Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen

Am 22. Juni 1941 überfielen die Nazis die Sowjetunion. Geplant war die Zerschlagung des Staates und dessen wirtschaftliche Ausbeutung. Juden sollten ermordet, der Rest der Bevölkerung in Arbeitslager gebracht oder dem Hungertod ausgeliefert werden. Obwohl das Genfer Abkommen die Behandlung von Kriegsgefangenen regelte, scherten sich die Nationalsozialisten nicht darum. Der allgemein herrschende Arbeitskräftemangel sollte auf einfache Weise ausgeglichen werden. Die Festgenommenen konnten nach der Genfer Regelung auch zum Arbeiten eingesetzt werden, mussten aber einen angemessenen Lohn dafür bekommen. Die Nazis zahlten den Kriegsgefangenen wenn überhaupt eine äußerst minimale Entschädigung. Die sowjetischen Soldaten wurden von ihnen als Monster dargestellt, für die diese Regelungen nicht gelten sollten. Bereits in den ersten Kriegsmonaten nahmen die deutschen Truppen mehr als 2 Millionen Gefangene, von denen 500.000 im Sommer und Herbst 1941 in Arbeitslager transportiert wurden. Nach langen, anstrengenden Fußmärschen und Fahrten in überfüllten Eisenbahnen trafen diese in den Lagern ein. Eines davon war Bergen-Belsen. Hier gab es bereits seit 1935 im Zuge der Kriegsvorbereitungen den Truppenübungsplatz Bergen. Tausende Arbeiter errichten hier Kasernenkomplexe. Deren Baracken dienten später als Unterkünfte für die Gefangenen. Bis zum November 1941 befanden sich im Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen fast 14.000 sowjetische Soldaten in Gefangenschaft, ein „Russenlager“. Für die Unterbringung, Versorgung und Bewachung war die Wehrmacht verantwortlich. Etwa 90 Prozent der Gefangenen befanden sich fortwährend in Arbeitsaufgaben. In den Arbeitskommandos führten Unterernährung, schlechte Unterbringung und harte Arbeit bis zur Erschöpfung zu fatalen Bedingungen. Krankheiten und Seuchen griffen durch die schlechte Hygiene um sich. Die Lazarette in Bergen-Belsen konnten nicht alle Gefangenen aufnehmen, der Großteil erhielt keine medizinische Versorgung.

Ich habe das Glück im Rahmen meines Studiums einen Praktikumsplatz bei der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten zu ergattern. In Coronazeiten ist dies nicht immer möglich. Neben dem ehemaligen Nazi-Gefängnis in Wolfenbüttel, das meine unmittelbare Wirkstätte darstellt, gehört auch die Gedenkstätte Bergen-Belsen zur Gruppe dazu. Ein Besuch dort bringt mir die Arbeit und Forschung der Mitarbeiter näher. Lediglich das KZ Bergen-Belsen kannte ich. Dass dieser Ort vorher ein Kriegsgefangenenlager und später ein DC-Camp (Displaced Persons) war, ist mir nicht bewusst. Ich lerne während meiner Zeit vor Ort sehr viel. Zur Bewachung der Kriegsgefangenen wurden in Bergen-Belsen Soldaten eingesetzt, die entweder zu alt oder zu gebrechlich für die Front waren. Die Kommandeure waren weit über 60 und hatten oft im ersten Weltkrieg bereits gedient. Ihre Behandlung der Gefangenen fand ohne Rücksicht auf das geltende Völkerrecht statt. Nach der Ankunft unterzog man Neuankömmlinge einer Aufnahmeprozedur. Kleidung und Habseligkeiten wurden kontrolliert, kurz ärztlich untersucht, geimpft und der neue Gefangene registriert. Jeder erhielt eine Erkennungsmarke, die er ständig um den Hals tragen musste. Zusätzlich wurde eine Personalkarte ausgestellt, in die Verlegungen in andere Lager, Teilnahme an Arbeitskommandos, Lazarettaufenthalte, sowie Strafen eingetragen wurden. Die Gefangenen hatten keine Kleidung zum Wechseln und kaum Gelegenheit zur Körperhygiene. Die Toiletten innerhalb des Lagers bestanden aus offenen Gräben ohne Abfluss. Unter diesen katastrophalen Bedingungen breiteten sich Seuchen schnell aus. Viele Gefangene erkrankten kurz nach ihrer Ankunft bereits an der Ruhr oder gefährlichen Darminfektionen. Das von Kleiderläusen übertragene Fleckfieber war am meisten gefürchtet. Zur vorbeugenden Bekämpfung der Krankheitserreger wurde die „Entlausung“ eingeführt. Dabei mussten sich die Gefangenen so gründlich wie möglich waschen, während deren Kleidung gleichzeitig mit Heißluft desinfiziert wurde. Medikamente standen niemals in ausreichender Menge zur Verfügung. Zudem reichten die von der Wehrmacht festgesetzten Essensrationen kaum zum Überleben aus. Die Verpflegung bestand im Wesentlichen aus Brot und Rübensuppen. Vom Hunger gequält befanden sich die Gefangenen daher stets auf der Suche nach etwas Essbarem.

Die Kriegsgefangenen wurden möglichst in entlegenen Gebieten zur Arbeit eingesetzt, um Kontakte mit der Bevölkerung zu vermeiden. Zumal sich die Krankheiten der Gefangenen nicht in der deutschen Bevölkerung ausbreiten sollten. Im Sommer 1941 bestand das Lager Bergen-Belsen lediglich aus ein paar Wachtürmen, den Baracken für die Lagerverwaltung und einer mit Stacheldraht umzäunten Fläche. Den Zäunen durften sich die sowjetischen Soldaten nicht nähern. Bewaffnete Wachen mit Hunden patrouillierten Tag und Nacht. Für die vielen Gefangenen gab es keine Unterkünfte und so verbrachten diese die meiste Zeit im Freien. Zum Schutz vor der Witterung bauten sie sich Erdhöhlen oder einen Verschlag aus alten Brettern. In solchen Unterkünften mussten sie den Winter verbringen. Etliche Gefangene starben beim Einsturz der zerbrechlichen Konstrukte. Aufgrund der mangelhaften Ernährung waren die Soldaten bereits nach kurzer Zeit erschöpft. Im November und Dezember 1941 brach zusätzlich das Fleckfieber im ganzen Lager aus. Bergen-Belsen blieb drei Monate unter Quarantäne. Ab August 1941 nahmen Gestapo-Beamte Selektionen vor. Vor allem Juden und kommunistische Funktionäre wurden ausgesondert. Diese transportierte man zunächst in das KZ Neuengamme, ab September nach Sachsenhausen. Dort wurden sie erschossen. Allein in Sachsenhausen wurden in wenigen Monaten etwa 13.000 Menschen umgebracht. Insgesamt fielen mindestens 40.000 sowjetische Kriegsgefangene diesem Mordprogramm zum Opfer, der Großteil im Herbst 1941. Aufgrund der schlechten Unterkunft und den vielen Krankheiten starben im darauf folgenden Winter 1942 in Bergen-Belsen 14.000 Menschen, dies umfasste nahezu das gesamte Lager. Auf den Lagerfriedhöfen wurden die Toten zuerst in Reihengräbern beerdigt. Ursprünglich war der Gottesacker lediglich für 1.000 Gräber vorgesehen. Durch das zunehmende Massensterben musste auf Massengräber ausgewichen werden. Kriegsgefangene beerdigten die anderen Soldaten unter Aufsicht der Wehrmacht. Da diese so entkräftet waren, konnten sie den Weg nur mit mehreren Pausen erledigen. Die Toten wurden ohne Zeremonie bestattet. Wachleute fotografierten diese Szenerie zur Dokumentation.

„In letzter Zeit finden sich immer mehr solche Fotostrecken.“ erklärt mir ein Mitarbeiter des Archivs. „Die Fotos befinden sich jahrelang auf einem Dachboden, dann sterben diejenigen, die alles mitbekommen haben und wir bekommen von den Nachkommen die Fotos zugesandt.“ Hunderte Aufnahmen sind überliefert, viele davon Amateurbilder, die mit einfachen Kameras der Wachmannschaften aufgenommen wurden und das Geschehen aus deren Perspektive wiedergeben. Das Fotografieren für private Zwecke war zwar nicht erlaubt, wurde aber vom Lagerkommandanten geduldet. Gelegentlich wurden die Abbildungen mit rassistischen oder sarkastischen Kommentaren versehen. Die sowjetischen Gefangenen sollten von der Bevölkerung möglichst fern gehalten werden. Es ließ sich jedoch nicht vermeiden, dass Menschen, die in der Nähe des Lagers wohnten, zu Augenzeugen wurden. Diese berichteten ihre Beobachtungen im Bekannten- und Verwandtenkreis. Die Zustände in den Lagern sprachen sich schnell herum. Aus Neugier und Sensationslust unternahmen viele Deutsche am Wochenende Ausflüge, um sich die sowjetischen „Untermenschen“ anzusehen, wie die Nazipropaganda die Gefangenen nannte. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Vereinzelt gab es von der Bevölkerung auch Kritik an der Behandlung der sowjetischen Soldaten und Essen wurde über den Zaun geworfen. Nach der Befreiung brannten die Briten alle Holzbaracken der Häftlinge wegen der Seuchengefahr nieder. Die Gefahr von ausbrechenden Krankheiten war einfach zu groß. Heute befinden sich hier noch die Massengräber, alle von Gras überwachsen. Friedlich, aber auch traurig wirkt das Gelände auf mich. Kaum vorstellbar, dass hier so viele Menschen umgekommen sind.


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