Ankunft in der Hölle

Der Mundschutz des Mannes beult sich leicht nach außen mit jedem Atemzug, nur um sich sogleich mit dem Einatmen wieder sanft nach innen zu stülpen. Die schwarzen glänzenden Augen des Asiaten mustern mich desinteressiert. In Asien sind Atemmasken normal. Viele Menschen tragen diese aus Angst vor Infekten oder der gewaltigen Luftverschmutzung in Großstädten und Ballungszentren. Oder man ist selbst krank und möchte aus Höflichkeit niemanden anstecken. An den Mundschutz kann ich mich nicht gewöhnen. Ich fühle mich fast wie in einem Science Fiction Film und empfinde die vielen Atemschutzmasken um mich als völlig surreal. In Deutschland trägt man eben auch bei ggrößtem Smog oder völlig erkältet keinen Mundschutz. Meine Fersen schlagen ungeduldig an den Plastiksitz im Terminal 2 des Frankfurter Flughafen. Gelangweilt schweift mein Blick über meine Mitpassagiere. Der Vietnam Air Flug nach Saigon hat schon 45 Minuten Verspätung. Durchdringender Kerosingeruch breitet sich im Inneren des Flugzeugs aus und nimmt mir kurz den Atem. Der Gestank verweilt kurz in der Luft bis er gleichmäßig vergeht. Ich rümpfe die Nase. Lichter leuchten endlich auf. Ich schnalle mich an. Beim Start schwankt der gesamte Innenraum des Flugzeugs von einer Seite zur anderen. Mein Hände krallen sich in die Lehne meines Sitzes. Ein Gefühl als würde das Flugzeug gleich auseinander brechen beschleicht mich und füllt unbarmherzig jede Faser in meinem Körper. Ich sehe auf die Uhr. Unser Flug startet eine Stunde zu spät.

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‚Don’t worry, relax.‘ lächelt mich die junge Vietnamesin an. Sie hat Recht. Schon jetzt merke ich, dass die asiatische Lebenseinstellung und das Zeitempfinden andere sind als in Europa. Die Uhren gehen wesentlich langsamer. Ich lehne mich zurück und versinke in meinem Sitz. Die graue Decke mit dem Logo der Airline ziehe ich bis weit unters Kinn. Langsamkeit hält in meinen westeuropäischen von Hektik geprägten Verstand und Sinn Einzug. Der Vietnamese neben mir schnarcht so effizient, dass während des Fluges sicherlich ein ganzer asiatischer Waldbestand ausgelöscht und in kleine Holzscheite geteilt werden wird. Die Geräuschkulisse macht mir nichts aus. Es ist 8 Uhr als unser Flugzeug den Flughafen von Saigon erreicht. Ich habe 25 Minuten um meinen Anschlussflug zu erreichen. ‚Ich kann Sie mit den Business Class Gästen aussteigen lassen, dann sparen Sie etwas Zeit beim Aussteigen.‘ schlägt die zierliche vietnamesische Flugbegleiterin vor. Still trägt diese meinen Koffer nach vorn zum Ausgang. Leider klappt unser Vorhaben nicht so recht. Alle Fluggäste springen gleichzeitig auf und wollen zur gleichen Zeit nach draußen. Rücksichtslos klettere ich also über mir entgegen gestellte Koffer, übersteige Füße. Ich drängle mich an Rücken entlang und presse mich zwischen dicht stehenden Körpern hindurch. Die ganze Zeit verschaffen mir meine Ellenbogen Freiraum. Keuchend stehe ich schließlich am Ausgang des Flugzeugs, meinen kleinen Koffer an mich gepresst und versuche tief Luft zu holen. Dann renne ich los wie ich noch nie aus Unpünktlichkeit gerannt bin. Meine Füße streifen rücksichtslos den Boden und ich schneide haarscharf Mitpassanten, die entrüstet zur Seite springen. Mein Atem geht stoßweise und beim nächsten Atemzug werden mir meine Lungenflügel aus dem Hals schießen. Mein Koffer und ich passieren ungeduldig die Sicherheitskontrolle und hechten zum Gate. Ich bin der letzte Passagier, der eincheckt. Prustend und keuchend drücke ich mich in den Flugzeugsitz. Jedes Luftholen brennt sich schmerzhaft und laut den Weg entlang meiner Luftröhre. Ich hatte es dennoch geschafft, ich sitze im Flugzeug. Der nächste Flug wäre erst in 6 Stunden gestartet.

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Ich gehe als letzter Passagier von Bord. Die Hitze Bangkoks umfängt mich unerwartet. Heiß brennt sich die Sonne in jede Pore meiner Haut. Und genauso heiß ist die Luft bei jedem Atemzug. Ich fange an zu schwitzen und kleine Schweißperlen treten auf meine Stirn. In kleinen Rinnsalen ziehen sich die Tropfen entlang meines Halses bis diese in dem Saum meines Shirts enden, das viel zu warm ist für die Außentemperatur. Wie ein dicker Teppich umhüllt mich die Hitze. Der Unterschied von fast 40 Grad zur Temperatur in Deutschland lässt mich unfähig eines tiefen Atemzugs auf dem Flugfeld zurück. Schwerfällig sind meine Schritte und ich fühle wie meine Glieder aufgrund der Hitze und des langen Fluges anschwellen. Die Passkontrolle und das Terminal empfangen mich mit einer dankbaren, unerwarteten Kälte. Ich kann wieder Luft zu holen um das heiße Brennen meines Atems in meiner Kehle zu löschen. Müde und überanstrengt bin ich endlich in Thailands Hauptstadt angekommen. 6 Stunden bin ich die Zeit zurück gereist und habe eine komplette Nacht einfach verloren. Ich schleppe mich mit winzigen Schritten zum Skytrain, der mich in das Zentrum von Bangkok bringen wird. Während in Deutschland alle Reisenden gleichzeitig und unter Einsetzen aller Ellenbogen in die Bahn stürmen würden geht es in Thailand unheimlich geordnet und ruhig zu. Gelassen und entspannt warten die Menschen vor dem Eingangstor der Straßenbahn. Ein Pfiff der Schaffnerin durch eine simple Pfeife signalisiert, dass alle aussteigenden Gäste den Zug verlassen habe. Nun kann jeder Einsteigen. Und der Ansturm nun hat tatsächlich etwas von westeuropäischen Verhältnissen.

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Bangkoks Smog nimmt mir den Atem. Ich spüre wie sich in jeder meiner Poren der Schmutz der Straßen festsetzt, unfähig mich dagegen zu wehren. Ich kann die undurchdringliche Luftverschmutzung auf meinen Lippen schmecken und merke wie ich den Dreck der Umgebung tief in meine Lungenflügel einsauge. Wie ein nebliger Dunstschleier aus Abgasen, Straßenstaub und Essensgerüchen zieht der stinkende Mief durch die belebten Gassen Bangkoks. Jedes neue Auto oder Motorrad, das mit knatterndem Auspuff vorbeifährt, scheint den Dunstkreis zum Überlaufen zu bringen. Ich hole nur im äußersten Notfall Luft, wenn ich kurz vor dem Ersticken bin. Meine Haut wird überlagert von dem filigranen feinen Dreckfilm, den Bangkoks Gerüche und Luft hinterlassen. Trotz der Verschmutzung ist die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen in der thailändischen Hauptstadt überwältigend und begegnet mir mit einem natürlichen und ehrlichen Interesse an mir als Ausländerin. Die Thais tragen zu jeder Zeit ein freundliches Lächeln auf den Lippen. Und die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel ist zum Glück auch unheimlich simple.

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In den Tempel Wat Traimit darf ich mit einem schulterfreien Top nicht eintreten. Ich hatte mich nicht gut genug über dieses Land informiert. Dass ich die Schultern bei einem Tempelbesuch verdecken muss, erfahre ich erst unmittelbar an der Tür. Ich leihe mir ein Schultertuch für ein paar Baht und verknote es vor meiner Brust. Meine Flip Flops lasse ich an der Tempeltreppe zurück. Die Schuhe auszuziehen ist ebenfalls Pflicht. Den Tempel darf man nur barfuß betreten. Unwohl und vorsichtig schleichen meine bloßen Füße die Treppenstufen hinauf. Bei so vielen Besuchern hoffe ich nicht ein unschönes Andenken in Form von Fußpilz mitzunehmen. Verrückt, dass mich ausgerechnet dieser Gedanke verfolgt. Bestimmt setze ich dennoch einen Fuß vor den anderen. Es ist wie es ist und nichts ist daran zu ändern. Vor dem Tempel versammeln sich buddhistische Mönche in orangefarbenen Gewändern um miteinander das Gespräch zu suchen. Groß ist der Drang mich zu ihnen zu gesellen. Aber Frauen dürfen Mönche nicht anfassen oder ihnen direkt etwas reichen. Andernfalls müssen sich die Mönche einer sehr umständlichen Reinigungszeremonie unterziehen. Frauen dürfen auch nicht in jeden Tempel. Durch die monatliche Menstruation gelten sie in einigen Gemeinden als unrein. Um Berührungen mit Frauen zu vermeiden sind in Bussen und an öffentlichen Plätzen üblicherweise mehrere Sitzreihen für Mönche reserviert.

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Vor dem riesigen goldenen Buddha liegen Thailänder auf den Knien. Sie haben die Hände betend zum Himmel erhoben und die Augen im Glauben an ihre Religion und die daraus resultierende Vertrautheit geschlossen. Ich habe nur einen kurzen Moment um die goldbeladene Figur zu bestaunen, der Tempel schließt bereits um 19 Uhr. Der Hunger lenkt meinen Spaziergang in den Stadtteil ‚Chinatown‘ in Erwartung vieler ansprechender Restaurants. So wirklich überzeugend finde ich aber keine Gaststätte. Auf allen Gehsteigen stapeln sich Ersatzteile von Autos. Motorteile liegen neben Bremsen und Radkappen. Der Gestank von Öl und Reinigungsmitteln mischt sich in den engen Gassen mit dem würzigen Duft der Pekingente und hinterlässt ein ekliges und widerstrebendes Aroma. Die meisten Chinesen in Bangkok sind wohl in der Automobilaufwertung tätig. Aus dem Nichts taucht zu meiner Linken ein buntes Tor mit chinesisch anmutenden Verzierungen auf. Ich stehe vor dem Tempel Tal Mai. Hier gibt es keinen überlebensgroßen Buddha, aber dafür riesige Räucherstäbchen. Neugierig und interessiert halte ich meine Nase an das Räucherwerk und ziehe den Duft tief ein. Eigentlich rieche ich gar nichts. Diese Handlung ist eine furchtbar schlechte Idee.

Die Hände abwehrend gegen mich erhoben stürmt eine ältere Thailänderin auf mich zu. Die asiatische Schimpftirade ihrer wütend ausgespuckten Worte überschüttet und hüllt mich ein wie ein steter Wasserfall aus negativen Emotionen. Ihre Mimik ist ärgerlich verzerrt und untermalt die hektischen und strafenden Bewegungen ihrer Hände. Sogleich surren aus ihrer Hand mit Schwung mehrere Räucherstäbchen in direkte Richtung auf meine Stirn. Kurz vor dem unangenehmen Aufprall wird das Räucherwerk jedoch gebremst und ich blicke argwöhnisch in die Richtung der älteren Dame. Ihr Ärgernis hat diese sichtbar noch nicht verwunden und so zettert sie unerbittlich weiter. An den Stäbchen riechen darf ich nicht. Ihre ausgestreckte ablehnende Hand legt sich schützend vor das Räucherwerk. Sie schüttelt energisch zu ihrer Gestik den Kopf. Die Räucherdüfte sind in Thailand ein Symbol für die Worte Buddhas, die durch die Welt schweifen und Menschen von Verwirrung und Leid erlösen. Räucherstäbchen sind eine beliebte Opfergabe für Buddha und sollen schlechte Geister und negatives Karma vertreiben. Sie brennen in den Tempeln ohne Unterbrechung und dürfen niemals erlöschen. Also entzünde auch ich mehrere Räucherstäbchen und stecke diese in den Sandkübel vor dem Buddhabild. Ich hoffe meine vorangehende Riechattacke wird Buddha mir dadurch verziehen.

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