Zweiter Besuch im Lochgefängnis

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Der Geruch nach Feuchtigkeit und Schimmel ist allgegenwärtig. Das unangenehme Aroma füllt jede Ritze in den alten Mauern im Keller des Nürnberger Rathauses. Ich halte so gut es geht die Luft an und versuche möglichst wenig zu atmen. Ekelhaft! Wasserrinnsale laufen nass an den vergilbten Steinen entlang. Fast hätte ich mich an den Türrahmen gelehnt, halte mich dann aber doch fern. Grässlich in diesem Loch eingesperrt zu sein. Kein Wunder, dass man den Gefängniswärter hier als ‚Lochhüter‘ bezeichnet. Den ganzen Tag gefangen zu sein in diesem muffigen Modergeruch. Unvorstellbar! Früher waren die Lochgefängnisse Verkaufsräume, alle Kaufleute hatten ihre Läden damals unter einem Dach. Schließlich machte man die Ladenetage zum Gefängnis und platzierte die Händler oberhalb. Die früheren Läden des Brothauses gestalteten sich als perfekte Haftzellen. Durch den Brunnenraum, der alle Gefangenen mit frischem Wasser versorgen sollte, steigen wir die schmalen Stufen einer Treppe hinab ins richtige Verlies. Wir betreten einen kuppelförmigen Raum, ‚die Kapelle‘. Mit Frömmigkeit und Glauben hat diese Bezeichnung allerdings absolut nichts zu tun, lediglich mit der Form der Decke. Inmitten dieses Folterraums steht eine Streckbank um Geständnisse zu erpressen. Ertrug der Angeklagte die Prozedur gut, war dies durchaus als Zeichen der Unschuld zu werten. Die meisten Menschen wurden durch die Folter entstellt, sodass jeder mitbekam, dass man im Gefängnis gewesen war.

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Hatte ein Verurteilter die Ehre von anderen verletzt drohte diesem besonderes Übel mit der Haft im Stock. Er wurde über Stunden in extrem unangenehmer Haltung im Holz fixiert. Diese Strafe galt als besonders beschämend und wurde bei feindlichen Belagerungen eingesetzt um von Gefangenen Kriegsinfos zu erlangen. Die Holzeinbauten innerhalb der zierlichen Zellen waren mit Stroh gefüllt und hielten die schlimmste Kälte ab. Die Angeklagten sollten nicht krank werden, denn Pflege kostete Geld. Ebenso sollten sie nicht sterben, da ein Toter nicht verurteilt werden kann. So saßen die in Ungnade gefallenen in völliger Finsternis. Immer mehrere Insassen in einer winzigen Zelle. Als Esstisch diente aufgrund des begrenzten Platzes ein morsches Brett, das über den Nachttopf gelegt wurde. Im Henkerstübchen nahmen die Verurteilten ihr letztes Mahl ein. Dieses fiel recht üppig aus um die zum Tode Geweihten ruhig zu stellen. Dass die Verurteilten angesichts der damals schrecklichen Strafen nervös wurden leuchtet mir ein. Hängen ist noch eine der eher angenehmen Todesarten im Gegensatz zu Rädern oder Vierteilen. Die gesamte Anlage galt als ausbruchsicher bis 1580 einem zum Tode verurteilten Räuber die Flucht gelang. Er hatte den zwei Wächtern eine Eisenstange übergezogen und damit die Türen aufgestemmt. Der Flüchtende verschwand in Nürnbergs unterirdischen Felsengängen und entkam durch eine Tür bei der Lorenzkirche in die Freiheit. Er wurde nicht wieder gefasst.

Der recht humaner Schafrichter Franz Schmidt setzte während seiner Amtszeit für Kindsmörderinnen den schnelleren Tod durch das Köpfen mit dem Schwert durch. Bis zu diesem Zeitpunkt waren diese qualvoll und langwierig ertränkt worden. Über der Zellentür in die ich gerade hineinschaue prangt ein leuchtend roter Hahn als Zeichen für Brandstiftung. Hier saßen also die Feuerteufel ein. Als unsere Gruppe die beengten Gefängniszellen hinter sich lässt bin ich froh. Besser wird die eingeatmete Luft im nächsten Raum allerdings auch nicht. Ich blicke mich in der Schmiede um und mustere die vielen Folterwerkzeuge, die an den Wänden hängen. Diese wurden hier hergestellt und repariert. Daumenschrauben hängen neben Schandmasken und Handschellen. Alles ist mannigfach vorhanden um jedes menschliche Körperglied zu quetschen, zu brechen oder abzutrennen. Und da Nürnberg damals schon Urlaubsort war, wurden besonders grausame Kreationen für die Touristen entworfen um deren Sensationslust zu befriedigen. Diese wurden dann aber nicht an den Gefangenen eingesetzt, sie waren nur eine Art mittelalterliches Gruselkabinett als besondere Urlaubsattraktion.

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In der Küche sorgt der Lochhüter für die Versorgung der Inhaftierten, einen Koch gibt es nicht. Die Delinquenten zahlen für ihre Verpflegung selbst. Für die mittellosen kamen Stiftungen auf. Wer im richtigen Leben gut lebte, dem ging es daher auch im Knast gut. Nicht zu vergleichen mit unseren modernen Gefängnissen, in denen die Lebensmittelversorgung immer gesichert ist. Gelegentlich wurde der Wärter gerügt, weil er die Verkostung durchaus für sich nutze. Am Vorabend ihres Todes zechte er übermäßig mit einer Verurteilten, die am nächsten Tag gehängt werden sollte. Er wollte ihr vor ihrer Hinrichtung noch einmal etwas Gutes tun. Dies geht natürlich nicht. Ich betrete die wesentlich behaglichere Lochhüterstube. Der Henkersfamilie standen zwei Zimmer zur Verfügung. Wenn man weiß, dass ‚Meister Franz‘ 7 Kinder hatte ist die Gemütlichkeit allerdings schnell verflogen. Immerhin ist hier oben mehr Platz als in den Löchern darunter. Wurde ein Gefangener krank erhielt er bis zur Genesung das Bett des Scharfrichters. Dann wurde der Gestank für die gesamte Familie erst recht unerträglich. Im Winter hatte der Henker die Aufgabe die Klärgrube des Gefängnisses von Fäkalien zu befreien. Bei kleineren Vergehen durfte er auch das Verhör übernehmen und bestrafen wie er wollte. Als ich wieder ins Freie trete unter den wunderbar blauen Himmel über Nürnbergs Rathaus, bin ich froh nicht 500 Jahre früher geboren worden zu sein. Erleichtert atme ich auf. Obwohl die Gewaltbereitschaft in der Stadt damals extreme Ausmaße hatte, können einen die Verurteilten nach dieser Führung einfach nur leidtun.


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