Die Ruhe im Tal des Todes

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Ich blicke auf die Spitzen meiner Zehen, die aus meinen Flip Flops quellen. Meine Füße sind angeschwollen wie die eines Michelinmännchens. Während des Ausflugs zum Grand Canyon gestern hatte mich etwas gestochen. Zunächst hatte ich allerdings nicht weiter darauf geachtet. Jetzt sind die Beine derart angeschwollen, dass diese definitiv nur noch in die Badeschlappen passen. Schmerzhaft setze ich einen Fuß vor den anderen. Meine Glieder sind knallrot und angespannt. Die Waden sind so hart und aufgebläht wie die eines Fussballspielers. Behäbig ziehe ich die Tür zur Drogerie auf und humpele mit Minischritten an den Tresen der Apotheke. ‚Ich habe gestern einen Ausflug zum Grand Canyon unternommen.‘ skeptisch begutachtet die Pharmazeutin meine geschwollenen Knöchel. ‚Ich denke mich hat etwas gestochen, könnte das möglich sein?‘ frage ich und deute hektisch auf meine Mutantenzehen, die in die offenen Schuhe gequetscht sind und sich vor lauter Platzmangel fast überlappen. ‚Ja sicher sowas haben wir hier oft.‘ verkündet die Apothekerin und eröffnet mir sofort die Ursache meiner unproporationalen Körperzusammenstellung. ‚Diese Mücken sondern beim Stich Histamin ab, dann kann die Stichstelle stark anschwellen.‘

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Diese blöde Histamin ist mal wieder Schuld, ich hätte es wissen müssen. ‚Gegen diesen Stoff habe ich eine Intoleranz.‘ gebe ich missmutig Auskunft. ‚Dann sind Sie da wohl besonders anfällig.‘ sagt die Frau hinterm Tresen und deutet auf die knallroten Beine. Sie zeigt auf ein Regal in der Nähe. ‚Es gibt Antihistaminika dagegen. Nehmen Sie das in der pinken Verpackung bitte abends, es macht extrem müde.‘ Mit dem Präparat und Cortisongel in der Tasche verlasse ich den Laden. Mein Freund fährt zum Glück. Da wir ein Ford Mustang Cabriolet gemietet haben ist dies für ihn nicht wirklich schlimm. Eine Tablette der Antiallergika nehme ich lieber sofort ein. Ich befürchte meine Zehen könnten weiter wachsen und mich sonst im Lauf des Tages am Kopf kratzen. Während der Fahrt schlafe ich vollkommen durch. Unser erster Stop ist Dantes Point mitten im Death Valley Nationalpark. ‚Alles tot hier.‘ sagt mein Partner. Felsige Berge, deren Ausläufer durch die letzten Strahlen der untergehenden Sonne in eine weiß glitzerndes ausgetrocknetes Salztal münden. Vereinzelt ragen Grasbüschel aus dem steinernen grauen Boden. Gräuliche Wolkenfetzen hängen wie ein feiner Nebelteppich über den Hügelspitzen. Das Flussbett unter uns wird durchzogen von riesigen hell leuchtenden Salzflächen. Es ist kein Laut zu hören.

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Ein leichter Windhauch streicht über die starren Felsen und verwöhnt uns mit einer zarten Abkühlung. Es ist unglaublich, dass es selbst in dieser Einöde Leben gibt. Vielleicht begegnen wir hier einem Kojoten, Puma oder einer Klapperschlange. Der von Bugs Bunny bekannte Roadrunner hat hier ebenfalls seine Heimat. Innerhalb des Parks gibt es etwa 1.000 Pflanzenarten, die extrem lange Wurzeln ausbilden können um an Wasser zu gelangen. Auch wenn die Bezeichung dieser Landschaft erstmal morbide klingt, kann man an die extreme Hitze angepasst auch hier überleben. Das Tal des Todes liegt mitten in der Mojave-Wüste und ist der heißeste und trockenste Punkt der USA. Die Spitzentemperatur im Sommer wurde mit ca. 57° C gemessen. Der größte Teil des Parkgebiets Gebiets befindet sich in Kalifornien, nur ein kleiner Teil gehört zu Nevada. Als 1849 eine Gruppe von Pionieren und Goldsuchern von Salt Lake City aus aufbrach, um nach Kalifornien zu ziehen, erreichten die Teilnehmer nach einigen Irrläufen auf der Suche nach Abkürzungen völlig erschöpft, aber lebendig ihr Ziel. Eine der Frauen soll sich dabei umgedreht und ‚Auf Wiedersehen Tal des Todes.‘ gerufen haben. So kam das Death Valley zu seinem Namen.

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Dennoch erscheint mir das Tal nicht trostlos. Die Aussicht auf die Umgebung verströmt eine vollkommene Ruhe. Ich finde diese absolute Stille eher friedlich. So wie eine gewünschte Isolation, die mich umhüllt und jegliche Anspannung der letzten Tage aus mir heraustreibt. Das karge Gesicht einer lebenden Region, die überhaupt nicht tot ist. Der Sternenhimmel über unser Unterkunft ist wunderschön und bemerkenswert. Klar und ohne Wolken umgibt der schwarze Himmel den kleinen Ranchkomplex, in dem wir wohnen. Kleine Sternenlichter liegen wie aufblitzende Sommersprossen in der abkühlenden Düsternis. Die kühlen Flammen der nächtlichen Dunkelheit brennen die Hitze von unseren Gesichtern. Nachts lässt uns diese verbrannte Erde spürbar aufatmen. Ich lehne mich in den kleinen Stuhl auf unserem Balkon zurück. Mein Kopf lehnt dankbar in den von winzigen Lichtern gesprenkelten Himmel. Das Gesicht des Todes muss nicht immer schrecklich sein.

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