Der beste Arbeitsort für einen Maya

Ich bin nicht aufgewacht, als die Silvester feiernden Mexikaner ins Zimmers des Hostels zurückkamen. Ich blinzle durch den Raum, die Belegung der Betten hat sich über Nacht neu verteilt. Zwei Betten sind noch leer, in eines hat sich zusätzlich ein Mädchen verirrt. Sie hat es nicht geschafft sich abzuschminken. Ihre Mascara hat sich von den Wimpern gelöst und in Flecken über ihr Gesicht verteilt. Sie sieht aus, als wäre sie durch einen Schornstein gerutscht. Happy new year, flüstere ich zu mir selbst und krabble die Leiter des Hochbetts herab.

Alles schläft noch, das Bad gehört mir allein. Ich frühstücke und rufe mir am Strassenrand ein Taxi zu den Ruinen von Tulum. Um die Mayastätte ist es zum Glück menschenleer, nach der Sylvesternacht für die meisten Alkoholleichen noch zu früh. Erst ein paar Stunden später werden sie vermutlich beschließen ihren Rausch am Strand auszukurieren, bis dahin bin ich längst weg.

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Zentral auf dem Platz befindet sich das Haus des Cenote, hier wohnten die Priester, nebenan liegt der kleine, namens gebende grünlich schimmernde Teich. Mein Weg führt an den Häusern der wohlhabenden Maya vorbei hinauf zum Tempel des Windgottes. Die Ruinen von Tulum sind nicht so gut erhalten wie die von Chitchen Itza, aber dennoch ein magischer Ort. Über der Mayastätte weht beständig eine erfrischende Brise vom Meer und das leise Rauschen der Wellen ertönt als gleichmässige und wiederkehrende Hintergrundmusik.

Auf der Anhöhe des Tempels angekommen eröffnet sich mir das Panorama, welches die Musik des Meeres ergänzt. Es ist unbeschreiblich, gleich hinter den Ruinen erstreckt sich ein schneeweißer Strandabschnitt. Feinsandiger, glitzernder Puderzucker stäubt sich bis zu den seichten Wellen türkisblauen Wassers. Die Sonne lässt das Wasser strahlen wie Jade, sein Funkeln verliert sich bis zum Horizont in allen denkbaren Blau- und Grünschattierungen.

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Wäre ich ein Maya, ich würde hier unbedingt arbeiten wollen und mich hierher versetzen lassen, da bin ich mir sicher. Der ursprüngliche Name der Mayastadt Tulum war ‚Zama‘, das bedeutet Morgendämmerung. Die Namensgebung überzeugt mich, der Sonnenaufgang hier ist bestimmt wunderschön.

Ich verlasse die Ruinen und laufe barfuß am Strand entlang. Meine Zehen wühlen den Puderzucker auf, der Sand fühlt sich ganz weich an, wie Watte. Ich lasse mir Zeit für jeden Schritt und schaue zurück auf die einsamen Fußspuren, die sich über den Sand ziehen und von den ans Ufer schwappenden Wellen verwischt werden. Ein kleiner Vogel lässt sich neben mir nieder. Seine kleinen, leichten Tapsen begleiten meine Abdrücke im Sand ein Stück, dann schlägt er mit den Flügeln und fliegt davon. Die Wellen umspülen meine Zehen und malen Bilder in den Sand. Kleine Rinnsale und Kanäle fließen für Sekunden zusammen in ein Meisterwerk aus Wasser und Sand, bis die nächste Welle eintrifft und ein neues Gemälde entsteht. Ich genieße die Ruhe dieses Paradieses und den Sonnenschein, der Haut und Haar erwärmt. Tulum ohne Menschenmassen ist das Paradies.

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Später bringt mich ein Taxi in die Stadt zurück. „Tulum ist viel zu schnell gewachsen. Die Touristenströme machen das Traumidyll kaputt.“ erklärt mir der Taxifahrer. „Wir wollen das hier nicht, aber was können wir schon dagegen tun? Es kommen immer mehr Touristen, dadurch wird alles immer teurer, auch für die Einheimischen. Ich bin vor 28 Jahren aus Acapulco weg gegangen, weil es mir dort zu touristisch war. In Tulum hatte ich damals den Strand für mich allein. Jetz ist alles überlaufen, fast wie in den USA.“ Was er erzählt klingt wie ein Echo meiner Gedanken, als ich gestern angekommen bin. So ist es mit jedem Geheimtip, er ist nur solange außergewöhnlich bis jeder davon weiß. Mit der Zeit kommen immer mehr Menschen und der Zauber muss dem Massentourismus weichen.

„Sprichst Du Spanisch?“ fragt der Taxifahrer mich. „Ein wenig.“ gebe ich zu. „Wenn Du innerhalb einer Stunde wirklich fließend sprechen willst, gebe ich Dir einen Tip. Trink Tequilla.“ meint er grinsend. Ich erwidere sein Lächeln. Da ist vielleicht was dran. Ich war einmal Salsa tanzen ohne Vorkenntnisse zu haben und nach einem guten Glas Wein war ich selbst überrascht, wie gut ich mich zurechtfand. Das könnte mit Spanisch ähnlich sein, wer weiß.

Am Busbahnhof lasse ich mich absetzen, heute verlasse ich Mexiko, ich möchte nach Belize City. Umsteigen muss ich in Chetumal, Mexikos Grenzstadt. Ein Taxi bringt mich zum Mercado Nuevo, dort starten auch am Neujahrstag Busse nach Belize. Ich stehe vor zwei dunkelgrünen Bussen der Belize Bus Cooperation, beide haben schon viel bessere Zeiten gesehen. Die Türen und Seiten sind überzogen mit brauen Rostfeldern und durch die schmutzigen Fenster lässt sich kaum ins Innere blicken. Hinter der Windschutzscheibe klebt ein Pappschild, auf dem 4:30h steht, einen Ticketschalter oder Busfahrer sehe ich nicht. Ich warte und irgendwann kommt tatsächlich jemand und wirft den knatternden Motor an, bezahlt wird direkt im Bus. Schon bevor ich die grüne Rostschüssel betrete, dröhnt mir laute Reggaemusik entgegen. Hier prallen zwei Kulturen aufeinander, obwohl ich die Grenze zu Belize noch nicht überquert habe.

Die Fahrgäste sehen mehr oder weniger aus wie Verwandte von Bob Marley, die Männer tragen bunte Häkelmützen und Rastas, gesprochen wird ab hier englisch. Es wird die beste Fahrt des ganzen Urlaubs. Zu lauter Reggaemusik wackelt der Bus schwerfällig Richtung Belize City. Alle Fenster sind geöffnet, eine kühle Brise zaust in meinen Haaren. Eine Klimaanlage gibt es hier nicht. Ich schunkle mit der Musik, diesmal lasse ich mich wirklich von der Langsamkeit um mich anstecken. Die Sonne steht schon tief am Himmel und taucht das satte Grün der umliegenden, Landschaft in ein goldenes Licht. Ich fühle mich wohl.

In Belize City angekommen drücke ich dem Busfahrer meine letzten Pesos in die Hand, ich kann sie ja nicht mehr verwenden. Ein Taxi bringt mich zum Seaside Guesthouse. Die Wirtin Alma hat den Laden fest im Griff. „Sweetheart was kann ich für Dich tun? An der Tür dort hängen die Preise, sag was Du für ein Zimmer möchtest, honeybun.“ flötet sie. Ich nehme mir ein Mehrbettzimmer, welches ich ganz für mich allein habe. Alma zeigt mir das Zimmer „Ein frohes neues Jahr nebenbei sweetheart.“ wünscht sie mir. So stelle ich mir eine Hauswirtin in den Südstaaten vor. „Alles gut sweety?“ fragt sie mich dann. Ich bezahle das Zimmer und erkundige mich nach einem Supermarkt.

„Supermärkte haben zu honey, aber ein paar Strassenstände haben noch Essen am Marktplatz.“ schlägt Alma vor. „OK, ist es denn sicher dorthin zu gehen?“ ich bin skeptisch. „Ist es, aber wenn Du einen Eskortservice brauchst können wir das auch für Dich organisieren, sweetheart.“ Alma klingt überzeugend.

An einem der Straßenstände werde ich tatsächlich fündig und mir passiert auch nichts. Die Armut hier ist aber spür- und sichtbarer als in Mexiko. Obdachlose liegen auf dem harten Pflaster des Gehsteigs, kein Kissen, keine Decke. In regelmässigen Abständen kreuzen sie meinen Weg. Ein Mann ruft mir verzweifelt zu: „Ich weiß nicht, wo ich schlafen soll heute Nacht, ich kann nirgendwo hin.“ Besoffene fallen an den Essensständen herum, ich entscheide mich für den Stand, der nicht von Ihnen angesteuert wird. Die Köchin kann sich für mich gar nicht genug beeilen, das Essen einzupacken. Schnell greife ich danach und bezahle. Mit dem Essen in der Tasche haste ich zurück in mein Hotel, genug Eindrücke für heute.


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