Gegenüber von der Insel…

Nie hätte ich mir vorstellen können, welches Drama jemanden erwartet, der mit kleinem Budget an den Bodensee ziehen möchte. Da ich seit 2019 neben dem Beruf Kulturwissenschaften mit dem Hauptfach Geschichte studiere und nun bald die Entscheidung zum Master ansteht, hatte ich mich bei der Studienberatung in Konstanz über Geschichtswissenschaft informiert. Der Schwerpunkt Wissensgeschichte hatte mir sofort zugesagt, weil es hierbei um den Transfer und Transformation von Wissen zwischen verschiedenen Kulturen geht. Nicht jede Universität bietet diesen Bereich an. Dabei sind natürlich die Kolonialmächte wie z.B. Spanien ein Thema und ich bin Fan von Außereuropa, dem Forscher und Wissenschaftler Alexander von Humboldt, ebenso von Mittel- und Südamerika. „Hier eine Wohnung zu finden ist schwierig“ gibt mir die nette Dame der Universität mit auf den Weg, „aber wenn Sie noch ein Jahr bis zur Bachelorarbeit haben, finden Sie bestimmt was. Schneller geht das wahrscheinlich nicht“. Wenig später sitze ich daher mit ihren Tipps zur Zimmersuche vor dem PC. Durch mein begrenztes Gehalt, da ich durch das Studium nur noch in Teilzeit arbeiten kann, nehme ich mir zunächst die WG-Zimmer vor. Mehr als ein Zimmer werde ich für mein Geld kaum finden. Ich weiß schon jetzt, das könnte problematisch werden. Seit ich neben dem Job studiere, putze ich nur noch in den Semesterferien, zu mehr reicht die Zeit nicht. Im Rest des Jahres ist es einfach oberflächlich sauber. Klingt schlimm, geht aber ganz gut. Mich an einen von Anderen aufgestellten Putzplan zu halten, kommt mir daher völlig unmöglich vor.

In einer WG ist auch meistens jemand mit in der Wohnung und ich mache nach der Arbeit gerne mal die Türen zu und sperre die restliche Welt aus. Ich erspähe ein potenzielles Angebot. „Mit meinem neuen Mitbewohner bzw. -bewohnerin möchte ich Abenteuer und meine Liebe zu Jesus Christus teilen“ lese ich. Ich schüttele den Kopf. In dieser Anzeige finde ich mich nicht wieder. Nee! Hoffentlich muss ich letztlich nicht auf eine solche Möglichkeit zurückgreifen. Entgeistert stütze ich das Gesicht in beide Hände. Wenig später habe ich eine Online-Besichtigung über WhatsApp. Das Zimmer gefällt mir, es hat einen schönen Balkon und wirkt sehr hell. „Du kannst das Zimmer gerne haben“ erklärt mir der Hauptmieter anschließend, „allerdings hast Du lediglich zwei Monate, um Dir etwas Neues zu suchen, wenn meine Familie eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt und dann hier einzieht. Neben meiner Frau und meinen drei Kindern ist dann leider kein Platz“. Ich lehne ab. In Konstanz und Umgebung schnell ein Zimmer zu finden scheint mir unmöglich. Später stolpere ich über eine Dachgeschosswohnung und ein Apartment im UG in Reichenau, beide liegen noch in meiner Preisklasse. Zum Glück kann ich die zwei Zimmer an einem Tag besichtigen und muss so nicht mehrmals von Karlsruhe an den Bodensee fahren.

Im Dachgeschoss kann ich fast nicht gerade stehen. Eine meiner guten Freundinnen ist nur etwa 1,60m, für sie würde das hier passen. „Wir haben auch eine Katze, die im Haus unterwegs ist“, sagt die Wohnungseigentümerin. „Das stört Sie ja hoffentlich nicht.“ Doch tut es! Ich bin absolut allergisch auf Katzen. Das stand natürlich nicht in der Anzeige. Ich bedanke mich für den Rundgang, verabschiede mich höflich und steige wieder ins Auto. Viel Vertrauen in die noch ausstehende Souterrainwohnung habe ich nicht. Womöglich ein Kellerloch mit winzigen schmalen Fensterschlitzen durch die kaum Licht hereinfällt. In der Anzeige waren auch keine Bilder inseriert. Ich werde absolut überrascht. Das zierliche Zimmer ist unerwartet hell, da das Fenster völlig über dem Erdboden liegt. Das Apartment im Zwischengeschoss ist winzig, aber ich hätte dieses komplett für mich allein. Zur erschwinglichen Wohnung gehören eine kleine Küche und ein überschaubares Bad mit Dusche. Ich sage am darauf folgenden Montag unmittelbar zu, mein neuer Vermieter zum Glück ebenso. 4 Wochen später ziehe ich ein. Ich wohne direkt an die Brücke, die zur Insel Reichenau führt. Ein paar Tage später fällt mir erstmals auf, welch großer Unterschied sich hier zum Leben direkt in der Innenstadt auftut. Die Umgebung ist natürlich total idyllisch, es gibt viel Natur. Das war es aber auch. Während in der Innenstadt von Karlsruhe bis 24 Uhr eingekauft werden kann, haben die Läden in der Umgebung nur bis 20 Uhr auf. In der Großstadt ging ich aus der Tür und war umringt von allem, was ich brauche, Cafés, Restaurants, evtl. Kino und noch so viel mehr. Leben!

Während dort alles in Laufweite lag, steige ich nun für jede Aktivität ins Auto, stets auf der Suche nach einem Parkplatz. Es gibt auch keinen Lieferservice oder der Mindestbestellwert ist derart hoch, dass ich diesen allein nicht schaffe. Ich vermisse inzwischen die Annehmlichkeiten der Stadt. Natürlich ist das Jammern auf hohem Niveau, aber der Kontrast zu Karlsruhe ist einfach ein Schock, den ich mir natürlich selbst zuzuschreiben habe. Es gibt selbstverständlich neben der wunderschönen Umgebung viele gute Dinge. Meine Vermieter sind sehr nett und haben mir geholfen, mein Bett und meinen Schreibtisch aufzubauen, da ich hier ja noch niemanden kenne. Ich schlafe durch die Ruhe und Stille wie ein Baby. Aber ich fühle mich einsam. Die Bahn fährt ab einer gewissen Uhrzeit nicht mehr und zum nächsten Bahnhof laufe ich 20 Minuten. Durch Facebook habe ich bereits einige neue und sehr liebe Kontakte gefunden, die allerdings alle direkt in Konstanz wohnen. Natürlich gibt es viel schlechtere Orte zum Studieren, aber ich vermisse das Leben und den Puls der Menschenmenge. Mein Fazit ist klar: Ich brauche dringend ein Fahrrad, das macht die Mobilität hier etwas leichter. So gut wie jeder ist am Bodensee mit einem Drahtesel unterwegs. Das macht durch die hübsche Szenerie rund um das Wasser auch richtig Spaß. Eine Wohnung direkt im Städtchen von Konstanz möchte ich weiter suchen, weil es dort einfach belebter ist, trotz lediglich 85.000 Einwohnern. Allerdings muss der Preis für eine neue Wohnung im Budget liegen. Und schon wieder umziehen erscheint mir Energieverschwendung. Vielleicht im Herbst und ich genieße hier gegenüber der Insel noch den Sommer? Mal sehen…


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