Glück Auf! bei der Grubenfahrt

Schrill schreit die Glocke, um zu warnen, dass unsere Grubenbahn gleich unter der Erde verschwinden wird. Die Räder rollen ungleichmäßig über die Schienen. Ein metallisches Geräusch begleitet unsere Fahrt. Wir sitzen im gleichen Gefährt wie die Bergleute früher. Kontinuierlich stürzt unser Wagen in den Berg hinein. Dunkel ist es. Kühl und frostig. Ich ziehe die Jacke enger um die Schultern und reibe die kalten Hände. Unruhig schwanke ich während der holprigen Reise hin und her. Klamm sind die Fingerspitzen und steif. Das ganze Jahr ist es hier unten lediglich acht bis zehn Grad, im Sommer wie im Winter. Die Jahreszeiten haben hier keine Macht, genauso wenig wie Tag oder Nacht. Von den Holzverkleidungen im Stollen tropft das Wasser. Immer an die gleichen Stellen. Dicke, weite Pfützen breiten sich auf dem unebenen Boden aus. Mit steter, gleichmäßiger Hartnäckigkeit schlagen die Tropfen Löcher in den Boden und die Gleise. Das hier ist ein ganz anderer Ort als die Welt über Tage. „Wie war denn die Fahrt?“ tönt mir eine fröhliche Stimme entgegen. Unsere Museumsführerin steigt aus und winkt uns den düsteren Gang entlang über die aus dem Boden ragende Fahrbahn. Hart und anstrengend war die Arbeit und der Alltag der Bergmänner. Ohne Licht. Der Rammelsberg bei Goslar war eine der bedeutendsten Buntmetalllagerstätten Europas. Tausend Jahre wurde hier ununterbrochen Erz abgebaut, also schon im 10. Jahrhundert. Kupfer-, Blei- und Zinnvorkommen waren für hunderte von Jahren der größte Schatz, den das Städtchen im Harz zu bieten hatte. Vor der Fahrt waren alle Touristen mit einem Helm ausgestattet worden. Anders als die Bergarbeiter hatten wir uns vor der Führung nicht komplett umgezogen. Damals waren die Arbeitsklamotten vor der Schicht von der Decke in der Umkleidehalle herab gelassen worden und später für die folgenden Arbeiter wieder dort aufgehängt worden.

Nass und glitschig ist der Boden, über den ich vorsichtig spaziere. Rutschig und dreckig. Außerdem passt mir der Helm leider nicht richtig. Vor dem Aufzug, der die Bergleute vor langer Zeit tiefer in den Schacht gebracht hat, bleiben wir stehen. Der Fahrstuhl funktioniert noch. Ich mustere die verrostete, bräunliche Fassade. Permanent und ständig rinnen dicke Tropfen am Seilfahrtkorb herab. Das Sickerwasser bahnt sich durch das gesamte Bergwerk seinen Weg. Die Mitarbeiterin des Museums deutet auf die Kabine des Fahrstuhls „Dort geht es 496 Meter hinunter. Mit diesem Aufzug konnte der Maschinist die Bergleute damals zur Arbeit im Berg hinab fahren.“ Durch einen schmaleren Gang folgen wir weiter den sichtbaren Schienen der Grubenbahn auf dem Boden. Unsere Bergwerksführerin demonstriert uns die Lautstärke der Maschinen am Pressluftbohrer, mit dem das Gestein bearbeitet wurde. Ein ohrenbetäubender Lärm beginnt. Ein sonores Pochen ergießt sich über unsere Ohren und verschluckt sämtliche Äußerungen. „Das Rosa da ist der Sprengstoff“, schreit unser Tourguide gegen den undurchdringlichen Krawall. Die dumpfen Schläge ertönen so lange, bis der knatternde Motor des Geräts endlich wieder ausgeschaltet wird. Die Maschinen, die ich unter Tage sehen kann, sind aus dem 20. Jahrhundert und erleichterten die Arbeit der Bergleute im Gegensatz zur früheren Situation immens. So z. B. die ausladenden, schweren Grubenwägen, in denen gebohrte Steine verladen und abtransportiert wurden. Der letzte Förderwagen fuhr im Juni 1988. Da die Fördermenge zu gering war, wurde das Bergwerk geschlossen und fungiert seither als Museum.

Natürlich gibt es in dieser dunklen Welt auch einen Bergwerksgeist. Wo die Sonne nie scheint, gehen die Gespenster gerne um. Der „Schwarze Abt“, der Bergleute beschützte – oder auch manchmal in den Schacht stieß. Goethe soll durch die Stollen inspiriert worden sein zu seinen Höllenszenen im „Faust“. Der Dichter hatte den Rammelsberg dreimal besucht. Unter der Erdoberfläche konnten den Bergleuten auch schon mal ganz andere Wesen über den Weg laufen. Alleine begegneten diese Kälte, Feuchtigkeit und ständig tropfte es irgendwo. Für die vielen Geräusche, die auf einen einwirken, ist die Ursache im Dunkeln schwer auszumachen. Und dann bewegt man sich zumeist in gebückter Haltung, nur mit einem kleinen Licht. Nicht mehr als würde ich heute ein Feuerzeug, ein Streichholz oder eine Kerze hier entzünden. Im unruhigen Flackern würde ich mir alles Mögliche einbilden und mich vermutlich durch die Düsternis bedroht fühlen. Riesige, gefährliche Schattenbilder würden entstehen. Unsicher blicke ich über die Schulter. War diese Bewegung nur ein Schattengebilde oder doch ein Geist? Der „Schwarze Abt“ wurde im Rammelsberg zusätzlich „Bergmönch“ genannt. Ist er wohl noch da? Hoffentlich hat er sich mit den Bergleuten verabschiedet. Mir ist ganz kalt. Ich blicke in die einsamen Gänge. Seit fast 30 Jahren wird hier nichts mehr abgebaut. Von dem Betrieb über 1.000 Jahre hinweg ist nichts mehr zu spüren. Viele Millionen Tonnen Erz wurden an diesem Ort in einem Jahrtausend gefördert, trotz des Schwarzen Abtes. Oder womöglich auch durch seine Hilfe?

Ich weiß ja, Berggeister tun Gutes und Böses. Und wenn man sich in seinem normalen Leben gut geführt hat, hat man eigentlich nichts zu befürchten. Dann hilft der Geist immer. Wenn man das Gegenteil war, kann es durchaus passieren, dass man in den Schacht gestoßen wird und dies nicht überlebt. So ist das eben. Ich zucke in der Kälte die Schultern. Meine Glieder sind frostig und steif. Natürlich konnte gegen die Geister damals auch gebetet werden. Laut Priestern und Pastoren sollte dies die dunklen Gestalten vertreiben. Gegen den unchristlichen Schwarzen Abt halfen also eventuell christliche Gebete. Oder auch unchristliche, womöglich sogar banale Glücksbringer. Ich schüttle leicht den Kopf. Glück konnten die Bergleute jederzeit unter Tage gebrauchen, da bin ich sicher. Wenn die Flammen erloschen, schufteten die Kumpel bei bis zu 60 Grad und in permanentem Schwefelgeruch. Trotz Teufeln und Geistern war das Bergwerk ja bis 1988 in Betrieb und schloss auch erst als alle Erze abgebaut waren. Wenige hundert Meter entfernt steht die alte Kirche der Bergleute. Hier baten sie Gott um Hilfe gegen die Tücken der Tiefe und die Gespenster der Grube. Für die Teilnahme am Gottesdienst wurden die Arbeiter bezahlt, ihr Glaube war also nicht extrem stark. Dafür mussten sie schließlich früher aufstehen und in eine sehr kalte, im Winter wohl auch undichte, zugige, nasse Kapelle ohne Licht gehen, die sich am Stadtrand befunden hat. Zudem dauerte die Kirche ja eine Stunde und war verlorene Zeit. Wenn einen über Tage also nicht der Priester erwischte, dann unter Tage vielleicht der Schwarze Abt.


2 Gedanken zu “Glück Auf! bei der Grubenfahrt

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