Ein ungewöhnlicher Kinnhaken

Schmerzfältchen überziehen Sergijes dunklen Teint und hinterlassen ein Muster aus kleinen Furchen auf seinem Gesicht. Er presst die Handfläche auf die schmerzende Hautstelle am Kinn. Die gespreizten, verkrampften Finger versuchen den blässlichen, blaugrünen Fleck am Kinn zu überdecken, der immer mehr zum Vorschein tritt. Ein blutiger Kratzer zieht sich als dunkelrotes Mal in gerader Linie über seinen gesamten Handrücken. Ich hatte mich heute morgen schon gefragt welcher Idiot gestern Abend die Klappleiter vor dem Bett in die Mitte des Zimmers gestellt hatte. Was wenn jemand, der oben schläft nachts das Bad aufsuchen muss? In unserem Mehrbettzimmer befinden sich 6 doppelstöckige Betten. Die hölzernen Leitern zum Hochklettern sind nicht an den Bettgestellen befestigt. Lose stehen diese aufgeklappt einfach vor den Stockbetten. Wir hatten gestern unseren Abend mit gutem serbischem Wein ausklingen lassen und waren spät Schlafen gegangen. Sergije war auf dem Weg ins Bad aus dem Bett gefallen, hatte durch seinen Sturz die Leiter in die Zimmermitte katapultiert und sich beim Aufprall ein Veilchen am Kinn zugezogen. Jetzt sitzt er jammernd vor mir und hält sich immer noch die Gesichtspartie unterhalb des Mundes.

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Ich beginne zu frühstücken. Begleitet von den monotonen Schnarchgeräuschen unseres Hostelwirts, der mitten im Aufenthaltsraum mit seiner Freundin und den drei Katzen in einem Hochbett schläft. Unter dem Bett befinden sich Arbeitsplatz und Schreibtisch. Zum gleichmäßigen Takt der sonoren Geräuschkulisse löffle ich meinen Joghurt und nippe an meinem Kaffee. Bei jedem Abstellen der Tasse klebt deren Boden am Holztisch fest. Das Hostel ‚Three Black Cats‘ wird nicht wegen seiner Sauberkeit empfohlen, sondern wegen der netten Gäste und dem liebenswerten Besitzer. Dieser hatte uns gestern noch mit einer Flasche Wein versorgt, als wir alle schon leicht benebelt waren. Deshalb ging es Sergije heute nicht so gut. Man braucht hier auf jeden Fall Flip Flops zum Duschen und sollte keinen grundsätzlichen Sauberkeitswahn haben.

800px-Serbian_Academy_of_Arts_and_Sciences_in_Belgrade                                         Quelle: Wikipedia, Urheber und Fotograf: Flickr

Interessante Reisende gibt es hier viele. Gestern Abend hatte ich mich mit einem Engländer unterhalten, der von London mit dem Fahrrad bis nach Indien fahren wollte. Um den streunenden Hunden in der Türkei zu entgehen, die oft Radfahrer beißen, hat er Spritzen gegen Tollwut im Gepäck. Zwei davon hatte er sich schon vor Beginn der Reise gesetzt und einmal sogar dazu Bier getrunken. Daraufhin war er in den Straßen Londons aufgewacht ohne wirkliche Ahnung was ein paar Stunden zuvor passiert war. Den Rest der Spritzen hebt er sich nun für den Akutfall auf. Momentan schläft er noch im Nachbargebäude, hier gab es gestern kein verfügbares Bett mehr. Er hat ebenfalls einen Reiseblog, auf dem man seine angefahrenen Stationen nachverfolgen kann. Mit Alex aus Utrecht hatte ich gestern noch einen Spaziergang durch das abendliche Belgrad gemacht. Er hat mir die digitale Währung Bitcoin erläutert. Über das Internet können die virtuellen Münzen als Zahlungsmittel direkt von Computer zu Computer versandt werden. Alles ohne eine zentrale Stelle wie eine Bank etc. einzubinden. Dadurch sind die anfallenden Gebühren viel geringer und die Währung kann auf der ganzen Welt benutzt werden. Das eigene Konto kann auch niemals eingefroren werden.

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Um Bitcoins zu nutzen muss man sich auf einem Internetportal anmelden als Bitcoin Miner. Man sucht dann die Münzen, die in einer digitalen Geldbörse verstaut werden. Immer wenn man eine Transaktion tätigt, läuft eine elektronische Signatur mit. Ein anderer Miner bestätigt dann den Geldtransfer und ein System in beiden Computern registriert den Kauf. Betrügen kann hier also niemand. Bitcoins können dann auch in die jeweilige Landeswährung getauscht werden. Man kann so ziemlich alles kaufen. Von Videospielen über Alpakaasocken. Während wir erzählen schlenderten wir durch die Kopfsteingassen des alten Belgrad. Unser Spaziergang führt uns bis zur Kalemegdan Zitadelle. 115 Kämpfe wurde hier gefochten, 40 Mal wurde die kleine Festung bereits zerstört. Die Kelten hatten die überschaubare Burg gebaut und hier gesiedelt. Heute befinden sich rundum kleine Cafes, in denen man die letzten Sonnenstrahlen des Nachmittags mitten in der serbischen Hauptstadt genießen kann. Uns steht der Sinn nicht nach Stillsitzen. Die Sonne ist fast untergegangen und taucht den Horizont in ein Farbspektakel aus Orange und Rot. Kleine, zerrissene Wolkenfetzen sprenkeln den Himmel und bedecken die untergehende Sonne wie ein feiner Nebelhauch.

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Skadarlija_street,_Belgrade,_Serbia                                         Quelle: Wikipedia, Urheber und Fotograf Zoran Životić, Uploader: ZivojinMisic slike

‚Musst Du nicht los?‘ Sergejs Frage reißt mich aus meinen Gedanken. Der Fleck auf seinem Kinn hat sich zu einem lilablau gewandelt und die Stelle ist merklich angeschwollen. Hektisch blicke ich auf die Uhr. Stimmt, ich muss zum Bus. Dieser bringt mich zum Flughafen. Bald geht meiner Flieger zurück nach Deutschland. Flüchtig gebe ich dem leidenden Serben einen Kuss auf die schmerzende Hautstelle und hole meinen Koffer. ‚Ich komme wieder.‘ rufe ich noch. Ich winke zum Abschied. Dann fällt die Tür hinter mir ins Schloss.

 

 

 


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