Meine Busfahrt im Überseehafen…

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Kein Bus kommt in Sicht. Ungeduldig trete ich von einem Fuß auf den anderen. Ein eisiger Wind pfeift mir im Hafen von Bremen um die Ohren. Die modernen neuen Häuser bieten kaum Schutz. Es scheint, als würden die frostigen Böen von den glatten Hausfassaden einfach abprallen. In den Loftbüros mit den großen Fensterfassaden sitzen Mitarbeiter am PC. Alle sind konzentriert in die Arbeit vertieft. Wahrscheinlich ist es dort auch viel wärmer. Ich schlinge beide Arme um meinen Oberkörper und reibe hektisch die Seiten meiner Oberarme mit den Händen. Endlich biegt der Bus gemächlich um die Ecke. Die Bustüren öffnen sich langsam. Penetrant halte ich dem Fahrer mein Tagesticket vors Gesicht. Er würdigt den kleinen Papierschnipsel keines Blickes. Immer noch zitternd schiebe ich mich still auf einen Platz im Fahrzeug und ziehe meinen Rucksack vom Rücken. Der Mann hinter dem Lenkrad schaut kurz zurück. ‚Den Fahrschein müssen sie lediglich ab 20 Uhr bis 3 Uhr morgens vorzeigen. Nennt sich Vertrauensvorschuss.‘ Er grinst und ich murmle ein Aha. ‚Gut zu wissen, oder?‘ sagt er dann lächelnd und betont sogleich. ‚Zum Glück fahre ich diese nächtlichen Schichten nicht mehr. Was da für Gestalten mitfahren!‘ er schüttelt energisch den Kopf. ‚Allesamt besoffen. Das ist die letzten Jahre in Bremen total angestiegen.‘

Neugierig schiele ich hinter dem Polstersitz hervor. ‚Ist echt ein interessantes neues Wohngebiet im Hafen.‘ beginne ich eine Unterhaltung. Mit einer ausladenden Handbewegung schließe ich die gesamte Umgebung ein. Der Mann winkt resigniert ab. ‚Finden Sie als Besucher die Überseestadt schön?‘ fragt er mich dann. Ich bin wohl gleich als Touristin eingestuft worden. ‚Das ist mal was anderes, obwohl alles sehr steril wirkt.‘ sage  ich dann und überlege kurz. ‚Aber schön, nein, das nun nicht wirklich.‘ Der Fahrer mustert mich kurz, als würde er überprüfen, ob ich die Wahrheit sage. Dann legt er mir seine persönliche Meinung dar. ‚Häuser kann man das ja nicht nennen, das sind doch langweilige Blöcke. Die haben ja auch alle kein richtiges Dach.‘ Ich zucke die Schultern. ‚Es sind eben sehr moderne Gebäude.‘ Der Mann ereifert sich. ‚Und dann auch noch das Preis-Leistung-Verhältnis der neuen Wohnungen, das ist völlig überzogen.‘ Ich stutze. Im Informationszentrum zum Überseehafen wurde doch gezeigt, dass hier auch erschwingliche Bleiben entstehen sollen. ‚Gibt es denn gar keinen günstigen Wohnraum?‘ will ich überrascht wissen.

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Der Busfahrer legt nachdenklich den Kopf schief. ‚Naja, jedes Wohngebiet muss ja einen bestimmten Prozentsatz an Sozialwohnungen haben, aber das war es dann auch schon.‘ Entrüstung klingt in seiner Stimme. ‚Die meisten Wohnungen haben für mich total utopische Preise. Wenn ich da an die Ausführungen meines Arbeitskollegen denke. Seine Eltern haben ein bisschen Geld und sich hier ein Apartement mit 100m² gekauft. Dieses hat 400.000 Euro gekostet. Da kriege ich in anderen Gegenden zweieinhalb Häuser dafür. Neidisch auf die bin ich aber beim besten Willen nicht. Ich möchte da auf keinen Fall wohnen. Das ist natürlich alles Geschmacksache. Wenn jemand das hier schön findet und es sich leisten kann, soll dieser gerne herziehen.‘ Dieses Thema kenne ich aus Karlsruhe. ‚Das ist bei uns auch so.‘ erwidere ich. ‚Diese ganzen Neubauten sind hoffnungslos überteuert. Da kann man sich wirklich gar nichts leisten.‘ Der Busfahrer nickt stumm. ‚Meine Freundin und ich ziehen jetzt zusammen.‘ führt er aus. ‚Sie zahlt für ihre 70m² derzeit 610,00 Euro warm. Das ist doch mal ein Unterschied! Jetzt hat der Vermieter die Kosten für den nächsten Bewohner gleich um 50 Euro erhöht. Ein Drittel des Gehaltes sollten die Mietausgaben ja nicht übersteigen. Da kann ja jeder einmal ausrechnen, was er derzeit verdienen muss. In manchen Berufen sind 700,00 Euro bereits die Hälfte des Monatsverdienstes. Am besten man zieht aufs Land, da kann man ein Haus schon für 40.000 Euro kaufen. Aber da will dann keiner hin.‘

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‚Ich frage mich ehrlich, wie Menschen mit geringem Lohn das machen, wenn diese noch eine Familie versorgen müssen. Das kann doch gar nicht funktionieren.‘ stimme ich zu. Der Busfahrer hebt in seiner Überzeugung beide Hände. ‚Da muss man dann eben auf irgendetwas wieder verzichten. Mein Vater hatte unsere Familie damals alleine versorgt. Das würde mit einem normalen Gehalt heute niemals mehr gehen. Mit Arbeit ist es in Bremen auch schwierig. Früher hatte die Stadt viel mehr Geld.‘ sagt er dann missmutig. Ich bremse seinen Redefluss. ‚Hat es denn auch etwas mit der Verlegung des Hafens nach Bremerhaven zu tun, das die Stadt viel weniger Geld eingenommen hat?‘ komme ich wieder auf das Thema Hafen zurück. ‚Eigentlich ging es Bremen doch früher gut, oder?‘ ‚Bremen hatte bereits Anfang des 19. Jhd. das Problem, dass die Weser immer höher versandete.‘ nachdenklich fasst der Busfahrer sich kurz ans Kinn. ‚Die Schlachte, der alte Hafen, konnte von den Schiffen eigentlich gar nicht mehr richtig erreicht werden. Aus diesem Grund hatte man die Idee, die Weser zu vertiefen, um der Stadt einen neuen Anschluss an den Hafen zu geben. Der Freihafen wurde 1888 fertiggestellt. Zu seiner Eröffnung kam sogar der Deutsche Kaiser in die Stadt. Man konnte nun Schiffe mit bis zu 5 m Tiefgang empfangen.

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Bremen hatte einen hervorragenden Gleisanschluss bis an die Kaimauer, die Warenlager und die Speicher. Man nannte dies das Bremer System. Von der Bahn konnte man Güter direkt in den Schuppen lagern, das war für die damalige Zeit hochmodern. Meistens waren dies Tabak, Jute, Tee oder Baumwolle. Vor dem 2. Weltkrieg war Wohnen und Gewerbe im Hafengebiet überaus eng verbunden. Bis zum Zollzaun streckten sich damals die Häuser. Man könnte sagen, mit der jetzigen Überseestadt knüpft man heute an die alten Bedingungen an. Nach dem Krieg durfte das Areal allerdings nicht mehr aufgebaut werden. Es entstand ein sehr großes Gewerbegebiet. Zu dieser Zeit ahnte man noch nicht, dass bald Containerschiffe Waren transportieren würden. 1966 landete in Bremerhaven das erste. Dadurch musste man damals das gesamte Gebiet umstrukturieren. Vor allem den Europahafen, dieser war zu lang und schmal für die neuartigen riesigen Schiffe. So kam es dann in den 80er Jahren dazu, dass immer mehr Schwergut verladen wurde. Bremen hatte eigentlich einen sehr guten Stückgutumschlag. Alles, was nicht in den Container passte, wurde weiter als Einzelgut transportiert. Das waren z.B. Autos, Lastwagen oder Züge, also sehr schwere Ware. Die Verlagerung des Hauptumschlagorts nach Bremerhaven hatten zur Folge, dass der Hafenbetrieb in Bremen zum Erliegen kam. Da gingen dann auch Arbeitsplätze verloren und die Leute standen auf der Straße.

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Zum ersten großen Hafenarbeiterstreik kam es in Bremen bereits 1896. Die Leute waren ja hier schon immer ziemlich unbeständig beschäftigt und hatten dann auf einmal gar keine Arbeit mehr. Es gab schon immer ein stark schwankendes Arbeitsaufkommen, davon waren am meisten die Aushilfsarbeiter direkt betroffen. Sie bekamen dann keinen Lohn und hatten keine soziale Absicherung. Der Vergleich mit den Arbeits- und Lebensumständen der unbefristet Beschäftigten bedeutete daher ständige Konflikte. Ruhe kam erst durch den 1914 gegründeten Hafenarbeitsverein. Dieser vermittelte die Hafenarbeiter an die unterschiedlichen Unternehmen und hatten dadurch einen flexiblen Mitarbeiterstamm. Dann kam der 1. Weltkrieg und das Hafengeschäft reduzierte sich. Nach dem Krieg wechselten sich Kaufkraftverluste und Lohnerhöhung permanent ab. So ging die Inflation in den 20er Jahren dann weiter bis zur Weltwirtschaftskrise 1928. Da gab es richtig Unruhen in den Häfen wegen der schlechten Arbeitssituation. Bis zur Mittagszeit zahlte man die Hälfte des Schichtlohns bereits aus, da nach der Arbeit das verdiente Geld schon wieder wertlos war.

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Während des 2. Weltkriegs ersetzten Zwangsarbeiter die Hafenarbeiter, die zum Krieg eingezogen waren. Erst nach Kriegsende 1947 vereinbarte man einen Garantielohn, welcher auch in Zeiten von geringem Ladungsaufkommen ein Mindestgehalt sicherte. Da Bremen Nachschubhafen für die amerikanische Besatzung wurde, erholte sich das Hafengeschäft nach Ende des 2. Weltkriegs wieder schnell. Ab 1960 wurden 5 Schichten, später sogar 6, in der Woche garantiert und so die Existenzen der Hafenmitarbeiter und ihrer Familien gesichert. Bis heute regelt ein gemeinsamer Ausschuss die Personaleinsätze in Bremen und Bremerhaven. Leider wurden durch den technischen Fortschritt immer weniger Arbeiter für den Güterumschlag benötigt. Die Anforderungen verändern sich ja bis heute auch ständig. Ein Hafenmitarbeiter braucht inzwischen sogar Computerkenntnisse. Durch die neue Situation hat sich auch das Miteinander unter Kollegen verändert. Man arbeitet mit weniger Menschen zusammen und das auch nicht dauerhaft. Früher hatte man sich noch als Teil eines Teams gefühlt, einer ‚Gang‘. Das ist heute überhaupt nicht mehr so. Und die wechselnden Einsatzorte machen den Zusammenhalt auch schwer. Durch die Erfindung von Containern und immer größeren Stückzahlen hat sich die Hafenarbeit wie schon gesagt immer mehr in Richtung Bremerhaven verlagert. Man machte sich Gedanken, was man mit dem Brach liegenden Areal im Hafenbereich Bremens machen könnte. Und so entsteht nun die Überseestadt.‘ Interessiert hatte ich seinen Ausführungen gelauscht. Ich stehe auf. An der nächsten Haltestelle muss ich aussteigen. Da schmunzelt er. ‚Sie müssen wissen, mein Urgroßvater war Matrose. Er war 49 Mal verlobt in Übersee. Dazu hat er sich ebenso viele billige Ringe gekauft und diese an die Mädels in den jeweiligen Ländern gegeben. Die 50. hat er dann geheiratet und blieb hier in Bremen.‘ Kurz hebt er noch die Hand zum Abschied und die Bustüren schließen sich.

 


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