Willkommen im fantastischen Las Vegas

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Nach einem über zehn Stunden dauernden Flug sind die blendenden und unregelmäßig funkelnden Lichter dieser Stadt überaus schwer zu ertragen. Schon im Flughafen von Las Vegas reihen sich Glücksspielautomaten an einarmige Banditen. Konzentriert drücken Besucher hektisch die blinkenden Knöpfe und Buttons. Der Koffer steht achtlos vor den regelmäßig aufleuchtenden Maschinen mit den wilden Neonlichtern. Planlos laufe ich vor dem Flughafengebäude hin und her. Ich suche nach einer Möglichkeit ohne Taxi in die Innenstadt zu kommen. Die meisten Verkaufsstände der vielen Shuttleanbieter sind verschlossen. Hilfesuchend blicke ich in alle Richtungen und drehe mich um die eigene Achse. Ich bin müde. Es ist furchtbar heiß. Ich spüre die kleinen Schweißperlen, die an meinem Nacken und Oberarm entlang gleiten und den Stoff meines Shirts tränken. Dennoch kann die enorme Hitze auf diese Weise nicht aus meinem Körper entweichen. Meine Glieder fühlen sich an wie im Feuer. Wahrscheinlich habe ich einen hochroten Kopf. Fahrig wische ich mir mit einer Hand über das Gesicht. Ich muss dringend duschen. Eines der Busunternehmen hat zum Glück geöffnet. Es dauert ewig bis ich die passende Haltestelle finde. Unschlüssig schwenke ich das Papierticket in der rechten Hand. Ich bin so hungrig. Mein Magen knurrt.

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Auf den ersten Blick kommt es mir so vor, als läge Las Vegas mitten im Nirgendwo. Ein einsamer Ort herausgestampft aus der rötlichen Erde der felsigen Szenerie. Weithin sichtbar blitzen vereinzelt die Türme der imposanten Kasinos aus der Ödnis. Um die Mittagszeit scheinen diese fade und leblos. Die Lichter der Glücksspielhöhlen leuchten erst in den Abendstunden auf. Am Straßenrand erheben sich übergroße Kakteen zwischen einzelnen vertrockneten Palmen. Träge wehen die gelblichen Blätter in der leichten Brise, die völlig hilflos gegen die Hitze dieser Großstadt ist. Die wuchtigen Stämme der Bäume werfen einen länglichen Schatten auf den okkerfarbenen Kiesel des staubigen Bodens. Ich bin in der Wüste angekommen. Der Bus setzt mich direkt vor meinem Hostel ab. ‚Hast Du mal einen Dollar.‘ fragt mich eine ältere Frau, die vor dem Eingang meiner Unterkunft auf einer kleinen Mauer sitzt. Ihre Zunge ist schwer vom Alkohol- oder Drogenkonsum. Ich verstehe sie kaum. Die Augen der Greisin blicken durch mich hindurch in die Weite der Umgebung. Wortlos schüttele ich den Kopf. Müde ziehe ich die Tür auf und schiebe mich langsam ins Hotel.

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Die Unterkunft ist eine Absteige. Der Teppichboden ist an vielen Stellen aufgerissen. Die Treppenstufen sind völlig ausgetreten. In den Mauerecken türmen sich dunkelgraue Staub- und Dreckflocken. Ohne Murren nehme ich den Schlüssel aus der Hand der jungen Amerikanerin an der Rezeption. Ich habe ein schlechtes Wochenende für meinen Aufenthalt in Las Vegas gewählt. Ein bekanntes elektronisches Musikfestival findet in diesen Tagen gerade statt. Die Hotelpreise sind daher ins Unermessliche gestiegen und fast alle Unterkünfte sind ausgebucht. Ich ziehe den schweren Koffer über die kaputten steinernen Stufen und stelle mein Gepäck am nächsten freien Bett ab. Mein Magen hängt schon fast am Boden und rumort schon hörbar. Ich muss dringend etwas Essen. Im Supermarkt nebenan steht sabbernd eine Frau im Innenraum vor der Tür. Der Geifer läuft an ihrem Kinn entlang. Ihr Blick fixiert mich ohne mich wirklich zu sehen. ‚Entschuldigung.‘ stammelt sie ängstlich. Spucketropfen fliegen beim Sprechen an die Türscheibe. Sie drückt sich an die Wand um mich einzulassen. Auch die anderen Einkäufer sind wenig vertrauenerweckend. Intuitiv fahren meine Finger zu meinem Geldbeutel und legen sich auf die Außenseite meiner Tasche. Ich verlasse den Laden ohne etwas zu kaufen.

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Als erstes gehe ich jetzt auf mein Zimmer und lasse alle Kreditkarten in meinem umschnallbaren Gürtel verschwinden, den ich unter meiner Kleidung tragen kann. Sollte ich überfallen werden, möchte ich vorbereitet sein. ‚Hör auf rumzuheulen.‘ weise ich mich selbst zurecht. Es ist ja nur logisch, dass ‚Sin City‘ Schattenseiten hat. Ich bin einfach nicht in der besten Gegend gelandet. Und dennoch authentisch mittendrin. Ich esse einen Salat im Lokal neben dem Hostel. Auf weitere Erkundungen der Umgebung verzichte ich erstmal. Ich muss dringend duschen. Das Badezimmer ist genauso schäbig wie der Rest der Unterkunft. Der Duschvorhang hängt auf halber Höhe. Ich ziehe ihn beiseite und er fällt sofort in die Wanne. Dann suche ich die Dusche. Anscheinend kann man hier nur baden. Ich runzele die Stirn. Einer der betrunkenen Festivalbesucher hat gestern die gesamte Duscharmatur herausgerissen. Komplett mit Schlauch. Diese liegt jetzt unter dem Duschvorhang in der Badewanne. Daher hatte ich sie nicht gleich gesehen. Enttäuscht blicke ich auf die metallischen Überreste. Zum monotonen Quietschen des Bettes im Nebenzimmer aufgrund sexueller Aktivitäten schleppe ich meinen Koffer erneut die vergilbten Treppenstufen herunter.

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‚Ich habe ein Bett mit Duschmöglichkeit gebucht.‘ erkläre ich der jungen Frau an der Rezeption. ‚Ich möchte mein Geld zurück.‘ Bereitwillig händigt sie mir die Dollarscheine aus. Ich stehe auf der staubigen Straße ohne Unterkunft. Ein Taxi bringt mich zu einem anderen Hostel in der Nähe. Zum Glück sind noch Betten frei. Ich öffne die Tür und blicke auf einen älteren Herren mit herunter gelassener Hose. ‚Oh je.‘ ich kneife die Augen zusammen. ‚Tut mir leid.‘ murmele ich und drehe mich schnell um. ‚Es war niemand da. Ich ziehe mich gerade für die Arbeit um.‘ stammelt der alte Mann mit aufgerissen Augen und erstarrt mitten  in seiner Bewegung. Das ist für unsere Situation nun auch nicht förderlich. ‚Was machen Sie denn.‘ frage ich und versuche mit gleichgültiger Stimme die peinliche Atmosphäre zwischen uns zu überbrücken. ‚Ich bin Rentner und arbeite beim elektronischen Musikfestival an diesem Wochenende mit. Ich mag es sehr, wenn junge Menschen Spaß haben. Das mache ich jedes Jahr. Auch wenn es nicht meine Musik ist.‘ Am Klang seiner Worte erkenne ich, dass er sich erholt hat. Endlich befindet er sich in seiner Hose. Er schmunzelt und ich lächle zurück. Wir haben die Peinlichkeit des Augenblicks hinter uns gelassen. Trotzdem bin ich froh, als der Alte die Tür zuzieht.

Ich habe selten die Kälte des an mir hinab perlenden Wassers so ausgiebig genossen wie in diesem Moment. Die Dusche funktioniert gut und ich will kaum aus dem üppigen Wasserstrahl treten, der in Sekunden den Staub der Straßen Nevadas aus meinen Poren spült. Ich spüre neue Energie in mir aufsteigen mit jedem Tropfen der langsam an der erhitzen Haut herab rinnt. Mit den nassen Fingern fahre ich über das warme Gesicht. Ich fühle mich lebendig und schließe bei dieser angenehmen Emotion die Augen. Nach dem Abtrocknen versuche ich die Badezimmertür zu öffnen. Das Schloss lässt sich zwar drehen, aber die Tür geht nicht auf. Ich rüttle am Türknauf. Entsetzt haue ich mit der flachen Hand auf das Holz. Niemand kann mich hören. Der Raum vor dem Bad ist ja auch leer. Ich drehe das Schließsystem in alle Richtungen bis es schließlich mit einem metallischen Klicken aufspringt. Ich starre auf die leeren Metallbetten. Das hätte durchaus dauern können bis einer der Festivalbesucher aufgetaucht wäre um mich zu retten. Ob dies dann in betrunkenem Zustand gut funktioniert hätte sei dahingestellt. Und wo wären meine Zimmernachbarn dann auf die Toilette gegangen? So gesehen war ich im Bad eingesperrt durchaus noch in der besseren Position.

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Gemütlich spaziere ich am Las Vegas Strip entlang der vielen Leuchtreklamen. Manche der grellen Lichter reizen die Augen so sehr, dass ich diese überanstrengt schließen muss. In der Nacht ist dieser Straßenabschnitt ein unglaubliches Erlebnis. Untermalt wird die unwirklich glitzernde Szenerie auf besondere Art von den grölenden Rufen aus den vorbei fahrenden Autos und langen Limousinen. Die betrunkenen Fahrgäste winken aus den Autos und recken die erhitzten Gesichter in den Fahrtwind. Hier pulsiert das Leben. Nach diesem Tag kommt mir das gerade Recht. Hubschrauber drehen über den bunten Lichtern mit Touristen ihre Runden. Die Türme der Kasinos blinken wild in bunten Neonfarben. Ich finde diese Stadt liebenswert. Sie ist vermutlich nur etwas erschrocken, weil in ihr so viel Absurdes passiert. Was in Las Vegas geschieht bleibt ja bekanntlich auch an diesem Ort. Bei Nacht hat die Stadt ein aufregendes Potential. In dieser farbigen Lichterwelt fühle ich mich auf einmal völlig sicher. Willkommen im fantastischen Las Vegas.

 


4 Gedanken zu “Willkommen im fantastischen Las Vegas

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