Stadt ohne Mittelpunkt

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Orientierungslos drehe ich mich um die eigene Achse. Mein Kopf fliegt in sämtliche Richtungen. An meiner momentanen Lage ändert dies nichts. Die Stadt, in der ich so verloren stehe, hat kein richtiges Zentrum. Für jemanden, der grundsätzlich die Erkundung eines neuen Ortes immer in der Stadtmitte beginnt, ist dieser Umstand schwer zu begreifen. Magdeburg, die Hauptstadt Sachsen-Anhalts bietet kaum historische Sehenswürdigkeiten. Im 2. Weltkrieg wurde die überschaubare Großstadt schwer getroffen. 90% der Altstadt wurden bis 1945 durch Luftangriffe der Alliierten komplett zerstört. Nach dem Krieg haben ‚Trümmerfrauen‘ die zerstörte Innenstadt und andere zerbombte Stadtviertel aufgeräumt. Zu dieser Arbeit hatten sich alle Frauen zwischen 15 und 50 Jahren zu melden. Sie arbeiteten bei jedem Wetter in Gruppen bis zu 20 Personen. Von den beschädigten Gebäuden wurden bis heute wenige instand gesetzt. Daher bin ich immer noch auf der Suche nach einem richtigen Stadtzentrum.

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Ich schlendere über den Domplatz durch die nicht vorhandene Innenstadt. Ein kühler Wind durchfährt meine Jacke. Ich befühle mit eisigen Fingern die kalte Haut in meinem Gesicht. Die Wintersonne erwärmt die triste Szenerie und lässt die intensiven Farben des Gebäudes vor mir aufblitzen. Ich stehe vor der ‚Grünen Zitadelle‘ von Friedensreich Hundertwasser. Das Wohnhaus mit den vielen kleinen Läden und einem Cafe im Parterre durchziehen viele unregelmäßige Linien, Muster und Formen. Ich finde keinen akkuraten, geraden Strich in der Architektur. Genauso wenig wie einen zentralen Platz in Magdeburg. Eine Stadt ohne Struktur. Ich fühle mich trotzdem wohl. Vor der Renovierung durch den Künstler im Jahr 1995 war das Gebäude ein gewöhnliches, hässliches Plattenbauhaus. In den oberen Stockwerken befinden sich 55 Wohnungen und Praxen. Die Mieter des steinernen Kunstwerks haben das ‚Fensterrecht‘. Diese dürfen den Bereich der Fassade rund um die zur Wohnung gehörenden Fenster soweit ihr Arm reicht selbst gestalten. Elegant umschlingen die rosafarbenen Außenwände wie eine sich windende Schlange die beschaulichen Innenhöfe. Ein in sich geschlossenes Objekt in ständiger Bewegung.

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Mein Spaziergang führt mich entlang der Elbe. Der gemächlich dahin ziehende Fluss teilt die Stadt längs der Ufer in zwei Teile. Ein seichter Wind kräuselt die Wellen des dunklen Wassers. Die Luft ist eiskalt. Nach jedem Ausatmen steht mein Atem für Sekunden als durchsichtiger Nebel in der Luft. Feiner Raureif überzieht die letzten spärlichen Grashalme. Vereinzelt steht das laublose Gerippe eines Baumes in der herbstlichen Tristesse. Im strahlend blauen Himmel setzt langsam die Dämmerung ein. Entspannt falle ich auf einen der Stühle in einer Kneipe am Magdeburger Kiez, dem Hasselbachplatz. Die barocken Häuserfassaden, die den gesamten Platz säumen haben die Bombenangriffe des Weltkriegs weitgehend intakt überlebt. So ziemlich als einziger Ort in Magdeburg. Die ersten Nachtschwärmer schlüpfen aus den Türeingängen. Freundesgruppen strömen in eine der über 30 Lokale im umgebenden Stadtviertel. Allen ist kühl. Schnell werden die Jacken eng zusammen gezogen und die Kragen gegen die beißende Kälte nach oben geklappt. Amüsiert beobachte ich die verbissenen Gesichter. Zufrieden lehne ich meinen Rücken ans Sitzpolster meines Stuhls. Ich drücke meine Waden gegen die Hitze der Heizung und winke dem Kellner. ‚Einen Glühwein bitte.‘

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