Die Türmerin in Ravensburg

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‚Ich bin Regina Nabholzin.‘ die Frau mittleren Alters lächelt die Besucher freundlich an. Ein wenig schüchtern wirkt sie in ihrer Gestik und Mimik. Fast so als wäre die ihr zugetragene Aufgabe etwas zu viel für sie. Es scheint als müsse sie sich erst an soviel Aufmerksamkeit gewöhnen bevor sie die Beachtung auch vollends genießen kann. Sie fährt sich durch das mit grauen Strähnen durchsetzte Haar. Ihre Augen mustern mich neugierig. Mein Stiefel stecken knöcheltief im Schnee. Das Leder der Schuhe ist völlig durchnäßt. Es ist Winter in Ravensburg. Auf den Fenstern und Frontscheiben der stehenden Autos liegt eine feste Eisschicht. Über Nacht hat es geschneit. Die Straßen sind rutschig und von zartem Puderzucker überzogen. Gleichmäßig rieseln die Flocken des Neuschnees auf uns herab. Meine Nasenspitze ist völlig schutzlos der Kälte ausgeliefert und wahrscheinlich bereits von einem rötlichen Hauch des Frostes überzogen. Fühlen kann ich diese nicht mehr. Beherzt legt unsere Stadtführerin die Hand in den wollenen einfachen Handschuhen auf die Brust. ‚Sie müssen schon entschuldigen. Ich bin es nicht gewohnt so hohem Besuch unsere Stadt zu zeigen. Aber der Herr Bürgermeister ist leider verhindert. Sein Sohn ist wohl aus der Stadt gefahren mit einer Gauklergruppe. Daher will unser Stadtoberhaupt seinen Junker enterben, wenn er ihn nicht bald wiederfindet.‘ sie lächelt verständnisvoll ob dieser Entscheidung.

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‚Ich bin die Frau des Strumpfstrickers und Türmers Lorenz Nabholz. Mein Mann arbeitet dort oben im Turm.‘ ihr ausgestreckter Finger geleitet unsere Blicke zum steinernen Blaserturm. ‚Mein Gatte ist für die Sicherheit der Stadt mit verantwortlich. Sieht er Feuer hisst er eine rote Flagge. Gestern haben ein paar Jungschützen Pulverfrösche in Fenster der Stadthäuser und Geschäfte geworfen. Nicht auszudenken, wenn in Ravensburg ein Brand ausgebrochen wäre.‘ entsetzt legt die Türmerin beide Hände auf die Wangen. Dann erklärt sie weiter die Tätigkeit ihres Ehemannes. ‚Wenn sich Krieger nähern zieht er zur Warnung der Bevölkerung eine weiße Fahne hoch. Dies ist das Zeichen die Tore vor dem herannahenden Feind zu verschließen. Lorenz bedient auch die Uhr. Er bläst um 6 und 12 Uhr, ebenso wie um Mitternacht. Eigentlich ist mein Angetrauter ja gelernter Strumpfsticker. Mit dieser Tätigkeit ist jedoch nicht mehr genug zu verdienen, um ohne zusätzliche Aufgaben zu überleben. Um etwas für meinen Gemahl und mich dazu zu verdienen führe ich die Küche des Bürgermeisterpaares.‘ Sie eilt uns voraus und läuft auf den Arbeitsplatz ihrer besseren Hälfte zu. Ruckartig schaut die Frau zurück. ‚Lorenz arbeitet zusammen mit seinem Kollegen Hans. Das ist ein Katholik. Er ist aber trotzdem ganz nett.‘ Sie macht eine beschwichtigende Handbewegung.

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‚Bei uns in Ravensburg ist jedes Amt doppelt besetzt. Mit einem Katholiken und einem Evangelischen. Selbst das Amt des Bürgermeisters. Beide Herren wechseln sich im 4 Monatsrhytmus ab. So gibt es keinen Streit zwischen den einzelnen Glaubensrichtungen in unserer Stadt und niemand fühlt sich benachteiligt. Auch der hohe Rat im Rathaus besteht zu gleichen Teilen aus katholischen und evangelischen Mitgliedern.‘ Sie führt uns vor die ehemalige Markthalle. ‚Wenn ihr Souvenirs oder Waren kaufen wollt, seid ihr hier richtig.‘ informiert uns die Türmerin. ‚Im Untergeschoss findet ihr viele Geschäfte.‘ Sie unterstreicht den Satz mit einer ausladenden Handbewegung und deutet dann mit dem Zeigefinger der rechten Hand nach oben. ‚Im ersten Stock dieses Gebäudes befindet sich die Tuchhalle. Hier könnt ihr die feinsten Tuchwaren kaufen. Im Erdgeschoss des Hauses steht die Waage. Die meisten Gewichte sind beschlagnahmt worden, da diese die falsche Silbermenge enthielten. Durch diesen Betrug verlor Ravensburg das Münzrecht!‘ entrüstet stemmt Stadtführerin die Ellenbogen in den mit Blumen bestickten Stoff ihres Mieders. Dann zwinkert sie den Besuchern zu. ‚Wir armen Leute kaufen sowieso bei den fahrenden Händlern. Das ist viel günstiger.‘

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Sie winkt uns mit der Hand näher. ‚Wollt ihr wissen, wo dieser schöne Stoff hergestellt wurde?‘ liebevoll und fast zärtlich fährt sie über das Material ihres Rockes. ‚Ich führe Euch gerne zum Gerberviertel am Rande der Stadt.‘ Plötzlich werden ihre Augen weit und ihr Blick verdunkelt sich. ‚Dieb! Langfinger! Behalt nur Deine Hände bei Dir!‘ schreit sie unvermittelt einem Passanten nach. Der Mann schlendert verträumt durch die Kopfsteingassen Ravensburgs. Erschreckt reckt er den Kopf, nur um ihn aufgrund der harschen Worte sogleich schützend einzuziehen. Verblüfft sieht er unserer Gruppe nach. Regina beugt sich uns im Flüsterton zu. ‚Das ist einer der Betrüger, die hier auf dem Hauptplatz der Stadt die Einwohner beklauen. Der Mann ist bereits bekannt. Passt auf Eure Habseligkeiten gut auf!‘ Unsere Gruppe steht vor dem Rathaus. Eine leichte Dämmerung senkt sich bereits über das Gelände. In den Fenstern leuchten die ersten Lichter, um die düstere Umgebung zu erhellen. ‚Mein Ehemann der Lorenz vertrinkt seinen Lohn hier immer in der Rathausschenke. Wenn ich ihn einmal nicht finden kann, suche ich meinen Gatten als erstes hier. Wenn ich mit ihm schimpfe sagt er nur: ‚Lieber einen Bauch vom Saufen, als einen Buckel vom Schaffen!‘ Regina winkt energisch ab, als wolle sie den unliebsamen Gedanken verscheuchen. Dann lächelt sie. “Drei Mass Wein sind hier in Ravensburg ja für jedes Bürgerpaar kostenlos. Damit ist allerdings nichts anzufangen. Den sauren Tropfen kann man allenfalls zum Kochen verwenden. Meine lieber Gemahl trinkt daher immer Bier.‘

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Die Türmerin zeigt uns im großen Sitzungssaal die verschiedenen Zunfttafeln. Unter jener der Strumpfstricker steht der Name ihres Angetrauten. Ihr Blick wird schwärmerisch. ‚Vor unserer Hochzeit mussten Lorenz und ich vor dem hohen Rat vorsprechen. Mein Mann musste sein Meisterstück und eine gewisse Anzahl an Gulden vorweisen um die Einwilligung zur Heirat zu bekommen.‘ Auf einem großen Wandbild zeigt sie uns die verschiedenen Stadtteile Ravensburgs. ‚Hier ist der Rabenstein.‘ ihr Finger weist präzise auf ein Gebiet etwas außerhalb der Stadtmauern. ‚Hier steht der Galgen. Die letzte Hinrichtung fand vor zwei Jahren statt. Die Kindsmörderin Albrechtin wurde dort geköpft. Als Magd soll sie schwanger von Lindau gekommen sein. Der Vater war wohl ein Weberknecht, so sagt man. Sie ertränkte ihr Kind nach der Geburt in einem Fass. Erst leugnete sie die Tat. Aber unter den Folterwerkzeugen der Knechte hat sie dann gestanden. Das Todesurteil wurde aus dem Fenster des Rathauses gerufen. ‚Tod durch das Schwert! Gott sei ihrer Seele gnädig!‘ hieß es da. Der Körper der Mörderin blieb tatsächlich ohne Kopf auf dem Hinrichtungsstuhl sitzen. Er wurde dann vom Schafrichter auf den Boden vor den Sitz gelegt.‘

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Man sieht der Türmerin an, dass eine Hinrichtung eine willkommene Abwechslung und Unterhaltung im faden Alltag der Stadt Ravensburg ist. Und sei es auch nur, um die grausige Geschichte der verurteilten Magd immer wieder weiter zu erzählen. Regina rollt unvermittelt genervt die Augen gegen Himmel. ‚Seht doch da wieder ein Bettler. Einmal im Jahr kommen alle Mittellosen nach Ravensburg, da sie hier seit 1433 am ‚Pfeffertag‘ kostenlos gespeist werden. Früher waren es nur etwa 100, jetzt sind es weit über 4.000. Die Armen wissen, dass an diesem Tag Essen und Getränke umsonst sind. Natürlich gibt es heute nicht mehr Fleisch und Wein für sie. Es sind zu viele hungrige Menschen. Inzwischen befindet sich nicht einmal mehr Pfeffer in der Soße.‘ Sie schüttelt im Gedanken an diese immense Geldverschwendung den Kopf und rümpft zugleich angeekelt die Nase. Sie wittert kurz in den kalten Winterwind. ‚Das Gerber- und Färberviertel verläuft am Rande der Stadt. Ihr riecht ja sicher warum. Zum Färben und Gerben von Ledern und Stoffen verwendet man Urin und verschiedene Salze. Das stinkt ganz gräulich!‘ Regina hält sich demonstrativ die Nase zu. Sie nickt kurz in Richtung eines großen, stattlichen Hauses. ‚Die Familie des Färbers sind reiche Leute. Sie können sich in der Wohnstube sogar eine bemalte Täfelung mit Monatsbildern leisten, auf denen Januar bis Dezember dargestellt sind.‘ in ihrem Tonfall erklingt angesichts dieses unverschämten Wohlstands geringer Neid.

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Dann lächelt die Türmerin schadenfroh. ‚Die Frau des Färbers wurde vor kurzem bestraft, weil diese sich wie eine Patrizierin gekleidet hat. Die Kleiderordnung muss natürlich eingehalten werden. Und wie sagt gleich mein Lorenz immer: Wer als Kuh geboren wird, wird niemals zur Nachtigall!‘ Die Stadtführerin grinst zufrieden. Regina lehnt sich an einen steinernen Brunnen. ‚Hier findet der Fischmarkt statt. Die Händler bieten Karpfen, Hechte und Schleien aus dem Bodensee.‘ Sie verzieht angeekelt das Gesicht. ‚Wenn ihr mich fragt ist der Fisch nie wirklich frisch. Die Bürgermeisterin hat in diesem Brunnen daher eine Reuse. Diese hält die Meeresware dann länger frisch.Sie deutet auf ein Gebäude in der Nähe. ‚In diesem großen Speicher wird Salz gelagert. Im ganzen Haus etwa 500 Fässer. Das sagt zumindest derjenige, der die Fässchen stapelt. Vielleicht sind es aber auch nur halb so viele, denn der Herr schielt ganz furchtbar.‘ sie verdreht entsprechend beide Augen. ‚Im Schmalzgässle nebenan verkauft man Käse und Schmalz aus Bregenz und dem Bayrischen Wald.‘ Regina reibt sich demonstrativ den Magen. ‚Schmalz verwende ich immer für Spätzle. Das ist mein Leibgericht.‘ Sie erhebt zur Warnung den rechten Zeigefinger und sieht uns eindringlich an. ‚Aber nur nicht zu oft. Denn wie sagte meine Großmutter, Gott hab sie selig: Auch die dünnsten Spätzle machen einen breiten Arsch!‘

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Die Türmerin zuckt die Achseln. ‚Besser als eine erneute Hungersnot ist das allemal. In der Eichengasse hier werden Eicheln verkauft. Eigentlich als Futter für Vieh. Aber arme Ravensburger essen dies das ganze Jahr auch als Brei oder Brot. Ebenso tun es die anderen Bürger bei Hungersnot. Am Samstag ist in unserer Stadt Markttag. Es gibt neuerdings eine Knolle zu kaufen um Salat zu kochen, der warm gegessen wird.‘ ungläubig schüttelt Regina den Kopf. ‚Kartoffeln heißt diese! Stellt Euch vor! Habt ihr das schon einmal gegessen?‘ fragt sie uns. Unsere Gruppe nickt eifrig. Wir stehen vor der katholischen Apotheke. Hinter vorgehaltener Hand raunt uns unsere Stadtführerin mit wissendem Blick zu: ‚Katholisch! Diese Apotheke ist neu erbaut worden. Die Katholiken in unserem Ort befürchten, dass man sie in der evangelischen Apotheke vergiftet!‘ Sie schüttelt erneut den Kopf und winkt uns dann zielstrebig weiter. ‚Das da drüben ist das Haus des Bürgermeisters. Dort arbeite ich. Wie prächtig nicht wahr? Im Stall stehen acht Schimmel um die sich vier Knechte kümmern. An Festtagen wie Karneval fährt die Familie mit der Prunkkutsche durch die Stadt. Die Glöckchen klingen weit in den Wind. Und die bunten Bänder surren um das Gefährt in der Luft. Für die vier Monate Amtszeit lebt das Stadtoberhaupt in Ravensburg recht gut. Seine Frau leistet sich sogar Tanzstunden bei einem Lehrer, damit sie ihrem Mann nicht die Füße ruiniert.‘

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Regina blickt nach oben zum Mehlsack. Stumm steht der weiße Turm in der winterlichen Landschaft. Leise rieseln die ebenso weißen Schneeflöckchen um uns zu Boden. Die Türmerin hat für uns einen letzten Tipp. ‚ Braucht ihr noch ein Mitbringsel für eure Männer? Dann könnt ihr hier Tabak kaufen. Oder vielleicht Kerzen von den Nonnen aus dem Kloster nebenan? Habt ihr schon alle eine Unterkunft?‘ ein paar Besucher schütteln stumm den Kopf. Da kommt unsere Stadtführerin in Wallung. Abwehrend breitet sie die Hände vor sich aus. ‚Dann nehmt euch nur kein Nachtquartier hier oben an der Stadtmauer. Unser Nachtwächter beginnt hier seinen Rundgang. Er tönt dann von 9 Uhr an.‘ Sie hält kurz inne um dann inbrünstig vorzusingen. ‚Hört ihr Leut und lasst Euch sagen, unsre Uhr hat neun geschlagen!… So geht der Gesang dann zu jeder neuen Stunde. Ihr bekommt hier keinen Schlaf! Denkt daran ab 9 Uhr immer eine Laterne dabei zu haben um euer Gesicht zu erhellen. Das ist für alle Gesetz.‘ Lorenz Frau führt uns zurück zum Marktplatz Ravensburgs. Schließlich muss sie zur rechten Zeit den Braten des Bürgermeisters aus dem Ofen holen. Am ehemaligen Stadttheater hält sie kurz inne. ‚Ich liebe das Theater.‘ sagt sie verträumt und schwärmerisch. ‚Ich würde selbst Theater spielen. Aber das ist leider völlig den Männern vorenthalten. Spielen dürfen nur verheiratete Herren. Auch die weiblichen Rollen. Und die Frauen spielt der Schulmeister Mauser am allerbesten.‘ verrät sie uns.

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Verstohlen mustert uns die Türmerin. ‚Seht ihr dort drüben die Kerle? Das sind Kaffeeschnüffler. Friedrich II. hat im Jahre 1780 erlassen, dass nur noch in den königlichen Röstereien Kaffeebohnen gebrannt werden dürfen. Den Handwerkern wurde das koffeinhaltige Getränk verboten. Es wäre nicht gut für die ärmere Bevölkerung. Um der Übeltäter, die sich dieser Regel widersetzen, habhaft zu werden, setzt Ravensburg nun zur Kontrolle des Kaffeebrennzwangs im ganzen Stadtgebiet Kaffeeschnüffler ein. Diese sollen aufgrund des Kaffeeduftes jede Gesetzesübertretung riechen und ahnden. Leider handeln die Spitzel völlig willkürlich. Uns Bürger ärgert das Kaffeeverbot aufs Äußerste. Inzwischen gibt es für dieses Produkt einen florierenden Schmugglermarkt.‘ Plötzlich wird Regina hektisch. ‚Wie riecht es denn hier?‘ schreit sie entsetzt auf. ‚Das ist doch des Bürgermeisters Braten. Ich muss ihn jetzt unbedingt aus dem Ofen holen. Nicht dass er drei Tage Muskelkater im Maul hat davon.‘ Regina legt entsetzt beide Hände auf die Wangen. Sie dreht sich auf dem Absatz um. Zum Abschied  winkt sie uns noch kurz und eilig zu. Und weg ist die Türmerin.

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