Ein paar Jahrhunderte zurück…

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Unser Reiseführer winkt mir zu. Ich bin zu spät, die Besucherführung innerhalb von Würzburgs Burganlage hat seit ein paar Minuten angefangen. ‚Wir sind auf einer Zeitreise durch 3.000 Jahre Geschichte, momentan im 16. Jhd. Dies ist der Vorhof der Festung Marienberg, gebaut von Fürstbischof Julius Ächter. Auf ihn gehen wichtige Bauten in unserer Stadt zurück. Das Juliusspital ist auch heute noch ein Krankenhaus. Die Pflege und der Weinbau gehören seit jeher in unserer Stadt sehr eng zusammen. Der Gewinn aus dem Weinverkauf des Krankenhauses fließt in die Hospitalsausstattung ein. Mit jedem Schluck Wein, den Sie hier in Würzburg trinken unterstützen Sie also die Arbeit mit den Kranken. Seien Sie also nicht zu geizig. Drink for Health.‘ er grinst. Das klingt ja schon mal sehr gemütlich. Seinem Vorschlag gehe ich sicher nach. Er sieht meinen belustigten Blick und fährt fort. ‚Auch Goethe kam auf seinen Reisen nach Italien hiervorbei und genoss die guten fränkischen Tropfen der Umgebung. Als er gefragt wurde, auf was er eher verzichten würde, die Poesie oder den Wein, entschied sich für den herrlichen Schoppen. Die zweite Frage war weitaus schwieriger. Wem würden Sie eher entsagen, den Frauen oder dem Wein? Goethe wählte eine diplomatische Antwort: Es käme ganz auf den Jahrgang an.‘

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Hektisch setzt sich unsere Reisegruppe in Bewegung. Allen voran unser Burgführer. ‚Wir gehen jetzt in die Kernburg unter dem Schutz der 3 Frankenheiligen hindurch. Der wichtigste ist der Mann in der Mitte mit der Mitra. Das ist Kilian, der Schutzpatron der Stadt Würzburg. Dieser trägt ein Schwert, da er durch dieses gestorben ist. Er ist ein sehr prominentes Mordopfer von 689. Eine blutrünstige Angelegenheit. Er war ein irischer Missionar. Damals lebten hier schon etwa 2.000 Menschen im Bereich des Maintales. Das Klima hier ist angenehm, im Winter nicht zu kalt, im Sommer warm und trocken. Der Bischof taufte alle Untertanen inklusive den hiesigen Herzog. Dieser war verheiratet mit der Witwe seines Bruders, eine Schwagerehe. Kilian fand die Ehe nicht in Übereinstimmung mit dem Kirchenrecht. Also schlug er vor, der Adlige solle sich sofort von seiner Frau trennen. Dieser stimmte auch spontan gleich zu, aber seine Gattin hat heftigst protestiert. Sie wollte ihren Status nicht aufgeben und engagierte 3 Auftragskiller, um den Geistlichen zu töten. Der Leichnam wurde im Pferdestall verscharrt. Bald bemerkte man an dieser Stelle viele Wunder. Pferde wurden spontan wieder gesund und Blinde konnten wieder sehen.

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Ein englischer Pfarrer erkannte das Potential des Ortes und etablierte Würzburg zum ersten Wallfahrtsort nördlich der Alpen. Abertausende pilgern daraufhin in die Stadt. Ohne Kilian und dessen Tod wäre Würzburg also kein Touristenmagnet. Es gibt sogar ein nach ihm benanntes Volksfest, heute ist der letzte Tag. Falls Sie also noch ein Glas im Bierzelt genießen wollen ist heute eine gute Gelegenheit.‘ Er weist auf die Silhouette eines Riesenrads in der Ferne. ‚Die Marienberg Feste ist eine der größten Burganlagen des 13. Jhd. Sie misst 100 auf 140m.‘ Wenig später stehen wir vor dem kleinen Brunnentempel, den eine Statue der Fortuna krönt. Sie soll Glück bringen und das Wasser der Anlage vor feindlichen Bombardements schützen, die die Flüssigkeit ungenießbar machen würden. Es ist faszinierend mit welch einfachen Dingen und Werkzeugen die Menschen damals gearbeitet haben. Zur Sprengung eines Brunnens nutzen diese Wasser und Feuer. Sie erhitzen den Fels mit Feuer und überschütteten diesen danach mit eiskaltem Wasser. Schichtweise wurde dadurch das Gestein langsam abgesprengt und nach etwa 7 Jahren war man auf die durch den Fels laufenden Quellen gestoßen. Ohne funktionierende Wasserversorgung wäre ein Leben auf der Burg überhaupt nicht möglich gewesen.‘

Unser Reiseführer deutet auf die Westseite der Burganlage. ‚Haben Sie noch 5 Minuten Zeit, dann zeige ich Ihnen das Riemenschneider-Verlies? Wenn man Bergfriedturm, in den man den Häftling von Oben in die Dunkelheit abgeseilt hat, Luxus ist, kann man dieses Verlies getrost als 3. Klasse bezeichnen. Ich zeige es Ihnen. Sie sehen jetzt schon die einzige Luftzufuhr im Raum, das kleine Fenster dort oben. Maximal 40 Gefangene hausten im Bauernkrieg 1624 in diesem überschaubaren Zimmer. Sie können sich schon vorstellen wie kuschelig das war.‘ Er zückt einen Schlüssel und dreht sich mit verschmitzter Miene herum. ‚Ich lasse Sie dann morgen wieder raus.‘ Es ist wirklich furchtbar beengt. Licht fällt kaum durch den kleinen Fensterspalt. Ich bin froh als ich wieder in der prallen Sonne stehe. Ich blicke auf den gegenüberliegenden Nikolausberg mit der kleinen Kapelle von Balthasar Neumann. Da ist es ja noch besser die 300 Stufen bis zum kleinen Gotteshaus auf den Knien und mit Rosenkranz in der Hand hochzurutschen. Früher konnte man dafür die Absolution von allen Sünden erhalten. Nach der imposanten aber nüchternen Burganlage steht mir der Sinn nach etwas Prunk. Ich spaziere gemütlich an den Weinbergen mit den zartgrünen Trieben entlang hinunter zur Residenz in der Innenstadt.

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Die goldenen Verzierungen und gläsernen Lüster sind derart überladen dass sich meine Augenlider im ersten Moment gequält schließen. Der überbordende Luxus ist aber auch faszinierend und schmeichelt dem Blick. Auf dem Rücken der ausgepressten, schuftenden Bevölkerung gebaut existiert ein weiterer Palast in der Welt. Von den Bildern blicken hässliche Menschen in mit Rüschen verzierten festlichen Gewändern. Dicke Gesichter der wenigen Reichen, die viel zu viel besitzen und sich zur damaligen Zeit so ziemlich alles erlauben können. Eigentlich hatten die Würzburger Fürstbischöfe schon einen Wohn- und Regierungssitz. Dies war die Festung Marienberg, die ich vorher besucht hatte. Der Bau der Residenz war also absolut nicht notwendig. Eine Feste galt im 18. Jhd. aber als altmodisch. Durch einen Unterschlagungsprozess kamen die Herrschenden an 600.000 Gulden. Ziemlich viel Geld. Die Planungen und Bauarbeiten können also beginnen. Balthasar Neumann plant und errichtet die Anlage. Den Rohbau zu vollenden dauert dabei bereits 24 Jahre. Im Vestibül, von der Bedeutung wie unser Hausflur, konnte eine Kutsche mit bis zu 6 Pferden direkt ins Schloss fahren. Der Gast konnte dann bei jedem Wetter trockenen Hauptes aussteigen und zur Feier marschieren.

‚Ist das nicht anstrengend in so einem goldenen Palast einen Job zu haben?‘ frage ich unsere Reiseführerin, eine junge Kunststudentin. Das ständige Leuchten und Reflektieren tut in den Augen weh und nervt. Sie lacht ‚Es geht. Ich bin jetzt das zweite Jahr hier. Es ist noch ok.‘ Dann wendet sie sich an die Gruppe. Sie macht eine ausladende Bewegung mit beiden Armen um alle umliegenden Marmorstufen in ihren Vortrag einzubinden. ‚Hier stehen wir jetzt im großen repräsentativen Treppenhaus. Für Alltagsbesorgungen hat man dieses nicht genutzt. Es war allein Gästen vorbehalten. Im Deckenfresko sieht man die Abbildungen von 4 Kontinenten. Australien bzw. Ozeanien waren zwar schon 150 Jahre entdeckt, aber man wusste nichts über diese Länder. Vor Amerika hatte man damals ziemlich Angst. So sitzt denn auch die Amerika auf einem riesigen Alligator, daneben wird Menschenfleisch gegrillt. Links davon reitet die braunhäutige Afrika auf einem großen Dromedar. Die Abbildungen zeigen, dass der Maler sich nie außerhalb Europas bewegt hat. Besonders die Darstellung der Tierwelt ist überaus fantasievoll. Der Vogelstrauß hat die stämmigen Beine eines Fußballers, er musste ja schnell rennen können. Der Künstler wusste es nicht besser.

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Auch Asia befindet sich auf einem großen Elefanten, der nur bei näherem Hinsehen als solcher erkennbar ist. Der Rüssel ist viel zu dünn und mündet in einer Schweinenase. Auch die Ohren sind falsch am Kopf angewachsen. Wo hätte der Maler diese Tiere auch zu Gesicht bekommen können? Damals gab es schließlich noch keine Zoos. Dafür sind die nur anhand von Reiseberichten gefertigten Darstellungen eigentlich noch recht gut geworden. Asien stand vor allem für die Luxusgüter, die man von dort importieren konnte. Das waren z. B. Gewürze, Seide und teures Porzellan. Über allen thront die Europa auf steinernem Sitz, weil dieser Kontinent damals als am weitesten entwickelt galt. Unglaublich ist, dass der Architekt dieses Meisterwerks, Balthasar Neumann, eigentlich Kanonengießer war. Er hat nie eine entsprechende Laufbahn zu Planung und Bau eines solch wundervollen Palastes genossen. Die Fürstbischöfe hatten sich für ihn entschieden, obwohl er völlig unbekannt war. Dies verstand zunächst niemand. Erst war der Künstler gut und günstig. Die Residenz ist das Werk eines begnadeten Künstlers und machte Neumann berühmt. Schade, dass er mit seinem Schaffen nur das Geltungsbedürfnis einiger weniger Reicher befriedigt und für die Nachwelt erhält. Aber damals war das wohl normal…

 

 


2 Gedanken zu “Ein paar Jahrhunderte zurück…

  1. Vor einigen Jahren besuchte ich mit meiner Tante Würzburg. Unser Plan war, zunächst, die Festung Marienberg zu erkunden, um anschließend (auf dem Weg zurück zum Bahnhof) noch sozusagen en passant (/i> die Residenz in Augenschein zu nehmen.
    Wurde leider nix draus, nach der Festungstour waren wir so erschlagen, dass wir froh waren, wieder im Zug zu sitzen. 😀
    Himmel, war das Teil riesig – hatte uns aber auch niemand vorgewarnt. 😉

    Dankeschön für Deinen eindrucksvollen Bericht! 🙂

    Liebe Grüße,
    Werner

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