Maya-Ruinen mitten im Regenwald

Ich schlage die Augen auf. „Tikal, nach Tikal.“ ruft jemand. „Ja ich.“ melde ich mich und reibe mir schlaftrunken die Augen. „Auf, auf, kauf Dein Ticket dort.“ winkt mir unser Busfahrer und schiebt mich auf einen wartenden Minibus zu. Vor einem Reisebüro in Flores halten wir an. Ich kaufe eine Fahrkarte nach Tikal zu den Mayaruinen und eine Busverbindung nach Antigua am nächsten Tag. Guatemala City betrete ich nur noch zum Umsteigen. Zufrieden stecke ich beide Papierzettel in meine Tasche, um 9:00h startet der nächste Transfer zu den Ruinen. Ich steige gegenüber des Reisebüros in der Casa de Lacandon ab. Das Hostel wird von Oliver, einem Deutschen und seiner Familie geführt. „Wie bist Du hier gelandet.“ frage ich ihn beim Check-in. „Mit dem Flugzeug, wie Du.“ grinst er, die Frage hat er schon viel zu oft beantwortet. „Ich war eigentlich auf dem Weg nach Brasilien, als ich das Angebot bekommen habe in Guatemala ein Restaurant zu leiten. Geplant war ein halbes Jahr, daraus wurden 7 Jahre. Irgendwann habe ich eine Frau kennengelernt und bin hier geblieben. Seit kurzem führen wir unser eigenes Hotel.“ Ich erwähne den Überfall. Olivers Frau ist in Guatemala City aufgewachsen und hatte schon fünf Mal eine Pistole im Gesicht.

Während der kurzen Busfahrt zu den Ruinen von Tikal beherrscht der dichte Dschungel mit undurchdringlichem Grün den Blick aus dem Fenster. Auch die Sonnenstrahlen schaffen es nicht sich durch das gedrängte Blätterdach zu bohren. Gelbe Schilder am Straßenrand signalisieren, dass hier Schlangen den Weg kreuzen. Ich steige aus und laufe auf einen kleinen Seerosenteich zu. ‚Gefahr! Krokodile‘ warnt ein Schild. Ich halte Abstand.974.JPG

Die antike Mayastätte liegt mitten im Regenwald. Die einzelnen Gebäude sind sehr gut erhalten und großflächig auf 65m² verstreut. Im Zentrum der Anlage liegt der große Platz mit zwei Tempeln. Westlich davon die Akropolis mit dem Ballspielplatz. Nachfahren der Maya nutzen auch hier die altertümliche Steinplatten für ihre traditionellen Rituale.

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Insgesamt bietet Tikal nicht mehr Informationen über die Maya als Chitchen Itza. Ich verzichte daher auf eine geführte Tour. Für meine Rundgang schließe ich mich dennoch einer paar jungen Leuten aus Costa Rica an. Die zierlichen, von Wurzeln überwachsenen Wege, die durch den Dschungel von Tempel zu Tempel führen sind mir nicht geheuer. Die Stille und Einsamkeit, die mich umgibt und jeglichen Laut sofort verschluckt, appellieren an mein Sicherheitsbedürfnis. Unmittelbar vor mir befinden sich die höchsten Stufenpyramiden der Maya. Ich klettere in 47m Höhe und genieße den faszinierenden Blick über die dunkelgrün gefärbten Baumkronen. In gleichmässigen Abständen überragen die Tempel majestätisch die Wipfel der Bäume. Wie die Maya solch bauliche Präzision erreichen konnten, ist bis heute unbekannt.

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Als Rätsel gestaltet sich auch der Weg zum Ausgang. 5 Stunden verbringe ich in Tikal, die Anlage ist wirklich riesig. Ich finde den Weg zum Bus und steige erleichtert ein. Ohne Vorwarnung wird die Fahrt holprig, als würden wir durch ein Meer von Schlaglöchern fahren. Ich fliege zur Seite und hänge ein paar cm in der Luft über meinem Sitz. Wir halten an. Mißtrauisch spähe ich aus dem Fenster, die Straße sieht nicht uneben aus. Alle müssen aussteigen, ein Reifen ist platt. Vorsichtig setze eine Fuss ins Freie und ducke mich instinktiv. Der Überfall hat mich geprägt. Ich suche die Straßenmitte und beäuge skeptisch den Reifenwechsel. Jede Minute wappne ich mich ein paar Räuber mit Machete bewaffnet aus dem Gebüsch springen zu sehen. Genau so wie man es aus Gruselfilmen kennt, wenn aus nicht erkennbarem Grund der Reifen auf einsamer Straße platzt. Die Zeit verstreicht langsam, nichts passiert. Der Fahrer rollt den kaputten Reifen in den Kofferraum. Ein etwa 40cm langes Stück des Gummis hängt lose herab, fein säuberlich abgeschält. TÜV gibt es in Guatemala nicht, solange ein Auto fährt ist es verkehrstauglich. Die Fahrt wird mit neuen Reifen fortgesetzt, Schlangen begegnen uns keine.

Im Hostel breitet Oliver einem Gast gegenüber gerade seine Lebensgeschichte aus. „Ich habe so lange bei einer Versicherung in Deutschland gearbeitet und dabei gut verdient. Zufrieden und glücklich machte mich der Job nicht. Eines Tages überlegte ich mir, ob das wirklich alles ist, was ich vom Leben erwarte. Meine größte Angst war, durch die mangelnde Freizeit meine Kinder nicht aufwachsen zu sehen und keine Zeit für Familie zu haben. Eines Morgens stand ich auf und änderte mein Leben.“ Ich schmunzle innerlich. Auf meiner Reise habe ich so viele Aussteiger getroffen oder auch Menschen, die sich radikal beruflich verändert haben. Das macht Mut, im Grunde habe ich dasselbe vor. Wieder werde ich von einer Gesinnung geleitet, die es gut mit mir meint. Wir haben immer eine Wahl, in jedem Aspekt unseres Lebens. Beruflich oder privat. Wir können entscheiden, etwas zu tun, dass uns persönlich erfüllt und zufrieden stellt. Dazu müssen wir an uns als Person glauben und Vertrauen haben in unser Können, dann sind wir auf dem richtigen Weg.


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