Jagd auf die Elwedritsch

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Missmutig sehen mich die braunen Glubschaugen an. Der kleine Kopf mündet in einen langen Vogelhals und ein schwarzbraun geschecktes Gefieder. Eine ausgestopfte Elwedritsch! Ich stehe im oberen Stockwerk einer Weinstube im schönen Speyer in Rheinland-Pfalz. Liebevoll hat die ehemalige Wirtin ein kleines Museum zu diesem besonderen Fabeltier eingerichtet. Vor vielen hundert Jahren, als einmal ein schweres Unwetter tobte, verliefen sich eine Handvoll Hühner, Gänse und Enten im Pfälzerwald. Diese kehrten nie zurück. Statt dessen gründeten sie mit Feen, Kobolden und anderen Fabelwesen eine eigene Familie. Das Ergebnis dieser Paarung sind die Elwedritsche, die Kinder aus dieser Verbindung also. Sie erreichen in ausgewachsenem Zustand die Größe eines Huhns. Lebensraum des Pfälzer Nationalvogels sind unzugängliche Wälder und steile Felsen. Im dichten Unterholz finden diese die besten Bedingungen zum Nestbau.

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Ihr Verbreitungsraum erstreckt sich vom Pfälzerwald und der Rheinebene bis in den südhessischen Odenwald. Leider gibt es wenige Abbildungen von Elwedritschen. Die vogelartigen Fabelwesen sind nur nachts unterwegs und sehr scheu. Sie gelten als ausgesprochen wohlschmeckend. Aus diesem Grund werden die erbeuteten Exemplare erfahrungsgemäß stets unverzüglich für den Verzehr vorbereitet. Ohne vorher ein Passbild anzufertigen. An der Wand hängt ein eingerahmtes Gedenkplakat für August Espenschied. Er war ein begeisterter Elwedritsche-Jäger und Tritschologe. Zu besonderen Anlässen wird in der Pfalz während des Jahres nämlich eine Elwedriteschejagd veranstaltet. Erste Voraussetzung für eine gelungene Hetzjagd ist eine klare Vollmondnacht. Die Jagdteilnehmer versammeln sich zunächst im Wirtshaus. Es ist anzuraten, die Netzhaut mit mehreren Schoppen Wein zu stärken und für das zu jagende Wild zu sensibilisieren. Alle beraten wer dabei als Fänger und wer als Treiber agieren wird. Zu später Stunde nach weiteren guten pfälzer Schorlen wird jenen vogelähnlichen Kreuzungen aus Hühnern, Enten und Elfen nachgestellt.

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Elwedritsche verstecken sich überaus gerne im Unterholz von Parkanlagen, Waldböden und Rebstöcken. Der Fänger, bewaffnet mit einem Jutesack und einer Stalllaterne, stellt sich an einer vorher vereinbarten Stelle auf. Zur Tarnung des menschlichen Eigengeruchs hat er eine Rieslingschorle dabei. Dn menschlichen Geruch mögen die Elwetritschen nämlich garnicht und halten sich deshalb von den Menschen fern. Die Treiber bilden einen weitläufigen Kreis und jagen den verfolgten Elwedritsch auf den Sack des Fängers zu. Durch lautes ‚Tritsch‘ und das Schlagen von Stöcken gegen Bäume und Rebstöcke sollen die Elwetritschen angelockt werden. (dass noch nie ein solches Fabelwesen gefangen wurde, dürfte klar sein). Der Fänger muss dann versuchen mit Gurr und Balzrufen (‚Uiuiui…Tritsch, tritsch‘) die Elwedritsche in den Sack zu locken.

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Hierbei braucht er große Geduld und Einfühlungsvermögen. Furchtlos muss er sein und auch schwindelfrei. Denn das stundenlange um einen Baum im Kreis gehen, in dem ein Elwedritsch wohnt, kann den Gleichgewichtssinn etwas verwirren. Die Hoffnung, dass es der Jagdbeute ebenso geht, hat sich leider als falsche Annahme der Jäger erwiesen. Als nicht Pfälzer lässt sich ein Jagdschein zur Elwedritschenjagd mit einiger Übung erwerben. Einheimischen ist die Jagderlaubnis dagegen selbstverständlich ‚in die Wiege gelegt‘. Vor mir starrt still ein fachmännisch präpariertes Exemplar dieses lustigen, aber äußerst scheuen und schwer aufzustöbernden Hühnervogels auf den Boden. Für die Ewigkeit konserviert sozusagen. Elwedritsche gehören zwar zur Gattung der Vögel können aber ihre Flügel kaum gebrauchen, weshalb sie sich überwiegend unter den Rebstöcken in der Pfalz aufhalten müssen.

Ein Exemplar wurde noch niemals lebendig oder tot gefangen. Die Meinung hält sich lautstark und intensiv, dass die existierenden ausgestopften Modelle nichts weiter als dreiste Fälschungen sind. Im Zuge der globalen Erwärmung wird jedoch in den höchsten Lagen des Pfälzerwaldes ein Auftauen der dortigen Permafrostböden beobachtet. Dadurch werden im Auftaubereich immer wieder gut erhaltene Elwedritsch aus der letzten Eiszeit freigelegt. So lässt sich die Lebensweise dieser Spezies rekonstruieren. Die fröhlichen und sanftmütigen Hühnerwesen haben sich mit ihrer Vorliebe für die Pfälzer Rieslingstraube perfekt an ihre Umgebung angepasst. Man vermutet allerdings aufgrund dem Auffinden von versteinerten Skeletten und Eiern, dass die prähistorische Elwedritsch Fleischfresser gewesen ist. Schwartenmagen-, Leber- und Blutwursthaltige Beuteltiere gehörten zur Hauptnahrungsquelle. Erst die Besetzung der Pfalz durch die Römer und der damit einhergehende, beginnende Weinanbau führte die Elwedritsch zu ihrer heutigen Nahrung, der Weintraube.

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Natürliche Feinde sind neben dem Römertopf hauptsächlich der Traubenvollernter. Diesem fallen jährlich unzählige Elwedritsche zum Opfer, die sich im Wingert bis zur Bewegungsunfähigkeit vollgefuttert hatten. Alle Versuche neidischer Mitmenschen, die Vogeltiere in andere Länder zu verschleppen, scheiterten kläglich. Die armen Tierchen verhungerten. Weder Champagnertrauben noch Pinot Grigio oder Reiswein stellen eine adäquate Alternative zum pfälzer Riesling dar. Ich nicke. Das finde ich wirklich überaus verständlich. Letztlich weiß niemand genau, ob die Elwedritschen dem Menschen freundlich gesinnt sind. Aber da sie recht wohlschmeckend sind, dürfen diese dennoch geschlachtet und gegessen werden. Besonders Elwedritschbrüstchen gelten als Delikatesse. Langsam bekomme ich wirklich Durst und Appetit. Ich trete von einem Fuß auf den anderen. Dann lasse ich den kuriosen Vogel zurück. Der kleine Raum bietet genug Information für mich um die neuen Elwedritsche-Erkenntnisse und Erfahrungen mit den pfälzer Mitbesuchern in der angeschlossenen Weinstube zu diskutieren. Wer war zuerst da, das Huhn oder der Elwedritsch?

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2 Gedanken zu “Jagd auf die Elwedritsch

  1. Herzlichen Dank für diesen Gruss aus meiner alten Heimat!
    Ich bin – Pfälzer – mit den Elwedritsche sehr vertraut, auch mit dem Elwedritsche-Brunnen in Neustadt.
    Ein seltsames Schicksal hat bewirkt, dass ich an der Elbe nahe Hamburg auf Grund gelaufen bin.
    Herzlich grüsst
    Roland

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