Bild am Wasserfall

Auf den Anhöhen des Simonswälder Tals liegt noch Schnee. Verkrampft sitze ich hinter dem Lenkrad meines kleinen Autos, während es sich die Serpentinenstraßen hinauf kämpft. Wenn jemand mich jetzt hochheben würde, befände ich mich wahrscheinlich immer noch in sitzender Position. Derart starr ist mein Körper. Fest schließen sich meine Finger um das Lenkrad. Steil neigt sich der Abhang zu meiner Linken hinunter ins Tal. Abrupt schnellt ein anderes Fahrzeug um die nächste Biegung, die ich aus den Augenwinkeln erhasche. Ich bremse ab und rolle langsam auf den weichen Schnee am Wegesrand. Die Frau im Wagen bedankt sich kurz und braust davon. Im Schneckentempo tuckere ich weiter. Natürlich hätte ich mir denken können, dass der Tau in dieser Höhe noch nicht eingesetzt hat. Aber in den Sinn kam mir dies nicht. Ich erreiche den Parkplatz unterhalb der Zweribach-Wasserfälle und steige aus. Meine Schuhsohlen sinken in den unberührten Schnee. Schnell werden die Socken nass. Ich stapfe weiter. Der Schnee verwandelt den Schwarzwald und die dunklen Tannen in ein Märchenland. Ich fühle mich wie in einer Erzählung der Gebrüder Grimm. Zart wie Puderzucker liegt das glänzende Weiß auf den grünen Zweigen oder auf den Felsen, darunter schimmert das weiche, hellgrüne Moos.

Dennoch sind die Wege matschig und nass. Blätter schwimmen in den Pfützen auf den sandigen Wegen. Zierliche Kiesel ragen spitz aus der Erde. Kleine Zweige sind über den schmalen Pfad verstreut. Ich schnaufe, der Weg ist beschwerlich. Dann rutschen meine Füße weg. Ich rudere mit den Armen. Unsanft lande ich im feuchten Schnee. Ich schüttle die Eiskristalle von meinem Ärmel. Jetzt sind die Socken endgültig durchnässt. In naher Ferne höre ich die Wasserfälle klangvoll die Felsen hinab rauschen und letztlich den Waldboden tränken. Ein Stück über mir donnert das Wasser eine steinerne Wand herunter. Doch zunächst gilt es noch ein Hindernis zu überbrücken. Mitten auf dem Waldweg türmt sich vor mir ein riesiger Felsbrocken. Ich versuche über diesen zu klettern, aber er ist ebenso breit wie groß. Schließlich zapple ich breitbeinig wie ein Käfer auf dem Gesteinsblock, ein Bein zu jeder Seite. Der eisige Schnee durchdringt rasch den Hosenboden meiner Jeans. Endlich kann ich mich hinüberschieben und einige meiner Zehen berühren den Boden. Sogleich senkt sich die Spitze meines Schuhs in die Pfütze, die sich unter dem Felsblock gebildet hat. Mit einem lauten Platsch berühren beide Füße wieder den Boden. ‚Schöner Mist‘, sage ich laut. Aber wenn ich jetzt schon mal da bin, schaue ich mir die Kaskaden natürlich an.

Nach einer kurzen Kletterpartie über schneebedeckte Gesteinsformationen erreiche ich den Zweribachfall. Immer ein Stückchen weiter rutsche ich über die Felsen heran zum Wasserfall. Eigentlich stehe ich Todesängste aus. Lange durchsichtige Eiszapfen hängen an der Gesteinswand, über die das Wasser herabrauscht. Hose nass, Socken nass, alles nass. Die Hände sind bedeckt von Moosresten und kleinen Kieseln vom Klettern über die Steine. Mit ein wenig Schnee reibe ich meine Finger sauber. Auf dem Rückweg zum Auto begegne ich einem Vater mit seinem Sohn. Durch Ihre Wanderstöcke haben diese einen viel sichern Halt, als mir meine einfachen Turnschuhe geben. ‚Soll ich ein Foto von Ihnen vor dem Wasserfall machen?‘ fragt der Wanderer freundlich. ‚Dankeschön‘ ich schüttle den Kopf. ‚Mir reicht das wirklich so.‘ Er lacht und nickt mir freundlich zu. ‚Man ist ja sonst nie selbst drauf, daher frage ich.‘ Mir reicht es wirklich. Um keinen Preis würde ich wieder umdrehen. Die vielen Gesteinsbrocken, der Schnee, das Eis, die zierlichen Zweige und das feuchte Moos. Ich werde sicher nicht noch einmal die Kletterpartie über die schneebedeckte Winterwelt wagen. Durch Matsch, Pampe und geschmolzenen Schnee laufe ich zurück. Aber ich wollte es ja mal wieder wissen.


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