Ein Polizist als Reiseführer

Es klopft an meine Tür, Telefon signalisiert mir der Mann von der Rezeption. Dran ist die Deutsche Botschaft, ein Freund aus Deutschland hat sich nach meinem Aufenthaltsort erkundigt. Ich warte gleich am Apparat, wenig später klingelt es erneut. „Siehst Du Mädchen, ich finde Dich überall auf der Welt.“ begrüßt mich eine bekannte Stimme. „Christian.“ sage ich erleichtert. Ich merke, wie gut es tut eine vertraute Stimme zu hören, die letzte Anspannung fällt von mir ab. „Ich lebe noch.“ sage ich grinsend und erzähle kurz was passiert ist. Auch dass es mein eigener Leichtsinn war der mich in die prekäre Situation gestern brachte, lasse ich nicht aus. Meine Familie wird mir auf ein Western Union Konto Geld überweisen, sodass ich am Montag wieder Geld habe, erklärt mir Christian. Er reicht den Hörer weiter an meine Mutter.

„Na Du Globetrotter, ich habs Dir ja gesagt.“ ihr Tonfall ist liebevoll und vor allem klingt Erleichterung in ihrer Stimme „Du bereicherst mein Leben mit Special Effects.“ Als ich die Stimme meiner Mutter höre, atme ich vollends auf, das verstörende Erlebnis von gestern liegt hinter mir. „Ich sende Euch die Adresse des Hotels neben der Polizeistation, sobald ich dort bin.“ verspreche ich. Meine Mutter wäre tatsächlich nach Guatemala geflogen, wenn sie mich nicht gefunden hätte. Sie kann weder Englisch noch Spanisch. „Sie hätten Dich auch ausgeraubt, die hätten hier das Geschäft ihres Lebens gemacht, das Vermögen der Schusters hätte ganz Guatemala finanziert.“bewerte ich ihr Vorhaben. Wir müssen beide lachen, wieder schwingt die Erleichterung mit. Mehrmals entschuldige ich mich aufrichtig für den Schreck, den sie durch mich erlebt hat. Meine Mutter ist 66, sie macht so ziemlich alles mit, ganz gleich ob Live Escape Game oder Lasertag. Überfälle ihrer Töchter gehörten bislang nicht dazu, ich habe ein richtig schlechtes Gewissen. Ich verabschiede mich, die Touristenpolizei holt mich gleich ab.

Wir gehen frühstücken, ich bin eingeladen. Das ganze Restaurant ist voller Polizisten, beruhigt und neugierig schweift mein Blick über die blauen Pullover mit den aufgestickten Abzeichen. „Ist das die Polizeikantine?“ frage ich. Die Beamten schütteln den Kopf und lachen. „Nein, das Restaurant ist nur in der Nähe der Polizeistation, deswegen essen wir immer hier.“ klärt mich Commissario Castillo auf. Fernandez Castillo hat 3 Töchter, alle studieren. Die Studiengebühren betragen in Guatemala ca. 20 Euro pro Monat, bei 3 Kindern ist das viel Geld. Der Kommissar grinst „Ich habe eine sehr intelligente Frau, sie verdient viel mehr als ich.“ Der ganze Tisch lacht, ich fühle mich wohl.

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Die Polizei hat eine Tour für mich vorbereitet, damit ich etwas von Guatemala City sehe während ich auf mein Geld warte. Im Auto frage ich Agente Hernandez, ob wir mit Sirene fahren können. Das geht leider nicht. Wir halten vor einer kleinen schneeweißen Kirche, der Iglesia Cerrito del Carmen. Ihr Äußeres ist von so gleichmäßigem, strahlendem Weiß, dass ich geblendet die Augen schließe. Der wolkenlose, hellblaue Himmel grenzt die Umrisse des Gebäudes scharf ab und der starke Farbkontrast betont zusätzlich die Helligkeit. Das Innere der Kirche ist noch weihnachtlich geschmückt.

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Commissario Castillo deutet am Eingang auf das Becken mit dem Weihwasser. „Das ist geweihtes Wasser aus Italien, es beschützt Dich.“ erklärt er mir. Bisschen spät, denke ich, den Schutz hätte ich gestern gebraucht. Folgsam tauche ich die Fingerspitzen in das Wasser, schaden kann es nicht. Wer weiß schon, was noch kommt. Ich frage, was das Schlimmste ist, was dem Kommissar bei der Polizeiarbeit passiert ist. Er überlegt kurz „Ich bin in einer Nacht drei Mal in eine Schießerei geraten.“ Angesichts der sinnlosen Gewalt erschaudere ich. Wir verlassen die Kirche, um sie erstreckt sich ein schön angelegter Park. „Hier ist der perfekte Platz für Liebespaare.“ verrät mir Castillo. „Du kannst Dir von ihm ein paar Tips holen.“ schlage ich Agente Hernandez vor, es ist wirklich sehr romantisch hier oben. Das wird er, der junge Mann lacht und nickt.

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Gemütlich fahren wir zum Parque Minerva, hier gehen hauptsächlich Familien spazieren. Auf der Straßenseite gegenüber befindet sich auf dem Boden ein 3D Plan von Guatemala aus Plastik. Alle Berge, Vulkane und die wichtigsten Häfen sind dargestellt. Die Polizei organisiert einen englischsprachigen Führer, Eintritt zahlen wir nicht. Während der Tour fällt mir auf, dass auch Belize Teil des Reliefs ist. „Das ist richtig. 1905 als die Karte entstand gehörte Belize noch zu Guatemala.“ informiert mich unser Guide. Er zeigt mir die wichtigsten Punkte des Landes, die Abmessungen der Mappe stimmen ziemlich genau, auch wenn sie schon über hundert Jahre ist.

Vor der Polizeistation treffe ich auf Giovani. Wir wollen nochmal nach meiner Tasche suchen, bevor wir nach Guatemala fahren. Weitläufig suchen wir das Gebiet, um die Unglücksstelle ab, ohne Erfolg. Giovani spricht einen Straßenkehrer an, falls ihm etwas auffällt, soll er sich bei ihm melden. Der Mann mustert mich, um mein Gesicht meinem Personalausweis zuordnen zu können, falls er meine Tasche findet. Dann warnt er uns mit eindringlichem Gesichtsausdruck. „Die Diebe sind gerade wieder bei der Arbeit.“ Giovani stellt das Auto bei Nissan ab und sprintet über die Schnellstraße. Genau gegenüber ist der Überfall passiert. Wenig später reißt er atemlos die Tür des Wagens auf, er keucht und schüttelt den Kopf. Er legt die Hand auf die Brust, sein Herz rast. „Das ist total gefährlich.“ stammelt er. Die beiden jungen Männer hätten auch ihn überfallen, er hat sich mit einem Sprung auf die Straße gerettet. Die Vorgehensweise war genau dieselbe, einer der Täter war in seinem Rücken, der andere kam vermummt, schnellen Schrittes auf ihn zu. „Wie kann es ein, dass die Diebe am gleichen Platz weiter Menschen überfallen ohne dass die Polizei eingreift?“ frage ich naiv. „Die Polizei in Gualtemala ist korrupt, nicht die Touristenpolizei, aber alle anderen. Die Beamten werden von den Dieben fürs Wegsehen bezahlt.“sagt Giovani gleichgültig, für ihn ist das Alltag. Er hat den Schreck überwunden, sein Atem geht wieder gleichmäßig.

Wir parken das Auto mitten in der Innenstadt von Antigua. „Hier ist es sicher, nur in Guatemala City gibt es soviel Gewalt.“ garantiert mir Giovani. In Antigua fühle ich mich sofort wohl. Die überschaubare Kolonialstadt ist ein Kleinod, die schönste Stadt in Guatemala. Die kleinen kopfsteingepflasterten Gässchen laden zum Flanieren und Verweilen ein. Das Panorama der wunderschönen Altstadt wird von Bergen und Vulkanen umrahmt, wie ein Idyll aus längst vergangener Zeit. Wir erklimmen den Cerro de la Cruz und genießen den fantastischen Blick über Antigua. Am späten Nachmittag müssen wir aufbrechen, Giovani muss ja Morgen arbeiten.

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Ich hole im Polizeigebäude meinen Koffer. Kommissar Castillo begrüßt mich „Wie hat Dir der Ausflug heute gefallen?“ „Sehr gut. Ihr solltet Touren mit der Touristenpolizei gegen Bezahlung anbieten, dann könnt ihr ein Vermögen machen.“ schlage ich vor. Das Hotel Casa las Rosas nebenan erwartet mich schon. Das Zimmer hatte ich mir schlimmer vorgestellt, es ist einigermaßen sauber und ich habe ein eigenes Bad. Eine Heizung gibt es nicht, wie überall in Guatemala. In den Höhenlagen fällt das Thermometer nachts auf unter 10 Grad. Heute Nacht sind es sogar nur 5, ich friere. Die Decke auf dem Hotelbett ist eher ein dünnes Laken, sie hält die Kälte nicht ab. Ich krame die Wolldecke von Delta Airlines aus dem Koffer, die auf dem Hinflug ausgeteilt wurde. Morgen hat die Touristenpolizei eine weitere Tour für mich geplant. Sie begleiten mich auch zur Western Union, um mein Geld abzuholen. Die Scheine stecke ich dann wieder in die Socken. Obwohl alldem ein unangenehmes Erlebnis vorausging, erlebe ich derzeit das ursprüngliche Guatemala. Ich tauche ein in den Alltag der verschiedenen Menschen und ihrer Lebensumstände. Um mich ist soviel Hilfsbereitschaft, ich kann es kaum fassen. Für diese Erfahrungen bin ich dankbar, ich habe Glück im Unglück.


2 Gedanken zu “Ein Polizist als Reiseführer

  1. Mutig, wie selbstverständlich du dich, auch noch nach dem Überfall, in Guatemala bewegst und wie offen deine Einstellung zu den Menschen geblieben ist. Ich hätte die Hosen gestrichen voll… 😊

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  2. Danke. Ich glaube, meine Neugier auf das Fremde zu unterdrücken, ist unmöglich. Bevor ich mich da einschränken lasse, müsste man mich vermutlich einsperren. Und selbst das würde wahrscheinlich nicht klappen. Ich hab mich schon immer für das Reisen entschieden und mein Urvertrauen ist ziemlich groß. 🙂 Sonst würde meine Lebensplanung womöglich ganz anders aussehen. 😉

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