Blick am Morgen auf die geschriebenen Kommentare. Ich durchforste auch Facebook und Whatsapp und freue mich. Den Blog würde ich nicht aufgeben, aber viele negative Bemerkungen sind natürlich keine motivierende Kritik. In einer Zeit in der Mobbing digital geworden ist, sind konstruktive Äußerungen unbedingt Pflicht. Leider sieht das nicht jeder so. Warum ist das Schreiben so wichtig für mich? Charles Bukowski sagte einmal ‚Ich brauchte das Schreiben als Ventil, als Unterhaltung, als Befreiung. Als Sicherheit. Ich brauchte sogar die verdammte Arbeit, die es mir machte.‘ Schreiben ist Therapie. Ich verarbeite das Erlebnis des Überfalls mit jeder Zeile und jedem geschriebenen Wort. Alle Momente der Reise erlebe ich durch das Aufzeichnen intensiver. Schreiben hilft mir beim Nachdenken. Ich sortiere dadurch meine Gedanken und kann diese in Worte fassen. Die Wörter wollen unbedingt raus, meine Zeit opfere ich freiwillig.

Ich bewerbe mich für ein Praktikum in der Redaktion, zehn Anschreiben sende ich an verschiedene Verlage. Die Antwort erhalte ich am nächsten Tag, eine Tageszeitung bietet mir ein dreiwöchiges Praktikum an. Ich möchte die Grundlagen des Textens und  Schreibens von den Profis lernen. Auf die Erfahrung freue ich mich. Eine Woche später ruft das Arbeitsamt an. Man würde gern meine Telefonnummer an einem interessierten Arbeitgeber weiterleiten. Ob das ok wäre? ‚Ja sicher.‘ stimme ich zu. Überrascht bin ich dann doch, als ich wenig später den Geschäftsführer der größten Tageszeitung meines derzeitigen Wohnorts am Apparat habe. Ich werde zum Vorstellungsgespräch eingeladen, eine neue Assistenz wird gesucht. Zwei Stunden dauert unser Austausch, ich fühle mich wohl. Ein paar Tage vergehen, dann erhalte ich die Zusage. Ich bin gespannt, wo diese Erfahrung mich hinführt.


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