Ein metallisches Klicken

Ein letzter Blick in den Spiegel, dann öffne ich die Tür meines Hotelzimmers. Der Tag heute ist den Sehenswürdigkeiten in Guatemala City gewidmet. Bevor ich die Tür zuziehe zögere ich, ich kehre zurück ins Zimmer und lege meinen Reisepass und mein zweites Handy auf den Schreibtisch. Ich streife durch die Altstadt von Guatemala City, fotografiere die Museen und einladenden Plätze. Durch die Polizeipräsenz in der Stadt fühle ich mich sicher. Die Reise in den letzten zwei Wochen verlief ohne Vorfälle und lässt mich leichtsinnig werden. Daher trage ich den Großteil meines Geldes auch nicht wie in Mexiko und Belize in den Socken, sondern im Geldbeutel in meiner Tasche. Die Kreditkarten sind nicht am Körper versteckt, sondern stecken daneben. Meinen Rundgang beginne ich an der Plaza de la Constitución, dort befindet sich der Palacio Nacional, der Regierungssitz  des Präsidenten. Seitlich davon erhebt sich die Catedral Metropolitana.

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Viel zu bieten hat Guatemala City nicht. Museen zeigen Ausstellungen zu Kunst, indigenen Stoffen, Archäologie oder Eisenbahnen, sie interessieren mich nicht besonders. Den Rest des Tages verbringe ich im Zoo. Die Bereiche des Aurora, so heißt der Tiergarten, sind in die verschiedenen Lebensräume der Tiere eingeteilt. So lässt es sich innerhalb von zwei Stunden quer durch Afrika, Amerika und Asien wandern. Nicht weit vom Zoo liegt der Mercado de Artesanias, ein Kunsthandwerkermarkt. Ich stöbere ein bisschen, auf den Märkten in Guatemala findet man immer so ziemlich das Gleiche. Schnell habe ich mich satt gesehen und auf der Suche nach einem Taxi laufe ich zum Eingang des Zoos zurück. Ich nehme die Straße, die parallel zu jener verläuft, durch die ich zum Zoo gekommen bin.

Nach einigen Schritten an der Mauer des Tiergartens entlang bemerke ich, dass sich die Straße neben mir in eine Schnellstraße wandelt und vermutlich zu einer Autobahnauffahrt führt. Ich bin hier am Rande der Stadt, hier kann ich unmöglich ein Taxi anhalten, viel zu schnell rasen die Autos hier vorbei. Zögerlich sehe ich mich um, gleich bin ich an der Straßenecke angekommen. Bis dort werde ich noch laufen und mich dann neu orientieren. Ich biege um die Ecke, ein junger Mann läuft an mir vorbei. Ich beachte ihn nicht. Ein paar Schritte vor mir sehe ich einen zweiten, er verdeckt sein Gesicht mit einem Tuch. Sein Schritt wird schneller, er läuft direkt auf mich zu. Ich werde von hinten gepackt, mein Kopf fliegt zurück. Ein fester Griff legt sich über meine Brust, Finger die sich in meinen rechten Arm bohren. Ein kalter Gegenstand drückt sich an meine Schläfe, ich höre ein metallisches Klicken. „Gib mir die Tasche.“ schreit es von hinten in mein rechtes Ohr. Der zweite Täter reißt kontinuierlich an meiner Tasche, ich lasse nicht los. Der Körper des Mannes, der mich festhält, ist direkt an mich gepresst. Keinen Zentimeter gibt er seinen umklammernden Griff frei. „Gib mir die Tasche.“ schreit er erneut, diesmal noch dichter an meinem Ohr.

In einem verzweifelten Reflex hebe ich meine Tasche fest. Wieder ertönt das metallische Klicken, der Lauf der Waffe an meiner Schläfe presst sich in meine Haut. Ich gebe die Tasche frei, die Räuber lassen mich los und rennen weg. Einer durchsucht im Laufen meine Tasche, der andere hält den Lauf der Pistole auf mich gerichtet. Ich gehe ein paar Schritte auf die beiden zu, will wenigstens sehen, wo sie die Tasche hinschmeißen. Sofort ertönt wieder das metallische Geräusch, wenn der Hahn der Waffe gespannt wird. Nach einer Weile ertönt das monotone Klicken nur noch in meinem Kopf, die Diebe sind weg. Es ging alles so schnell. Meine Urlaubsfotos, Erinnerungen, die sich nicht durch Geld ersetzen lassen. Was ist mein Leben wert, frage ich mich. Im Geldbeutel waren neben 200 Euro noch 1000 Quetzal, mein Foto, ein Handy, eine Sonnenbrille. Ich überschlage um einen klaren Gedanken zu fassen, 400 Euro vielleicht.

Ich wanke unsicher zur Schnellstraße, ein Mann läuft gerade entlang. Seine Kleidung ist zerrissen und ausgebeult. Die Situation steht mir ins Gesicht geschrieben, daher kann er mein gestammeltes Englisch wahrscheinlich verstehen. Er führt mich sicher über die Autobahn zu einem Nissan Autohaus. Einer der Kunden dort kann Englisch, wir rufen die Polizei. Raubüberfälle werden in Guatemala nicht Ernst genommen, die Polizei lässt sich Zeit. Es gibt einfach zuviel Gewalt und Hass auf den Strassen. Irgendwann stehe ich vor zwei Polizeibeamten, eine Mitarbeiterin des Autohauses übersetzt für mich. Einer der Polizisten erkundet mit mir den Ort des Überfalls, wir suchen meine Tasche, leider erfolglos. Normalerweise lassen die Diebe die Tasche nach dem Raub fallen, sie sind nur an schnellem Bargeld interessiert. Enttäuscht sitze ich im Autohaus, irgendjemand bringt mir ein Glas Wasser.

Giovani, ein Guatemalteke hat gerade ein Auto Probe gefahren und kann etwas Englisch. Er bietet mir an, mich zur Touristenpolizei zu fahren und zu dolmetschen. Eine Anzeige soll ich auf jeden Fall aufgeben, nur durch die Angaben kann die Polizei weitere Überfälle verhindern. Dankbar willige ich ein, ohne Geld kann ich mir sowieso kein Taxi leisten. Auf der Polizeistation habe ich wieder Glück, einer der Beamten hat 7 Jahre in den USA gelebt und kann Englisch. Ich gebe meine Anzeige auf und male das Gesicht des Täters so gut ich mich erinnern kann. Da beide Männer vermummt waren ist es ziemlich aussichtslos. Immerhin liegt mein Pass und die Aufzeichnungen zu meiner Reise im Hotel. Sonst müsste ich jetzt auch noch zur Botschaft. Angerufen habe ich dort dennoch und erklärt, was mir zugestossen ist. Die Botschaft kann mir nicht weiterhelfen, es ist Samstag Nachmittag und lediglich der Notruf ist besetzt. Die Sprechzeiten sind von Montag bis Freitag, 9-12h. Ich gebe das Hotel an, indem ich derzeit wohne. Mit Hilfe der Touristenpolizei kann ich telefonieren, ich lasse meine Kreditkarten unverzüglich sperren. Giovani übersetzt den Beamten die ganze Zeit.

Über sein Handy kontaktiere ich meine Schwester via Facebook. ‚Ich würde heute überfallen, alles ist weg. Ihr müsst mir bitte etwas Geld per Western Union überweisen, ich habe nichts mehr.‘ damit ist für mich alles gesagt. Ich bekomme einen Ausdruck des Polizeireports auf Spanisch und Giovani fährt mich zu einem Supermarkt. „Du weinst gar nicht.“ sagt er erstaunt „die ganze Zeit nicht.“ Was würde es auch bringen zu Weinen, denke ich. Ich bin unendlich dankbar, dass er mir etwas Geld leiht, um ein paar Lebensmittel zu kaufen. Das Geld meiner Familie werde ich vor Montag nicht erhalten, erst dann öffnen die Banken. Ich habe nichts mehr zu Essen und mein Hotelzimmer ist nur noch für heute Nacht bezahlt. Die Touristenpolizei holt mich Morgen früh ab und bringt mich in einem Hotel genau neben der Polizeistation unter. Dort erhalte ich Kredit und kann bleiben bis ich wieder Geld habe. Meinem steigenden Bedürfnis nach Sicherheit tut dies sicher gut.

Was mir heute passiert ist, ist meine eigene Schuld. Ich bin leichtsinnig geworden und habe daher diese Lektion lernen müssen. Seit 15 Jahren verreise ich ohne negative Erfahrungen. Die nächste Reise werde ich besser planen, verspreche ich mir. Den Großteil meines Geld und die Kreditkarten werde ich wieder unter der Kleidung tragen, in Deutschland besorge ich mir eine flache Tasche dafür. Morgen werde ich mit Giovani noch einmal zu der Stelle fahren, an der sich der Überfall zugetragen hat. Wir suchen meine Tasche, große Hoffnungen mache ich mir nicht. Unversucht lassen will ich auch nichts. Giovani bringt mich in mein Hotel. „Wollen wir Morgen nach Antigua fahren, Du sollst auf andere Gedanken kommen?“ schlägt er vor. Antigua will ich auf jeden Fall sehen, begeistert stimme ich zu. Abgesehen von dem verstörenden Erlebnis heute habe ich viel Freundlichkeit und Verständnis erhalten. Menschen, die noch nicht mal 20% von dem haben, was ich in Deutschland mein eigen nenne, waren überaus bemüht mir zu helfen und haben mir sogar Geld geliehen. Bei allem Verständnis für meine Situation konnten sie nicht wissen, ob ich den Gefallen letztlich erwidere.

‚Warum sind die Menschen hier so arm?‘ frage ich Giovani. ‚Sie arbeiten nicht gern und sie trinken zu viel.‘ seine Antwort ist ernüchternd. Früher war er selbst Teil der Unterschicht, inzwischen arbeitet er 12 Stunden am Tag und hat sich ein Einkommen der Mittelklasse geschaffen. Meine romantische, naive Vorstellung, ich hätte die Familien der Räuber im täglichen Überlebenskampf unterstützt und für den nächsten Monat mit meinem Geld ernährt, zerstört er durch kalte Fakten. ‚Es ist Samstagabend, die beiden haben Geld gebraucht um Auszugehen.‘ Ein Menschenleben für eine Party am Wochenende, ich sinke in mich zusammen. Trotzdem wird sich das Karma an den beiden rächen. Vielleicht nicht Heute oder Morgen, irgendwann auf jeden Fall. Im Grunde ein Gesetz der Physik, wo eine Ursache auch eine Wirkung. Das Gute ist, diese Gesetzmäßigkeit wirkt auch, wenn man nicht an sie glaubt.


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