Eine Seefahrt die ist lustig…

Nach dem Frühstück kaufe ich mir das Ticket für die Überfahrt nach Rio Dulce. Mitleidvoll mustere ich erneut die zahlreichen Schildkrötenpanzer, die am Straßenrand verkauft werden. Katie aus Australien begleitet mich. Sie hat zwei erwachsene Söhne, die bereits seit 3 Jahren durch die Welt reisen. Irgendwann dachte sie sich, wenn ich meine Söhne wiedersehen will muss ich wohl selbst anfangen zu reisen. Sie kündigte ihren Job als Krankenschwester und ist nun seit 6 Monaten mit dem Rucksack unterwegs. Gesehen haben sich die drei bisher noch nicht. Nach Guatemala will Katie weiter nach Honduras und im März trifft sie ihren ältesten Sohn in Peru. Gemeinsam kaufen wir die Karten für die Bootsfahrt auf dem Rio Dulce. Wir können uns direkt am Hotel abholen lassen, schlägt uns der Verkäufer vor. Ich habe ein wenig Zweifel, dass die Abholung direkt am Bootssteg unserer Unterkunft bei einer Buchung so kurzfristig vor Abfahrt funktioniert. Katie willigt sofort ein und ich bin überstimmt.

„Es ist schon häufig, dass die Boote Passagiere an den Hotels vergessen. Am besten stellst Du Dich gleich an den Steg und wenn ein Boot kommt kräftig mit beiden Armen in der Luft schwenken. Dann drehen sie normalerweise bei, auch wenn  sie Dich zuvor übersehen haben.“ meint die Mitarbeiterin an der Hotelrezeption. Ich halte nach Booten Ausschau und winke was das Zeug hält. Wir haben Glück. Wenig später legt ein Boot am Steg an und man hilft uns beim Einsteigen.

Die Bootsfahrt auf dem Rio Dulce ist wunderschön. Das dunkle Grün des Dschungels zu beiden Seiten des Flusses wird vom Wasser zurückgeworfen und reflektiert. Ich habe das Gefühl durch ein Moor zu fahren, so moosgrün schimmert alles um mich. Vereinzelt sitzen schneeweiße Reiher auf den grünen Ästen am Ufer und Pelikane drehen in Schwärmen ihre Runden über unserem Boot.

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Immer wieder tauchen einzelne Holzbauten am Ufer auf mit eigenen Schiffsanlegeplätzen. Die Hotels hier sind völlig isoliert. Vorbei geht es an Seegrasfeldern und ausufernden Seerosenwiesen, die sich über den ganzen Fluss gelegt haben. Ein kühler Wind umspielt unser Boot, mit einer ordentlichen Geschwindigkeit fliegen wir über das Wasser. Vor uns taucht die Vogelinsel auf, im Gebüsch und den Bäumen sitzen unzählige einheimische Vogelarten. Menschen leben auf der winzigen Insel nicht. Je näher wir Rio Dulce kommen, umso mehr Yachten sieht man. Reiche Amerikaner legen diese in der Hurrikansaison hier vor Anker, da der Ort und der Lago Izabal laut der amerikanischen Küstenwache während dieser Jahreszeit ein sicherer Hafen ist.

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Ein kleines Kastell auf der rechten Seite kündigt unsere Ankunft in Rio Dulce an. Sonst hat der Ort nichts reizvolles zu bieten, ich suche den Busbahnhof und steige in den nächsten Bus nach Guatemala City. Mit zunehmender Entfernung zu Rio Dulce verändert sich die Landschaft. Das üppige Grün des Dschungels weicht einer kargen felsigen Aussicht mit tiefen Taleinschnitten und Hängen voller Kakteen. Es wird immer kälter. In Guatemala City ist es am frühen Abend richtig frisch, ich friere. Ich nehme ein Zimmer im Hotel Spring und schlüpfe in lange Hosen. Nach 7 Stunden im Bus sterbe ich vor Hunger. „Ist die Gegend hier sicher?“ frage ich den Herrn an der Rezeption, der mir ein paar Restaurants empfohlen hat. „Ja, ja.“ er winkt ab. Jeder weiß was das eigentlich heißt, murmle ich in mich hinein. Trotzdem, der Hunger treibt mich in die genannte Straße. Ich staune über die Polizeipräsenz, an jeder Ecke stehen etwa vier Beamte. In jedem geöffneten Geschäft oder Lokal macht mit ein Polizist die Tür auf.

Wie muss es hier zugehen, wenn solch ein Auftreten der Polizei nötig ist, denke ich bei mir. Natürlich bin ich darüber auch froh, ich fühle mich sicher. Ich kaufe etwas zu essen und schaffe es wohlbehalten zurück ins Hotel. In Guatemala leben etwa 7,5 Millionen Menschen in Armut, das ist die Hälfte der Bevölkerung. Der offizielle Mindestlohn beträgt umgerechnet 5 Euro pro Tag, das reicht auch hier nicht zum Leben. Die Straßenkriminalität verschlimmert sich, die Zahl der Überfälle steigt. Besonders um den 15. und das Ende eines Monats nimmt die Zahl der Diebstähle zu, dann erhalten die Arbeiter ihre Lohntüten. Das die Kluft zwischen Arm und Reich so drastisch ist, rechtfertigt natürlich in keinem Fall die hohe Kriminalitätsrate. Ich mag dieses Land trotzdem. Mir gefällt die eher ruhige und abwartende Haltung der Menschen Fremden gegenüber und ihre dennoch stets höfliche, freundliche und hilfsbereite Art.


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