Weltreise auf dem 8. Längengrad

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Die junge Frau winkt die Museumsgäste in einen kleinen Raum. ‚So! Kommen Sie bitte alle hindurch. Dann kann die Weltreise auch schon losgehen.‘ Ich schlüpfe neugierig durch die Tür. Im Klimahaus in Bremerhaven kann man an einem Tag auf dem 8. Längengrad um die Welt reisen ohne Deutschland überhaupt zu verlassen. Alle Länder sind durch diesen Grad mit dieser Stadt verbunden. Auf diese Weise werde ich heute alle Klimazonen der Welt passieren, bis ich dann wieder zurück in Bremerhaven bin. Daher hat es in der Ausstellung abwechselnd immer zwischen 15 und 35 Grad Temperatur mit bis zu 80% Luftfeuchtigkeit. ‚Alle Schüler, die keine Lust auf unseren Einführungsfilm haben, gehen einfach hier vorbei.‘ Die Museumsmitarbeiterin deutet auf einen Durchgang zu meiner Rechten. Ich grinse. Tatsächlich huschen die meisten jungen Besucher desinteressiert an mir vorbei. Auf dem Bildschirm vor mir wird darum gebeten Respekt vor der Ausstellung und den Tieren zu haben. Das hatte ich mir natürlich auf jeden Fall auch gedacht. Ich folge ein paar Bahnschienen, die mich direkt in die Schweiz in den Kanton Uri bringen.

Auf der Bywaldalp leben Hedi und Werner. Mich empfängt das unstete Geläut von Kuhglocken.  Hier oben scheint die Welt stehen geblieben zu sein. Mit Ausblick auf grüne Wiesen und der schneebedeckten Spitze des 2.928 Meter hohen Uri-Rotstock wandere ich gemütlich durch die Ausstellung. Steil ragen Berge und Gletscher der Umgebung empor. Viele der Gegenstände, zum Beispiel die Kuhglocken, sind Schweizer Originale. Hedi und Werner geben Auskunft, wie es sich als Landwirte in der Schweiz lebt. Die schweizerischen Wiesen und Kräuter machen den unverwechselbaren Geschmack des Schweizer Käses aus, weswegen es sich reichlich lohnt die Kuhherde die Alm hinaufzutreiben. Ich probiere mich am Euter melken und stelle schnell fest: Die Bergidylle ist eine sehr fragile Schönheit und das Almleben ist überaus hart und arbeitsam. Immer häufiger donnern Steinlawinen zu Tal. Je weiter der Klimawandel fortschreitet, desto gefährlicher ist das Leben in dieser Region. Auch im Klimahaus hat sich der Gletscher als Folge der steigenden Temperaturen schon ein Stück zurückgezogen. Schon stürzt direkt vor mir eine Gerölllawine herab. Ich zucke zusammen, der Steinschlag kam furchtbar plötzlich. Noch kann die Schweizer Familie ihrer traditionellen Lebensweise nachgehen. Aber ob ihr Enkelsohn im Zuge des Klimawandels noch Vieh auf die Alm treiben wird, ist leider mehr als fraglich.

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Von den saftigen Wiesen der Schweizer Bergwelt stolpern meine Schuhe in warmen Wüstensand. Meine Füße sinken in den weichen Untergrund des Bodens. Im nigerianischen Kanak ist es drückend heiß. Ich fange an zu schwitzen. Bei 35 Grad Temperatur kann ich die Jacke nicht anbehalten. Ich befreie mich von meinem Mantel und lege diesen lose über meinen Arm. Wie schnell sich die Lebensbedingungen in diesem afrikanischen Land in den vergangenen Jahrzehnten geändert haben, wird bei den Erzählungen einer alten Tuareg-Frau deutlich. Sie berichtet mir von früher: ‚Als ich noch eine junge Frau war, war vieles anders. Ich sah Dinge, die ich jetzt nicht mehr sehe. Giraffen, Strauße, verschiedene Schildkröten, Antilopen, unterschiedliche Reharten. Zu dieser Zeit hatten wir viel Wasser, einen Fluss zwischen den Dünen. Manchmal regnete es eine ganze Woche lang, und dann wuchsen viele Pflanzen und Bäume. Viele Pflanzen! Nicht wie jetzt.‘ Durch den Klimawandel ist der Wasservorrat in der Saharazone empfindlich gestört. Eines der wichtigsten Themen für die Menschen hier ist Wasser. Ein Brunnen verdeutlicht, unter welchen Mühen die Tuareg ihr Wasser beschaffen müssen. Rund 70 Meter tief graben diese in den Wüstenboden, bevor sie auf das kostbare Nass stoßen. Noch kann Mariam, ein junges Tuareg-Mädchen, das Wasser für ihre Familie aus dem Brunnen holen. Aber wie lange wird ihr Volk überhaupt noch Wasser finden?

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Ein starkes Tropfen wird laut. In Massen strömt das Wasser durch die Flusslandschaft in Kamerun. Die Luftfeuchtigkeit nimmt stark zu. Es ist furchtbar schwül. Eine wackelige Hängebrücke bringt mich über das darunterliegende Sumpfgebiet. Unter meinen Schuhen tummeln sich farbenfrohe Fische. Gleich gegenüber faulenzen kleine Sumpfkrokodile am Ufer. Das grüne Gold Afrikas – so wird der Regenwald genannt, der sich über weite Teile dieses Landes erstreckt. Riesengroße, uralte Bäume säumen die feuchte Landschaft um mich. Es ist stockdunkel. Ich durchwandere in der Nacht den ältesten Urwald Afrikas mit dem einzigen Baumbestand, der alle Eiszeiten überlebt hat. Immer wieder höre ich in der Finsternis Tiergeräusche. Blitze zerreißen abrupt die Düsternis. Ich lausche dem Tröpfeln des Regens. Direkt hinter dem Labyrinth aus Wurzeln, Ästen und Zweigen liegt das kleine Dorf Ikenge. Die Brücke ist die einzige Verbindung zur anderen Seite des Flusses. In den Büschen werde ich dem Gerippe eines Geländewagens gewahr, den die Lianen schon völlig überwuchert haben. Ein Nilwaran sitzt auf dem Dach und schaut gelangweilt drein, während ich meinen Versuch über die Hängebrücke wage.

Auch hier im afrikanischen Dorf ist Wasser überaus wichtig. Kleine Kinder tanzen ausgelassen im Regen zum Klang der Dorftrommeln. Die Aufgaben im Dorf Ikenge sind strikt getrennt: Die Männer sind für die Jagd und die Sicherheit des Stammes verantwortlich. Die Frauen kümmern sich um die Kinder und die Angelegenheiten im Dorf. Chief Alexander ist hier Bürgermeister und hat bei allen Entscheidungen das letzte Wort. Gleichzeitig ist er auch eine Art Doktor und kennt sich mit den natürlichen Heilmitteln des Regenwaldes bestens aus. Unerwartet ertönt brutal, überlaut und misstönend das Geräusch einer Kettensäge. Um mich fallen die Bäume des Regenwaldes zu Boden. Auch dieses Paradies ist durch Abholzung bedroht. Geschockt aufgrund des brachialen Geräuschs sehe ich mich um. Es wird merklich kälter. Von der afrikanischen Hitze geht die Reise weiter ins ewige Eis der Antarktis. Ich ziehe meine Jacke wieder an. Um mich glitzern weißen Eisberge. Ich hätte nie gedacht, dass es so viele Schattierungen der Farbe weiß gibt. In der Mitte steht einsam ein kleines Zelt. Der Besitzer bibbert und zittert hörbar. Er friert genauso wie ich. Mein Gesicht ist schon völlig kalt und taub. Ich stecke die Hände zum Wärmen in meine Taschen. Die Temperatur in diesem Teil der Ausstellung beträgt – 6 Grad Celsius. Dies ist die durchschnittliche Sommertemperatur in diesem Teil der Welt. Deshalb wundert es nicht, dass diese Region am achten Längengrad so gut wie gar nicht von Menschen bewohnt ist.

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Das Königin-Maud-Land ist ein Teil der Antarktis und ungefähr achtmal so groß wie Deutschland. Die Ostantarktis besteht aus einem einzigen, riesigen Eispanzer, der nur am Rand einige wenige schneefreie Berge und Täler aufweist. Das Klima ist kontinental und wenig vom Meer geprägt, was zu extremen Temperaturen von bis zu minus 89 Grad Celsius führt – ein Weltrekord. Rund 90 Prozent der globalen Eismassen und 61 Prozent der weltweiten Süßwasserreserven sind in der bis zu 4 500 Meter dicken Eisdecke gefroren. Ich besichtige die Neumayer-Forschungsstation des Alfred-Wegener-Instituts. Wie die Polarforscher den extremen Wetterbedingungen standhalten und wie es sich in einer Forschungsstation lebt, kann ich hier sehen. Ich probiere einen Polaranzug an und inspiziere neugierig die Forschungsinstrumente. Für Wissenschaftler ist die Antarktis ein besonders spannender Ort, denn die gewaltigen Landeismassen des Südpols sind ein gewichtiger Faktor für das Klimageschehen auf dem ganzen Globus. Es finden sich hier in den mehrere 1.000 Meter starken Eisschichten hunderttausende von Jahren alte Spuren der Klimageschichte der Erde.

Kaum trete ich aus der eisigen Antarktis erstreckt sich vor mir weißer, feinsandiger Strand und umrahmt in leuchtendem Weiß das türkisblaue Meer. Die hellgrünen Blätter der Palmen wogen sanft im leichten Südseewind. Vor den Korallenriffen der malerischen Küste tummeln sich farbenprächtige Fische. Die Temperaturen im Inselstaat Samoa liegen das ganze Jahr zwischen 28 und 35 Grad Celsius. Es ist angenehm warm, denn vom Meer weht eine zarte Böe. Der Temperaturunterschied ist ein ziemlicher Schock. Ich befreie mich erneut von meinem Mantel. Die beiden Samoaner Vaniah und Foua begrüßen mich vor ihrem landestypischen Haus, dem Fale. Das Gebäude ist ein Pfahlbau und steht mitten in der Lagune. Obwohl Samoa ein Traumreiseziel ist, sind die dortigen Lebensverhältnisse und Regeln innerhalb des einheimischen Dorfes sehr strikt. Viele junge Samoaner begehen wegen den harten Stammestraditionen sogar Selbstmord. Das denkt man in diesem unglaublichen Paradies überhaupt nicht. Auch dieses Kleinod am anderen Ende der Welt ist durch den Klimawandel in Gefahr. Vieles deutet bereits darauf hin, dass Samoa für immer verloren ist, wenn nicht bald weltweit konkrete Maßnahmen zum Klimaschutz ergriffen werden. Neben mir steht ein Strommast mit abgerissenen Leitungen. Seit den 1980er-Jahren steigt die Zahl von tropischen Wirbelstürmen, die über den Inselstaat hinwegfegen und schwerste Schäden anrichten. Die Insel ist akuter Hochwassergefahr ausgesetzt. Das Wasser steht bereits bis zum Eingang der Dorfkirche.

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Auch unterhalb der Wasseroberfläche hat der Klimawandel Veränderungen ausgelöst: Schon bei einer Erwärmung des Meerwassers um wenige Zehntel Grad Celsius geraten die empfindlichen Ökosysteme der Korallenriffe in Gefahr. Wenn sie absterben, verliert Samoa nicht nur die einzigartige Artenvielfalt des Riffs, sondern auch seine natürlichen Bollwerke gegen Sturmfluten. Während die Bewohner der Insel den Klimawandel vor allem durch den steigenden Meeresspiegel zu spüren bekommen, sehen sich die Einwohner Alaskas anderen, aber ebenso bedrohlichen Problemen gegenüber. Auf St. Lawrence Island, der kleinen Insel vor dem amerikanischen Festland, die zu Alaska gehört, leben die Yupik. Ich schaue auf die schneebedeckte Tundralandschaft mit dem weiten Blick bis zum Horizont. Meine Schuhe stehen im schrofen Kies. Das Leben der Ureinwohner hier scheint ursprünglich. Die Yupik gehören zu den wenigen Völkern weltweit, die noch legal Wale für ihre Ernährung jagen dürfen. Allerdings verändert sich auch dieser abgelegene Ort. Mit laut röhrenden Quads fahren die Inselbewohner auf dem Weg in ihre Jagdreviere an mir vorbei. Rund um die Beringstraße, in der auch St. Lawrence Island liegt, hat sich die Zeit der Meereisbedeckung seit 1980 um etwa 30 Tage verkürzt. Im Frühling verschwindet das Eis früher von den Küsten, und im Herbst bildet es sich später wieder. Das bedeutet für die Yupik jedes Jahr einen Monat weniger Zeit zum Jagen, als sie noch vor 35 Jahren hatten.

Die beiden Yupik-Kinder Steven und Taylor berichten mir aus ihrem Alltag. Ihr Leben spielt sich im Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne ab. Es gibt hier draußen kaum Ärtze, zum nächsten Zahnarzt fährt man über 300 Km. Daher gibt es in den einheimischen Shops vieles zur Selbstmedikation und hauptsächlich tiefgekühlte XXL-Packungen. Die perfekt an diesen Lebensraum angepasste Tierwelt ist mit bloßem Auge kaum auszumachen. Um die Tiere rechtzeitig entdecken zu können, schleuderten die Yupik einst einen Jäger mithilfe einer Decke aus Walrosshaut hoch in die Luft. In etwa so wie bei einem Sprung auf einem Trampolin. Von den vielen Ländern und neuen Eindrücken schwirrt mir schon bald der Kopf. Schließlich gelangte ich über die Hallig Langeness wieder zurück nach Europa. Möwen schreien durchdringend über dem kleinen Inselchen. Es riecht durchdringend nach Meer. Langsam und allmählich steigt der Wasserpegel, bald ist der Steg bereits überflutet. Ich stehe in der Mitte der kleinen Hallig und zum Glück bleiben hier meine Füße trocken. Nach einer Weile fließt das Wasser dann auch wieder ab. So ist der Lauf der Gezeiten seit Jahrtausenden. Leider steigt der Wasserspiegel auch hier von Jahr zu Jahr höher. Schutz vor Hochwasser bieten bisher noch die Warften. Das sind kleine aufgeschüttete Sandhügel. Diese wurden anfangs nur als Fluchthügel genutzt, später wurden darauf ganze Bauernhöfe errichtet. Bei Sturmflut sind diese das einzige, was von den Halligen noch über dem Wasser liegt.

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Die Hallig Langeneß liegt vor der Nordseeküste Schleswig-Holsteins. Nur bei Niedrigwasser ist sie mit einer Lorenbahn zu erreichen. Die Anwohner werden durch Fähren mit allem versorgt, was sie an Lebensmitteln benötigen. Durch das atlantische Klima ist es hier im Vergleich zu anderen deutschen Regionen eher kühl. Im Winter allerdings ist es auf der Hallig vergleichsweise warm. Durch den Klimawandel steigt der Meeresspiegel der Nordsee kontinuierlich. Allein im 20. Jahrhundert betrug das Plus durch das Schmelzen des Grönlandeises und das thermische Ausdehnen des Wassers 20 bis 30 Zentimeter. Auch Stürme und Sturmfluten nehmen zu. Besonders betroffen sind die kleinen Halligen, zu denen Langeneß zählt. Aber wie lange wird es diese überhaupt noch geben? Überaus nachdenklich bin ich wieder in Bremerhaven angekommen. Hitze, Dürre, Kälte oder Überschwemmungen, alle diese Naturphänomene habe ich im Museum erlebt. Auf einer riesigen Wand gestalten sich 1.600 gemalte Bilder zu einer riesigen Collage. Schüler setzten sich mit dem Thema Klima und Klimawandel auseinander. Die Zeichnungen motivieren auch mich, sich Gedanken zum Erdklima zu machen. Ich zücke einen Stift und lege los. So stelle ich mir eine lebenswerte Zukunft unseres Planeten vor…


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